vonlottmann 06.09.2019

Auf der Borderline nachts um halb eins

„Sein Borderline-Blog ist der Schlüssel für das Gesamtwerk des wohl besten Autors unserer Tage“ – Rainald Goetz

Mehr über diesen Blog

Und auch der angesehene Wiener Salonmaler Thomas Draschan war lange Zeit eher dafür bekannt, in jedem zweiten hochbürgerlichen Wohnzimmer im ersten Bezrik wandfüllend über dem Sofa zu hängen.

Damit ist es nun vorbei. Wir beide – auch persönlich haben wir einen guten Draht zueinander – beteiligen uns an der Ausstellung „Kunst gegen Rechts“ in den Berliner Uferhallen. Ich habe einen Essay über den linken Avantgardisten WOLFGANG NEUSS verfaßt, der in den 50er Jahren so wild und links auftrat wie nach ihm nur noch (oder erst wieder) die Hippie-Generation zwei Dekaden danach. Dieser Essay hängt demnächst gerahmt und kritisch kommentiert im Museum.

Was mich zum wichtigsten Punkt führt, zu den Uferhallen. Sie sollen bald geschlossen, abgerissen und aus dem kollektiven Gedächtnis getilgt werden. Ein Investor hat das Gelände der Stadt abgekauft. Hier, wo noch in den 80er Jahren real existierende Industriearbeiter Produkte für die deutsche Exportwirtschaft hergestellt hatten, war zuletzt ein Eldorado für junge Künstler entstanden (übrigens maßgeblich angestoßen durch Thomas Draschan und Manfred Peckl). Ateliers, Galerien, Musikbühnen, Ausstellungsräume, Werkstätten für Künstler, Cafes, Kantinen, Ruheräume und sogar ein Basketballfeld zogen immer mehr aufstrebende Künstler und noch mehr das Berliner und das internationale Publikum an. Kein Wochenende ohne eine Anzahl verschiedenster Avantgarde-Vernissagen. Und das in der Regel ohne einen Eintrittspreis.

(Foto: Caspar König, einst bedeutendster Galerist in einer Welt, die Köln noch vor New York und Basel reihte, letzten Sonntag vor der Galerie ‚DIE BOTSCHAFT‘ in den Berliner Uferhallen im Gespräch mit dem Autor).

Thomas Draschan ist wieder – keine Überraschung – mit großformatigen Werken vertreten. Aber nicht nur. Der letzte lebende „Neue Wilde“ (oder auch: bürgerliche Parade-Bohemian) hat sich recht klug und zeitgemäß zum glühenden Umweltaktivisten gemausert. Verglichen mit ihm ist Greta Thunberg nur eine unbedeutende kleine Rotzgöre, die zuviel Pippi Langstrumpf gelesen hat. Draschan, vielen vor allem noch als Frauenschreck in fürchterlicher Erinnertung, lebt inzwischen in einer stabilen Beziehung und veröffentlicht Aufrufe gegen die Klimazerstörung. Seine Arbeiten drehen sich zunehmend um Waldsterben und Autoterror. Er ist zum fanatischen Fahradfahrer geworden.

(Foto: Thomas Draschan zeigt Zivilcourage. Vom erfolgsverwöhnten Großkünstler entwickelte er sich zum mutigen Fahradaktivisten. Eine Berliner Zeitung nennt ihn schon einen „Kampfradler“.)

Zuletzt veröffentlichte er ein artifiziell anmutendes Großfoto, das seine blutende Faust zeigt, mit der er gerade die Seitenscheibe eines Taxis zertrümmert hatte, das ihm die Vorfahrt nehmen wollte. Die Botschaft versteht sogar ein Dreijähriger: Die Vorfahrt haben WIR, die Radfahrer! Fegt die Autos von unseren Wegen! Vertreibt die Treibhausgase mit aller Kraft, jetzt, mit bloßer Faust! Das Berliner Stadtmagazin ‚Zitty‘ brachte ihn damit auf den September-Titel und verkaufte das Heft nicht schlecht. Draschans Verlobte, eine erfolgreiche junge Frau mit Festanstellung (in Berlin so selten wie Vierlingsgeburten in der Charitee), verteilte die Ausgabe vor dem Fraktionsgebäude der CDU im deutschen Bundestag. Andreas Scheuer dürfte es eiskalt den Rücken runtergelaufen sein, als er beim Aussteigen aus seiner CO2 Schleuder Audi W12 den blutigen Arm des mutigen Umwelt-Helden sah, also das Foto davon, oder ganz genau: das art piece, das Draschan daraus gemacht hat. Es hängt in einer der zahllosen, naturgemäß etwas unübersichtlichen Uferhallen. Man verliert sich leicht in ihnen, weil einen immer wieder neue Arbeiten in den Bann ziehen und ablenken.

(Foto: Der jetzt schon international etablierte Starfotograf Stefan Draschan mit einer aufstrebenden Jungkünstlerin in den Berliner Uferhallen.)

(Foto Titelbild: Zoe, eine der vielen ehrenamtlichen UnterstützerInnen der Berliner Uferhallen, sieht sich Arbeiten der Galerie DIE BOTSCHAFT an.)

 

 

 

 

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/lottmann/2019/09/06/joachim-lottmann-und-thomas-draschan-werden-politisch/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.