vontaz.meinland 27.01.2017

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Burhan Yassin floh aus dem Libanon nach Deutschland. Seit seiner Ankunft im August 2015 lebt er in einem Heim für Geflüchtete in Marzahn. Nun kann er endlich in eine eigene Wohnung ziehen.

Anfangs hatte ich die Idee darüber zu schreiben, wie ich meine Zeit verbringe: darüber wie mein Alltag aussieht, dass es schwierig ist in einer Turnhalle zu leben oder über die Gänge zum Amt. Aber auf einmal bot sich mir eine Gelegenheit, die alles veränderte.

Ab dem 23. Januar werde ich eine Wohnung in Berlin-Tegel haben. Keiner kann sich vorstellen, wie froh ich darüber bin, nach einer wirklich langen und schweren Suche. Es kam mir vor wie ein Traum, aber ich habe es geschafft.

Die Zeit vergeht langsam

In dieser Nacht schlief ich nur für zwei Stunden. Die ganze Nacht wartete ich darauf, dass es hell werden würde. Mein Treffen war erst um 17 Uhr, also war ich vorher erst bei der taz, beim taz.meinland-Team, und ging danach in die Schule. Aber es war nur mein Körper der anwesend war, mein Kopf fragte die ganze Zeit: „Wie spät ist es?“ Ich habe ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich eine Wohnung bekommen kann, weil ich normalerweise eine Person bin, die lieber sagt: „Ich hab’s gemacht“ – und nicht „ich werde etwas machen“.

Als ich bei der Firma ankam, um den Vertrag zu unterschreiben und die Schlüssel abzuholen, konnte ich mich nicht mehr konzentrieren. Sie erklärten mir die Details und Konditionen des Vertrags, aber ich konnte nur nach dem Schlüssel auf dem Tisch suchen. Weil er für mich mehr bedeutet als nur ein Schlüssel zu einer Wohnung.

Die Zeit neu anzufangen

In der S-Bahn auf dem Weg vom Zoologischen Garten, wo sich die Firma befindet, bis nach Marzahn, wo mein Wohnheim ist, hatte ich genug Zeit mich an all die vorherigen Tage zu erinnern: wie schwer es war in einer Turnhalle zu leben, mit 300 anderen Menschen. Ein Bett neben dem anderen, an einem Ort, wo ich meine Privatsphäre verloren habe. Und ich dachte daran, dass all dies in ein paar Tagen vorbei wäre.

Ich habe jetzt nicht nur meinen Wohnungsschlüssel, sondern auch einen Schlüssel zur Gesellschaft bekommen. Es ist nicht nur die Wohnungstür, die sich damit öffnen lässt, sondern auch die Tür zu meinen Gedanken. Daran, dass ich meine Ziele erreichen kann, weil ich eine Basis habe, von der aus ich starten kann.

 

BURHAN YASSIN, Redakteur taz.meinland

Aus dem Englischen übersetzt von Mareike Barmeyer.

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