vonlottmann 31.12.2019

Auf der Borderline nachts um halb eins

„Sein Borderline-Blog ist der Schlüssel für das Gesamtwerk des wohl besten Autors unserer Tage“ – Rainald Goetz

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Mein Ekel vor Literaturpreisen und überhaupt allen Preisen im Kulturbetrieb war früher größer als heute. Ich bewunderte Peter Handke, der einen Preis nicht annahm, oder Thomas Bernhard, der sich bei einer Preisverleihung so daneben benahm, daß er ihm gleich wieder aberkannt wurde. Ein ganzes Buch hat er über Preise geschrieben, ‚Meine Preise‘ hieß es, und mehr Ekel und Spott konnte man zu dem Thema ohnehin nicht äußern.

Das alles war vor langer Zeit. Schon damals, in den späten 80er Jahren, als ich anfing zu schreiben, gab es über tausend Literaturpreise. Der junge Eckart Henscheid zählte sie genüsslich auf und machte sich darüber lustig. Ich las das, lachte und dachte dabei nicht eine Sekunde daran, selbst einmal einen Preis zu bekommen. Niemals dachte ich daran, in all den Jahren, die nun kamen, so wie ich niemals daran dachte, der Papst würde mich einmal zu einer Privataudienz empfangen. Tat er auch nicht. Und ich bekam auch keinen Preis, natürlich nicht. Aber meine Abscheu ließ nach. Warum sollten Menschen nicht feiern, einander ehren, wie bei runden Geburtstagen? Da wurden ebenfalls scheußliche Reden gehalten.
 Ok, es gibt Unterschiede. Der Geburtstagsredner bekommt kein Geld für seine hohlen Worte, und der Geehrte keinen fünfstelligen Betrag vom Steuerzahler. Und die Gäste kommen sogar freiwillig, aus ehrlicher Anteilnahme und nicht
aus Opportunität.

Doch sonst – es ist halt ein Ritual, basta. So dachte ich einmal.
Doch was keiner mehr für möglich hielt, trat im Laufe des neuen, jetzigen Jahrhunderts ein: die Anzahl der Preise explodierte geradezu, die damit verbundenen Donationen und medialen Jubelschreie vervielfältigten sich, gefühlt im Faktor drei zu eins pro Jahr. Tatsächlich gibt es inzwischen weitaus mehr Preise als Autoren oder Künstler. Im Internet kann man das alles bin in den letzten Winkel nachverfolgen. Jeder namhafte Autor hat schon jeden namhaften Preis bekommen und somit sein sechsstelliges Preisgeld fürs gemütliche Eigenheim zusammen, sodaß als nächstes die Vertreter aus der zweiten, dritten und schließlich letzten Reihe drankommen. Auch daran wäre nichts zu mäkeln, eigentlich, doch lustigerweise gibt es eine Gruppe Schriftsteller, Maler und Regisseure, die niemals mit Geld und Phrasen bedacht wird, nämlich die wirklich guten.
Eine Anekdote dazu. Jede Regel hat eine Ausnahme, und so bekam ich dann, ein Vierteljahrhundert später, doch einmal einen Preis. Ich war inzwischen alt geworden, der Schwung war weg, da konnte man das riskieren. Auch handelte es sich um den einzigen Preis im deutschsprachigen Raum, der nicht von mediokren Kultur- und Behördenvertretern vergebenen wird, sondern vom Preisträger selbst, also vom vormaligen. Von einem Autor also. Das begünstigte die Sache etwas. In meinem Fall war es Sybille Berg, und ich selbst hätte den Preis am liebsten Christian Kracht weitergereicht, unzweifelhaft der beste Autor unserer Generation. Aber ich dachte mir, das wäre ein bißchen schade. Der Mann hatte mindestens schon 25 andere Preise in der Vitrine stehen, da sollte lieber ein unerkannter armer Schlucker die zehn Riesen einstecken. Später erfuhr ich, daß Kracht noch kein einziges Mal vom Betrieb geehrt wurde. Er war einfach zu gut.
Einige Dinge klingen arrogant, sind aber zeitlos wahr: es gibt keine gute Literaturkritik. Es kann sie so wenig geben wie eine gute Musikkritik oder Kunstkritik. Die Wahrheit über die Qualität eines Kunstwerkes bleibt zwangsläufig ein Geheimnis, und das sage nicht ich, das hat vor einigen Wochen Peter Handke, der inzwischen doch und altersmilde Preise annimmt, anlässlich der Verleihung des Iffland Ringes an Jens Harzer gesagt. Deshalb müssen diese Begründungen, warum jemand einen bestimmten Preis bekommt, immer und zwangsläufig verlogen klingen. Weil sie es sind. So habe ich auf diese Lobhudeleien gern verzichtet. Aber natürlich hätte ich manchmal gern die Säcke voll Geld nach Hause getragen. Und, noch mehr: ich hätte gern einmal eines dieser Stipendien gewonnen.
Mein Wunsch danach wurde so groß, daß ich ich es eines Tages nicht mehr aushielt. Das war, glaube ich, als eine Bekannte aus meinem frühen Umfeld, nennen wir sie einmal ‚Felicias Hoppe‘, probeweise, die gefühlt noch kein einziges Buch verkauft hatte, die 100.00er Marke knackte. Weitgehend auf Kosten der Allgemeinheit hatte sie schon in jungen Jahren mehrmals die Erde umrundet, immer mit dem Ticket „preisgekrönte Schriftstellerin“.
Sie schrieb unvorstellbar schlecht und ohne jedes Talent. Manche Abiturienten aus Thüringen hatten selbst im linken Zeh mehr Talent als ‚Felicias Hoppe‘ in ihrem ganzen sogenannten Werk.
Ich wollte auch nach Amerika! Warum sie und nicht ich?
Vor allem wollte ich in die Wannsee Villa des Literarischen Colloquiums Berlin. Die vergaben jedes Jahr Stipendien an sechs vermeintliche Sprachgenies. Die Tradition reichte bis in die 20er Jahre zurück.
Ich bin dann einfach hingefahren, als die sechs Kandidaten ankamen, und tat so, als sei ich einer von ihnen. Zwei
Gewinner hatten nämlich abgesagt – das war und ist üblich dort, weil manche mehrere Stipendien gleichzeitig abwickeln – und so fiel es nicht auf.
Ein halbes Jahr lang war ich ein ganz normaler geförderter Schriftsteller in der herrlichen Villa, eine Art Günter Wallraff des sogenannten LCB. Wie manch anderer dort vor und nach mir, von Carl Zuckmayer bis Thomas Meinecke, schrieb ich meinen ‚Berlin-Roman‘.
Ich beobachtete natürlich vor allem meine Mitbewohner, namhafte Jungtalente seit geraumer Zeit, und schrieb es auf. Was hätte ich sonst tun sollen? Die Villa war abgelegen und fernab von allem, was berichtenswert und aktuell war. So schrieb ich etwa auf, wie die preisgekrönten Nachwuchs- Lyriker und Villen-Nachbarn den Tag nicht mit dem Ablauschen zarter Töne in ihrer Seele oder dem Schauen Gottes herrlicher Natur um uns herum verbrachten, sondern so gut wie ausschließlich mit dem, was wir heute ‚netzwerken‘ nennen. Inzwischen steht für mich fest, daß das Abgreifen von Preisen, Stipendien und Subventionen grundsätzlich zu neunzig Prozent mit networking und nur zu zehn Prozent mit dem Schreiben zu tun hat.
Nach Erscheinen meines Buches war natürlich klar, daß ich nun erst recht nie mehr eine seriöse Ehrung bekommen würde. Und daß ich ein Fake-Stipendiat gewesen war. Man schickte mir rückwirkend eine Rechnung, die mich ökonomisch ruinierte.
Ich sah daran, mit welch üppiger Summe die anderen gefördert wurden. Bei mir erschien derselbe Betrag leider auf der falschen Kontoseite.
Ich galt nun als ‚böse‘, zumindest behauptete Rainald Goetz das. Der war ja auch vom Start weg der Weltmeister im Lukrieren von Subventionen. Die größten Preise erhielt er, wenn er eine Zeit lang strikt geschwiegen hatte. Kein Preis,
kein Name war groß genug. Heinrich-Böll-Preis, Georg- Büchner-Preis, Schiller-Gedächtnispreis, Else-Lasker-Schüler- Preis, Wilhelm-Raabe-Preis – bis zum Verdienstkreuz am Band der Bundesrepublik Deutschland hat er alles gewonnen. Nur der Nobelpreis fehlt noch. Für den schweigt er nun beharrlich seit Jahren.
Wie sieht es heute aus? Liest man sich auf Wikipedia die ‚Auszeichnungen’ der auch dieses Jahr am meisten Geförderten durch, denkt man, jede dieser ehrenwerten Figuren müsse dreimal existieren, um all die Stipendien, Ehrentitel, Doktorwürden und so weiter ableben zu können. Um an dieser Stelle nicht zu langweilen, nur zwei Beispiele. Der Gewinner des Anton-Wildgans-Preises 2019 Daniel Kehlmann, Jahrzehnte jünger als ich, besitzt bereits den Kleist Preis, Heimito von Doderer Preis, Friedrich Hölderlin Preis, Candide Preis, Thomas Mann Preis, Nestroy Preis, Frank Schirrmacher Preis, Per Olov Enquist Preis, Schubart Literaturpreis, Deutschen Buchpreis (im Finale), WELT Literaturpreis und mehrere Handvoll weiterer toller Preise, sogar den Förderpreis des österreichischen Bundeskanzlers, vulgo Sebastian Kurz Preis.
Aber bei Kehlmann handelt es sich wenigstens um einen Autor, der von vielen gelesen wird.
Das zweite Beispiel könnte der beim einfachen Leser wenig bekannte diesjährige Preisträger des Lessing Preises Marcel Beyer sein. Zugleich hat er den Großen Kunstpreis der Landeshauptstadt Dresden eingesteckt, zusammen 20.000 Euro.
Was gab es vorher für den ‚jungen Mann‘? Kleist Preis, Büchner Preis, Lessing Preis, Erich Fried Preis, Heinrich Böll Preis, Friedrich Hölderlin Preis, Jean Paul Preis, Uwe Johnson Preis, Oskar Pastor Preis, Ernst Jandl Preis, Joseph Breitbach Preis, Horst Bionik Preis, Berliner Literaturpreis, Deutscher
Kritikerpreis, Ernst Wilder Preis, dazu Dozenturen, Stipendien, Stadtschreiberstellen, Nominierungen, Medaillen und weitere Preise. Der Typ muß Millionär sein. Zum Schreiben ist er wohl selten gekommen. Beneide ich ihn? Leider ja, denn er hat sogar ein ganzes Jahr lang in der herrlichen Villa Massimo in Rom wohnen dürfen. Dafür hätte ich auch einiges gemacht, etwa einen Roman gebastelt, in dem schaurig beschrieben wird, wie Goebbels seine sieben Kinder vergiftet.
Mein Neid macht mich ungerecht. Sehr ungerecht. Marcel Beyer ist womöglich unser größter Lyriker. Ich weiß es nicht. Ich verstehe wenig von Lyrik, wie alle. Säße ich in einer Jury, würde ich ihn wohl wählen. Wen sonst?
Nachtrag Eins: Und wer hat die großen Preise denn nun gewonnen dieses Jahr? Neben den schon Genannten wären das Clemens J. Setz (Berliner Literaturpreis), Karen Duve (Düsseldorfer Literaturpreis, Solothurner Literaturpreis, Carl Amery Literaturpreis), Anke Stellung (Friedrich Hölderlin Preis), Juli Zeh (Heinrich Böll Preis), Ilma Rakusa (Kleist Preis), Eva Menasse (Ludwig Börne Preis), Sibylle Berg (Thüringer Literaturpreis), Lukas Bärfuss (Georg Büchner Preis), Ulrich Woelk (Alfred Döblin Preis) und Jens Sparschuh (Günter Grass Preis).
Nachtrag Zwei: Der Leser möge die Verwendung des Wortes ‚ich‘ hier verzeihen. Nur junge Leute sollten das Recht haben, in journalistischen Texten ‚ich‘ zu sagen. Sie wissen es nicht besser, können es noch nicht wissen. Es ist mir passiert, als die Redaktion dezidiert die „Bekenntnisse eines nie Geförderten“ haben wollte.
Das bin nun einmal ‚ich‘.

 

 

(Erstmals veröffentlicht in der deutschen Tageszeitung DIE WELT am 6. Oktober 2019)

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