vonlottmann 27.09.2019

Auf der Borderline nachts um halb eins

„Sein Borderline-Blog ist der Schlüssel für das Gesamtwerk des wohl besten Autors unserer Tage“ – Rainald Goetz

Mehr über diesen Blog

Die fünfziger Jahre waren für alle, die sie miterlebt haben, die schönste Zeit der Welt. Wenn man das heute jemandem erzählt, also einem heute Lebenden, so wird der entsetzt die Augen verdrehen. Schöne Zeit? Die Fünfziger? What the fuck soll das? Ein ärgerlicher Scherz? Die Spitze eines unbegreiflichen Zynismus?
Eine nachwachsende Generation hat sich daran gewöhnt, die fünfziger Jahre als Inbegriff des Verlogenen, Muffigen und Spießigen zu sehen. In später gedrehten Dokumentationen und Spielfilmen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens wird die Zeit als politisch niederträchtig dargestellt. In depressiven Grautönen werden herrische Kriegsheimkehrer gezeigt, die ihre Kinder verprügeln. Ein allgemeiner Ekel vor dem Leben herrscht bei diesen missratenen Figuren vor.
Aber so war es nicht. Im Gegenteil. Nie zuvor war eine Generation so glücklich gewesen. Vor allem glücklich, dem Tod entronnen zu sein. Nicht nur dem Tod, sondern Tausenden davon, tausend Fliegerangriffen, tausend Tagen unausgesetzter Apokalypse. Das Glück, dennoch am Leben geblieben zu sein, gegen alle Wahrscheinlichkeit, war grenzenlos, und meist nicht völlig zufällig. Überlebt haben nicht zuletzt auch die, die unbedingt, unter allen, wirklich allen denkbaren und undenkbaren Umständen, überleben wollten, und zwar aus dem naheliegenden Grund, daß sie das Leben besonders liebten. Ich weiß das, weil meine Eltern mir von dieser Zeit erzählten, diesen zehn, vielleicht sogar zwanzig wunderbaren Jahren, die man Nachkriegszeit nannte. Sie erzählten freudig und ausführlich, regten meine Phantasie dabei an, und diese leuchtenden, vielfältigen, sich keinesfalls wiederholenden Geschichten führten bei mir am Ende dazu, daß ich sie aufschreiben und Schriftsteller werden wollte.
Es gab auch viele Filme, die in dieser Zeit gedreht wurden. Die Filme der fünfziger Jahre. Ich habe sie gern gesehen, als Kind und Jugendlicher zwanzig Jahre später, wenn sie am Sonntag Nachmittag in den dritten Programmen des Fernsehens liefen. Diese strahlend bunten Vierfarb-Filme waren nicht nur auf den ersten Blick die pure Lebensfreude, sondern, wie ich heute weiß, auch auf den zweiten und dritten. Bis in die letzte Nebenrolle hinein war sie zu spüren, diese Aufgewecktheit und positive Emotionalität, in den Gesichtern, in den Körpern, in der Kleidung, in der Einrichtung und in den blitzblanken, fabrikneuen 50er-Jahre-Autos. Meist waren es Cabriolets, und sie hießen, wie mein älterer Bruder mir verriet, DKW Junior, Ford Taunus, Opel Kapitän Borgward Isabella oder NSU Prinz. Die Menschen saßen darin wie Schneekönige, um ein Wort dieser Zeit zu verwenden. Und die Schauspieler hießen, wie unsere Mutter uns aufgeregt versicherte, Rudolf Pack, Marianne Koch, Paul Hubschmid, Liselotte Pulver oder Romy Schneider. Und natürlich viele andere, auch ältere, bis hin zu Johannes Heesters. Nur zwei ragten aus diesem Gute-Laune-LSD-Trip heraus, und über die sprachen unsere Eltern lieber nicht: Klaus Kinski und Wolfgang Neuss.
Das waren die beiden Spielverderber.
Über Klaus Kinski muß man nicht mehr viel sagen. Im realen Leben mißbrauchte er Heerscharen von Frauen, selbst die eigenen Töchter, und im Film benahm er sich mehr oder weniger genauso. Es ist eine alte These von mir, daß Menschen im Film nicht anders sind als im Leben. Man sieht ihnen doch alles an. Vor allem den Charakter.
Bleibt noch Wolfgang Neuss. Er spielte, wie Freund Kinski, immer den Außenseiter und Nörgler, allerdings weniger geisteskrank. Kinski war in seinem Sadismus individueller und der Welt entfernter als Neuss. Dem schien eher das allgegenwärtige Wirtschaftswunder nicht zu schmecken.
Wohlstand, Aufstieg, Liebe, Familie, Kinder? Wozu? Schöne Frauen, junge Liebe, Tanz und Freude? Na und? Die Glücksgefühle der Freundschaft, das erste selbstverdiente Geld, die Vollbeschäftigung in Deutschland, das noch intakte Bildungssystem, die schönen Universitäten? Scheiß drauf! Die herrliche Musik der Zeit, von Elvis Presley bis Rita Pavone, er nahm sie nicht wahr. Stattdessen holte er in jedem zweiten Film seine alte Holzklampfe hervor und nervte mit traurigen Moritaten.
Das war also Wolfgang Neuss. Der Mann, der schon in den 50er Jahren die Welt so negativ sah, wie wir sie heute sehen. Um genauer zu sein: wie die zehn Jahre nach ihm aufkommende 68er Generation sie sah.
Er war also seiner Zeit um mindestens eine Dekade voraus. Ist das ein Verdienst? Sicherlich. Aber war seine Sicht auch richtig?
Das kann grundsätzlich niemand sagen. Jede Generation sieht und bewertet die Geschichte neu. Heute sind wir felsenfest davon überzeugt, daß die Geschichtsschreibung der 68er unumstößlich richtig ist. Aber in zehn Jahren kann das anders gesehen werden.
Die USA ein imperiales, faschistoides Monster, gegen das mutige Befreiungsbewegungen heroisch kämpften? Längst wissen die Fachleute, daß es genau umgekehrt war. Die Methoden des Vietcong waren bestialisch. Sie kamen in die Dörfer und erschossen einfach jeden, der nicht mitmachte. Befreier? Die Amerikaner waren es, die die Völker von dieser Schreckensherrschaft befreien wollten. Die treuherzig den Job tun wollten, den sie schon im Zweiten Weltkrieg getan hatten.
Später sind dann Hunderttausende ins Meer gesprungen und ertrunken, um bloß nicht von den Kommunisten befreit zu werden. Bei uns hat das niemanden interessiert – im Gegensatz zu den heute im Mittelmeer Ertrinkenden – denn damals, Mitte der 70er Jahre, hatte sich die Geschichtsschreibung der Linken vollständig durchgesetzt. Wolfgang Neuss hatte sich durchgesetzt, sozusagen.
In den 50er Jahren konnte das – außer ihm offenbar – niemand vorhersehen. Auch damals tobte ein Krieg, ein zum Verwechseln ähnlicher, aber es war undenkbar, in den Aggressoren aus Nordkorea etwas Gutes zu sehen. Neuss tat in dieser Zeit nur eines, und das exzessiv: in möglichst vielen Filmen mitzuspielen.
Seine Filmographie ist endlos. Er muß einen guten Agenten gehabt haben: es gab wohl kaum einen Spielfilm dieser Zeit, in der nicht ein paar Drehtage für ihn abfielen. Als sei ein deutscher Spielfilm ohne ihn nicht vollständig. Er scheint so etwas wie die Ausnahme von der Regel gewesen zu sein, das Symbol des Verdrängten, die böse Seele in einer sonst zu guten, zu himmlischen Welt. Er durfte also schimpfen und stänkern, mit seiner nasalen Meckerstimme ein paar Sätze sagen. Eine Hauptrolle wäre zuviel gewesen, oder eine prägnante Nebenrolle. Er hatte noch nicht einmal eine Funktion in der Handlung. Er war in der Regel einfach nur da. Der Typ irgendwo, der halt gerade keine gute Laune hatte. Der Miesepeter, auf den keiner achtete. Der eben dazugehörte, basta, und mehr auch nicht. Die Welt war so schön, da konnte man auch so einen mühelos verkraften.
Es gibt doch dieses berühmte Bild, eine Ikone der Pressephotographie, mit Merkel und der siegreichen Nationalmannschaft, in der Umkleidekabine nach dem Finale der Fußball Weltmeisterschaft. Alle rasten komplett aus vor Euphorie: die Kanzlerin, der Bundespräsident, die Spieler, der Trainer, der Torschütze, sogar Bastian Schweinsteiger, alle. Wir sind Weltmeister! Mehr kann man nicht erreichen auf diesem Planeten! Die ganze Bevölkerung hüpft wahrscheinlich in die Luft in diesem Moment! Nur ganz am Bildrand, Meter vom Gruppenfoto entfernt, noch im Gang, kauert ein einsamer Spieler und bindet sich leise fluchend die Schuhe zu. Es heißt Tony Kross und ist der Wolfgang Neuss unter den Fußballern.


Der Filmschauspieler Neuss war sozusagen stets am Bildrand mit dabei. Eine kleine Auswahl beliebter Filme: Pension Schöller (1952), Keine Angst vor großen Tieren (1953), Auf der Reeperbahn nachts um halb eins (1954), Die drei von der Tankstelle (1955), Charleys Tante (1956), Ferien auf Immenhof (1957), Wir Wunderkinder (1958), Rosen für den Staatsanwalt (1959). Das sind acht Filme von 37, die er in dieser Zeit drehte. Von da an drosselte er das Tempo. Die Günter-Grass-Verfilmung ‚Katz und Maus‘ (1966) war sein 49. Film und sein nahezu letzter. Von da an widmete er sich fast gänzlich dem Kabarett, seinem eigentlichen Beruf. Das Filmen war ihm wahrscheinlich völlig ambitionslos einfach ein Gelderwerb gewesen. Jedenfalls sah er so aus, wenn er ins Bild kam.
Interessanterweise starb genau zu dieser Zeit der deutsche Nachkriegsfilm und wurde durch den ‚Neuen Deutschen Film‘ ersetzt. Das waren düstere, handwerklich miserabel gemachte Streifen, die den Zuschauer moralisch belehren sollten. Da niemand das sehen wollte, ging überall das Geld aus, und der Staat sprang ein. Für Wolfgang Neuss war nun nicht mehr genug übrig; die allabendlichen Auftritte brachten ihm mehr ein.
So wissen wir nur noch wenig über sein Aussehen in der Zeit nach 1966. Man betrachtete entsetzt die Fotografien, die in der Zeitung auftauchten. Er schien in kurzer Zeit um Jahrzehnte gealtert zu sein. Er hatte lange, ungewaschene, zottelige Haare und einen fast zahnlosen Mund. Er selbst fand es lustig, immer wieder auf seinen Drogenkonsum hinzuweisen. Ohne Zweifel hatte er schon täglich Haschisch geraucht, als andere das Wort noch nicht kannten. Als es dann alle nahmen, also Anfang der 70er Jahre, wurde sein Verbrauch derart hemmungslos, daß man glauben mochte, er wolle die jüngere Hippiegeneration einfach übertreffen.
Er wohnte in jenem ranzigen, schrottigen, verwahrlosten West-Berlin, das noch gefühlte Jahrhunderte von den sauberen BoBo-Zuständen des nächsten Jahrhunderts entfernt war. Er empfing ständig Besucher, konnte nicht allein sein, und alle berichteten, er sei 24 Stunden am Tag bekifft gewesen.
Seine ganze zweite Lebenshälfte war entsetzlich. Sein Tod war entsetzlich. So hat ihn der liebe Gott bestraft für alles.

Joachim Lottmann

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/lottmann/2019/09/27/kunst-gegen-rechts-zeigt-wolfgang-neuss-im-film-der-nachkriegszeit/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.