vonlottmann 31.12.2019

Auf der Borderline nachts um halb eins

„Sein Borderline-Blog ist der Schlüssel für das Gesamtwerk des wohl besten Autors unserer Tage“ – Rainald Goetz

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An Weihnachten, am 24. Dezember, schloß das Bellaria Kino. Es war ein auf der ganzen Welt einzigartiger Ort, an dem Vergangenheit zum Leben erweckt wurde. Fast ein Wunder. Eine Zeitmaschine. Wer im Bellaria Kino saß, befand sich für anderthalb Stunden in der Zwischenkriegszeit, in der Kaiserzeit, oder in den glückseligen fünfziger Jahren.
Die Besucher waren oft so alt wie die Filme, neunzig Jahre und darüber, sozusagen im besten Johannes Heesters Alter. Sie kannten die Streifen noch aus der Zeit, als die Premiere hatten.
107 Jahre hatte das Kino durchgehalten, aber am Ende waren fast alle Besucher tot. Nur noch eine Handvoll kamen pro Vorstellung, näherten sich im Zeitlupentempo dem Kassenhäuschen, kamen nicht mehr ohne Hilfe aus den alten Filzmänteln, blickten versunken auf die schwarzweißen Filmphotographien im Schaukasten. An einem bestimmten Tag in der Woche kam auch eine Dreiergruppe, Frauen mit dicken Brillen, ausfallenden Haaren und Baskenmützen, dann wurde es gleich lebhafter. Sie erschienen viel zu früh und schnatterten angeregt über ihre Lieblinge, die sie gleich wiedersehen würden, Hans Albers, Viktor de Kowa, Paula Wessely, Gustaf Gründgens, Willi Forst und und und.
In der letzten Woche wurde nochmal alles geboten. „Mein Herz darfst Du nicht fragen“ mit Willi Birgel, „Ich heiße Nicki“ mit Paul Hörbiger, „Das Ferienkind“, ebenfalls mit Paul Hörbiger, der ja in jedem zweiten Film mitspielt. In jedem ersten Hans Moser. Diese Filme sind eine Art Volksfolklore oder Volksreligion, vergleichbar der ebenfalls ausgestorbenen echten, der katholischen. Da gehen ja auch nur noch ein paar steinalte Mütterchen hin.
„Scampolo“ mit Romy Schneider und Paul Hubschmid wurde am Montag gespielt, ein geradezu moderner UFA Farbfilm von 1957 in den prächtigsten Agfacolorfarben. Da kam noch einmal eine Italiensehnsucht auf, die man keinem beschreiben kann, der den Film nicht gesehen hat. Ein Italien der vielen vorlauten Kinder, in dem die Menschen noch gesungen haben. Theoretisch könnte man ihn als DVD auch zuhause sehen, doch die Kinowirkung ist eine andere.
Es beginnt mit der Anfahrt. Das alte Gründerzeithaus in der Museumsstraße 3 liegt inmitten anderer kolossaler k.u.k. Bauten der Wiener Innenstadt und direkt neben dem ehrwürdigen Volkstheater. Man erreicht es über die berühmte Ringstraße, erbaut 1868. Tritt man ein und nähert sich dem Kassenhäuschen, blickt man in das zarte Stummfilmgesicht von Kirstin, die die Karten verkauft. Leinwandweiße Haut, schwarze Prinz Eisenherz Frisur, verträumte wasserblaue Kinderaugen, wie die von Lillian Gish, dem großen Stummfilmstar aus der Kaiserzeit. Obwohl im 21. Jahrhundert geboren, schwärmt Kirstin von Theo Lingen. Ein Rätsel, das kein Psychiater mehr lösen wird.
Dann sieht man die Alten. Jetzt, da die Schließung bekannt ist, sind natürlich sehr viel mehr da. Panik hat alle erfaßt, die das Kino kannten. Die Vorstellungen sind fast ausverkauft. Schon eine Stunde vor Beginn stehen viele im Foyer und reden aufgeregt miteinander. Hinter der kleinen Balustrade werden immer noch ‚Manner‘ Schnitten, Erdnüsse und Limo verkauft, und sogar einen winzigen Kaffeeautomaten gibt es, fünfzig Cent der Becher. Kirstin muß das alles allein machen, es gibt keinen zweiten Angestellten pro Vorstellung. Sogar den Film startet sie.
Das Foyer ist so abschüssig wie der Kinosaal, sodaß manche Alte leichter zum Platz gelangen als zurück. Ohne Krücken und Gehstöcke geht wenig. Das Kino war in der Monarchie noch größer und hat jetzt, nach der Renovierung von 1926, noch immer 246 Sitze. Auch 1943 hat man einiges ausgebessert, wohl kriegsbedingt.
Im Zuschauersaal selbst ist es geradezu finster, die Wände sind einmal karmesinrot gewesen und jetzt stark abgedunkelt. Sechs schwache Glühbirnen hinter Porzellanverkleidungen spenden ein fahles Licht, das wie Mondlicht auf die tiefliegende Eichenholz-Bestuhlung fällt (man kann richtig sehen, wie es fällt). Insgesamt wirkt das Kino aber recht unversehrt und intakt, als könne es durchaus noch weitere 107 Jahre spielen.
Der Betreiber hat aber keine Kraft mehr. Er heißt Erich  Hemmelmayer, hat das Bellaria von seinem Vater geerbt und ist selbst schon ein alter Mann. Er will sich gar nicht mehr um einen Nachfolger kümmern, obwohl es Angebote gibt. Zum Beispiel würde Andre Heller gern das Haus übernehmen. Wahrscheinlich ahnt der alte Besitzer, daß dann nicht mehr „Die goldene Stadt“ von Veit Harlan und „Ein Herz kehrt heim“ mit dem jungen Maximilian Schell gespielt würden, sondern heute produzierte Nostalgiefilme, die jetzige Phantasien auf die Vergangenheit projizieren, zum Beispiel Hellers Kitsch-Revue „Afrika, Afrika!“. Ideologisch wäre das zwar besser, aber ansonsten ohne Wert. Da macht er lieber zu.
Am Sonntag spielten sie um 14 Uhr „Drei Frauen um Verdi“ von 1936, wieder so ein Geniekult-Film. Meistens lauten die Titel dieser Filme immer wie der Name des jeweiligen Genies, etwa „Mozart“, „Wagner“, „Bismarck“ oder „Der Alte Fritz“. Der Ton ist diesmal unerträglich aufgedreht und übersteuert, damit die halbtauben Alten doch noch etwas verstehen. Die Leinwand flimmert gottserbärmlich, Streifen ziehen durchs Bild, es „schneit“, die Kontraste sind im Laufe der letzten 83 Jahre ausgeblichen. Dennoch ist es aufregend. Man sieht, wie Menschen damals lebten, wie sie sich einrichteten, was sie schön fanden, wie sie redeten. Kein nachträgliches Urteil und Guido Knopp Gewäsch verfälscht den Blick oder vernichtet ihn.
Schauspielkunst und Filmhandwerk befanden sich auf dem Höhepunkt. Große Schauspieler spielen ja keine Rollen, sondern sich selbst; dadurch entsteht Wahrheit. Man gewahrt, wie die Welt und die Menschen einmal WAREN (nämlich ganz anders als heute), sieht gewissermaßen die Sache selbst, nicht die Interpretation.
Auch sieht man endlich, wie Opern aufgeführt wurden, als deren Komponisten noch lebten. Der „Verdi“-Film ist ja ein Opernfilm. Das war eine beliebte Gattung, als Kinogänger noch nicht das Geld hatten, eine echte Oper zu besuchen. Man sieht die Mailänder Scala im Jahre 1853. Wahrscheinlich hat sie wirklich so ausgesehen: ein opulentes Bühnenbild mit der Ausstattung von Mehrzimmer-Palästen, samt allen Möbeln, Vorhängen, Ehebetten und tausend Gegenständen, sowie Menschen aller Art und Stand, Personal, Soldaten, Minister, Chormädchen, Sklaven und Maitressen. Die Beleuchtung: nur Kerzen. Die Musik: nur Stimmen und das Orchester, unverstärkt. Was für ein Kontrast zum heutigen Video-, Event- und Effekttheater, wo hinter schwarzer Betonwand drei Figuren plus Anna Netrebko die bezuglosen Noten absingen…
Die zweite Vorstellung um 15.45 Uhr ist ein Paul Hörbiger Film. Dazwischen stehen die Greise wieder im Foyer, krächzen über den Film oder blicken gerührt auf die überlebensgroßen Schwarzweiß-Schauspielerportraits an den Wänden. Nicht am traurigen Ende ihrer Laufbahnen sind die Stars dort verewigt, sondern an ihrem Beginn in den 30er Jahren. Heinz Rühmann frisch verliebt mit seiner späteren Frau Hertha Feiler. Paula Wessely noch in ihrer Stummfilmzeit und berückend schön. Der göttliche Heesters natürlich, im Frack, mit Zylinder und weißen Handschuhen, wunderbar. Oskar Werner als junges Mitglied der Burg 1947. „Mei, der Rudolf Prack…!“  haucht eine ältere, äußerst fein gekleidete Dame. In den war sie im Lyzeum verliebt gewesen, gibt sie zu.
„Heute auch noch?“
Verlegen faßt sie sich an das Jäckchen, ordnet das feine Hermez Tuch, das den Hals bedecken soll. Nirgends sonst sieht man zugleich so fein und so nachlässig gekleidete Seniorinnen zusammen in einem Raum stehen wie hier (Männer gibt es keine mehr, die sind schon unter der Erde). Denn einige sind wohl extrem arm und bereits Pflegefälle. So kommen die einen mühsam aus dem Heim und die anderen mit dem Taxi aus dem Palais. Gemeinsam ist ihnen die Angst vor den lärmenden jungen Leuten in den normalen, den Multiplex-Kinos. Und ihre Abneigung gegen Handys.
Kein Film wird mehr ausgelassen, in dieser letzten Woche. Am Freitag sieht man zum gewiß letzten Mal Marianne Hoppe auf der Leinwand. 1936, mit Gründgens.
Es ist immer wieder erstaunlich, was Männer früher alles durften, ja mußten. Wieviel sie einsteckten im Liebesspiel, an Zurückweisung und Niederlage, das war brutal. Es siegte stets der Freche, der Draufgänger, der Übergriffige. Wer eine Frau rücksichtsvoll behandelte, hatte als Jammerlappen und Warmduscher bald ausgespielt.
Und dann die Behandlung und die Rolle der Kinder. Vor allem in den Hans Moser Filmen sind sie der Dreh- und Angelpunkt. Sie werden geherzt, gezupft, umarmt, geknutscht, gepackt, geschlagen: sie scheinen der körperliche Bezugspunkt der ansonsten asexuellen Probanden zu sein. Die einzigen Menschen, die man anfassen darf. Die man gefahrlos lieben darf. Dagegen sind Frauen entweder gefährlich oder zickig oder tabu. Männer sind nur Panzer. Klaus Theveleit („Männerphantasien“) wußte das auch, aber hier sieht man es.
Nun nicht mehr. Eine weitere unserer Traditionen ist versunken. Die junge Kassiererin hat keinen neuen Job und geht im neuen Jahr nach Südkorea. Warum sollte sie hierbleiben? „Ich mag die Vergangenheit, es war damals nicht so dreckig wie heute. Trotzdem lebe ich lieber heute, weil ich ohne meinen Laptop nicht sein mag.“
Der Autor bleibt. Die wirbelnden, viel zu euphorischen Wortkaskaden wird er noch ein paar Tage im Kopf behalten: „Ja, die Frau Kommerzienrat, ja küß‘ die Hand gnädige Frau, wie ich mich freue, ja kommen’S her, ja lassen’S sich anschaun gnä’ Frau, bitte gleich, bitte sehr, ja is dös eine Freude!“
Und dann wird er das alles vergessen. Nur der enervierende Kastratentenor von Johannes Heesters im Lied „Immer nur Du“ aus dem gleichnamigen Film von 1941 wird ihn wohl noch ein paar Wochen länger verfolgen.
(Der Text wurde erstmals am 31.12.2019 in der Tageszeitung DIE WELT veröffentlicht.)

 

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