vonlottmann 31.12.2019

Auf der Borderline nachts um halb eins

„Sein Borderline-Blog ist der Schlüssel für das Gesamtwerk des wohl besten Autors unserer Tage“ – Rainald Goetz

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Die eine Hälfte, das waren die Jahre bis 2015, die andere Hälfte war die Zeit seit der Flüchtlingskrise. Letztere dauert noch an und wird sogar noch schlimmer, so wie im letzten Jahrhundert die Zeit nach dem Zivilisationsbruch von 1914 nicht einfach nach einigen Jahren wieder aufhörte, sondern weitere Katastrophen nach sich zog. Aber ich will nicht unken. Das Theoretische ist nicht meine Stärke.

Fakt ist: Ich war seit knapp drei Wochen fünfzig Jahre alt, als das Jahrzehnt, das heute endet, begann. Kurz zuvor hatte ich meinen Blog „Auf der Borderline nachts um halb eins“ bei der taz eröffnet. Bis dahin hatte ich „nur“ im Printbereich geschrieben, und zwar bei der taz und bei der ebenfalls überregionalen Zeitung DIE WELT (die freilich, soviel Ehrlichkeit muß sein, im Verdacht stand, Springer-nah zu sein). 597 online Beitäge sind es dann geworden, was mir die VG Wort stets üppig honorierte. Gegenüber den Print Honoraren war das schon ein gewaltiges Plus. Aber auch auf anderen digitalen Kanälen legte ich nun richtig los: auf Facebook seit Juni 2010, schließlich auch auf Twitter und zuletzt auf Instagram.

Das ist nun vorbei. Denke ich an die guten ersten fünf Jahre des Jahrzehnts, tut es mir leid. Die sozialen Netzwerke waren damals eine enorme Steigerung meiner Lebensqualität gewesen. Obwohl introvertiert und fast schon krankhaft autistisch wie viele Schriftsteller, gelang es mir, nicht nur drei oder vier Freundschaften aktiv zu pflegen, sondern dreimal so viele. Das schuf einen viel größeren Horizont und ein souveräneres, potenteres Lebensgefühl (vulgo: Glück). Das änderte sich, wie gesagt, ab etwa 2015. Da es so oft schon beschrieben wurde, der sogenannte Verfall der Sitten und der Sprache im Internet, will ich an diesem Punkt so kurz verweilen wie nur möglich. Selbst die Beschreibung dieses Zustandes verlängert ihn. Lieber nehme ich ein Beispiel, das sagt mehr als jede Analyse. Ich fische wahllos dass letzte Posting meines besten Freundes aus dem Netz, es geht so, inklusive aller Schreibfehler und inhaltlicher Rätsel: „Der besorgte bürger, der dasnochmalwirdsagenwollendürfen, der deutschekulturmensch der überlegenen weissen goetherasse, der zivilisierte, gebildete leitkulturvertreter, er möge scheissen gehen, und den besten beethoveninterpreten der welt in ruhe spielen lassen!“

Was ist der Zusammenhang? Seine Follower werden es wohl wissen. Ich kann lediglich sagen, daß es sich nicht um einen epileptischen Anfall handelt, sondern daß der Gute sonst noch viel ärger austeilt.

Aber eben nur im Netz. Im wirklichen Leben ist er immer noch mein lieber, mein bester Freund. Zwischen uns herrscht die Abmachung, daß wir nie über Politik reden. Wir sehen uns mehrmals in der Woche, teilen unsere Interessen, Freunde, Events, arbeiten zusammen und haben jede Menge Freude aneinander. Der Fanatiker aus dem Netz ist ein anderer Mensch, eine andere Person. Ich möchte ihr einfach nicht mehr begegnen.

Der 31. Dezember 2019 ist ein wunderbares Datum, um mit den sozialen Medien aufzuhören. Nie wieder Twitter, nie wieder Instagram, und was Facebook anbetrifft: Das ist ohnehin längst ein Medium für die Alten und ganz Alten geworden, für die „Generation Schimpftirade“. Hinfort damit!

Um meinen schönen tat blog „Auf der Borderline nachts um halb eins“ tut es mir natürlich ein bißchen leid. Aber man muß da noch einen anderen, viel größeren und sogar höchst erfreulichen Zusammenhang sehen. Die Print Medien stehen vor einem Comeback. Ja, richtig gehört. In den nächsten Jahren wird es eine Rückbewegung auf den Magazinjournalismus hin geben, auf die seriösen und bürgerlichen Zeitungen, auch auf die linken und intellektuellen. Das Internet hat einfach furchtbare Ergebnisse gezeitigt. Vor allem die Generation Y (die in diesem Jahrhundert Geborenen), die praktisch ausschließlich vom Netz geprägt wurde, ist komplett orientierungslos und in einem erbärmlichen Zustand. Deren Eltern und überhaupt die etwas älteren Bürger, die um die 30, sehen das natürlich und ziehen ihre Schlüsse. In fünf Jahren werden die traditionellen Zeitungen mehr Exemplare verkaufen als vor fünf Jahren. Am Internet orientieren sich nur noch die Idioten. Von denen will ich gar nicht mehr wahrgenommen werden. Deswegen schreibe ich in den nun beginnenden Zwanziger Jahren wieder ausschließlich für die seriöse Presse und vor allem für mein neues Buch.

Mein taz blog, also die 597 Beiträge der Zehner-Jahre, bleibt abrufbar. Nichts wird gelöscht. Er bleibt ein Dokument dieser erst wundervollen, dann häßlichen Dekade.

Euch, lieben Lesern, alles Gute! Euer Joachim Lottmann, Euer Jolo

 

 

P.S.: Wem es tatsächlich um weitere digitale Texte von mir geht (und wem diese 597 Einträge immer noch nicht reichen), dem sei die angesehene „Gesellschaft der Literaturfreunde Frank Hornung e.V.“ empfohlen, gegründet 1820 von Emanuel Ferdinand Hornung. Hier wird das Gesamtwerk der „32 unveröffentlichten Romane“ – so die stehende Redewendung – digital vorangetrieben und schrittweise, nämlich wöchentlich, ins Netz gestellt. Der Präsident der Gesellschaft ist Frank Hornung, ein tadelloser Literaturwissenschaftler, der für die Qualität der geleisteten Arbeit am Werk bürgt. Der Link dazu lautet: https://www.gesellschaft-der-literaturfreunde.de/
Journalisten wenden sich einfach an meinen Verlag Kiepenheuer & Witsch.

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https://blogs.taz.de/lottmann/2019/12/31/mein-jahrzehnt-auf-taz-online/

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