vontaz.meinland 24.02.2017

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Der Germanist und Autor Wolfang von Wangenheim hat drei Schlagworte rechter Parteien analysiert.

Wer Germanistik studiert, muss sich auf Einiges einstellen: Bücher, Analysen und der Spott der Mitmenschen.  Leider wirkt das Studium für viele für eine Beschäftigungstherapie. Dabei ist Sprache ein komplexes System, das unsere Lebenswelt in allen Ebenen beeinflusst.  In unseren ersten zwei Lebensjahren lernen wir zu sprechen, doch verstehen tun wir Sprache deswegen noch lange nicht. Das merken wir gerade in diesen Zeiten, in der wir über eine vergiftete Debatte sprechen, in denen es rechten Parteien gelingt, eine Bedeutungshoheit über einzelne Begriffe und Ausdrücke zu gewinnen. Hier sollte man mit einer sprachlichen Analyse ansetzen, um die Sprache und deren Bedeutung zurückzugewinnen.

Vor ein paar Tagen hat uns ein Text erreicht. Die Mail war bis auf die Worte: „herzlich Wolfgang von Wangenheim“ leer. Der Text im Anhang trug die Überschrift: „Schlagworte“. Nichts deutete darauf hin, was uns da erreichte. Eine knackige Analyse von drei Worten, die rechte Parteien für sich nutzen: Alternativ, Völkisch und Front. Es ist eine Analyse, die den geschichtlichen Hintergrund dieser Worte darstellt und sie kontextualisiert. Dabei immer genau die richtige Nuance witzig.

Es ist der richtige Text zur richtigen Zeit vom richtigen Autor. Der Herr, der uns so wortkarg seinen Text zugesendet hat, ist eigentlich ein Experte der Worte. Wolfgang von Wangenheim ist Germanist, der in Paris, Dakar und Abidjan gelehrt hat. Nach 12 Jahren beim DAAD in Bonn, kam er nach Berlin und bietet Führungen in den Berliner Kunstmuseen an.

Beim Berliner Verlag „Matthes & Seitz“ hat er bisher drei Bücher veröffentlicht. Das letzte Buch „Buch des Unmuts“ erschien im vergangenen Jahr. Darin thematisiert er seine Probleme mit Bibel und Christentum. Außerdem veröffentlichte er eine Biographie v0n Johann Winckelmann, einem deutschen Archäologen der Aufklärung.

Lockung und Drohung: Der Text von Wolfgang von Wangenheim

Erstes Wort: ALTERNATIVE. In der Bundesrepublik macht neuerdings eine Gruppierung Aufsehen, die zwar politisch agieren, aber vor allem solche Leute als Wähler an sich ziehen möchte, die Politik eigentlich nicht mögen und alle Politiker verachten. Sie zielt auch auf jene, die sich einen nostalgischen Rückblick auf die Dreißiger Jahre gönnen möchten. Im Hitlerreich waren alle Parteien abgeschafft bis auf eine, die damit dem Sinn des Wortes „Partei“ nicht mehr entsprach und nur noch ein fake war. Es blieb das Schmähwort „Parteiengezänk“

Tatsächlich agiert und agitiert diese Gruppierung als Partei. Um aber ihre Klientel zu schonen und die Öffentlichkeit zu verwirren, meidet sie den Namen und wählt einen, der netter wirkt. ALTERNATIVE – das klingt liberal und offen. Es soll behaupten: Wir sind so frei! Wir machen einfach mal etwas anderes! Aber zugleich geben diese Leute vor, FÜR DEUTSCHLAND zu werben und zu handeln. Wo bleibt da die Logik? Chile, China – das wäre für einen Deutschen eine Alternative. Aber Deutschland? Der Name als Ganzes ist ein fake. Diese Leute wollen nämlich nicht das alterum, das Andere; sie wollen anders Denkende gerade nicht dulden, wollen unter ihres gleichen bleiben und sich einrichten im gemütlich Altvertrauten, im dämmrig Altgewohnten, im düster Angestammten.

Zweitens: VÖLKISCH. Mit Unschuldsmine versucht die Sprecherin der Un-Partei, das altbekannte Wörtlein neuer Nutzung zuzuführen, mit der Begründung, es sei doch nur das unschuldige Adjektiv des ebenso unschuldigen Substantivs „Volk“. Im Deutschen Wörterbuch, begonnen einst von Jacob und Wilhelm Grimm, ist „völkisch“ gleichgesetzt mit vulgär, popular. Hier geht es um Sprache. Da im Mittelalter östlich des Rheins das Latein der Bibel nicht verstanden wurde, mussten Lesungen und Predigten in der Landessprache gehalten werden. Das ältere Wort für „Volk“ war diot oder diet, das Adjektiv hierzu dietisc, diutisch, deutsch.

  Unser Wort benutzt in seinem heutigen Sinn erstmals im Jahr 1808 Johann Gottlieb Fichte, und zwar in seinem Aufruf zum Kampf gegen Napoleon, verbunden mit der Werbung für etwas, das es damals noch gar nicht gab: eine deutsche „Nation“. Zur Wortgeschichte sagt er (hier in der Kleinschreibung der Grimms): „deutsch heißt schon der wortbe-deutung nach völkisch.“ Die Evangelische Kirchenzeitung von 1846 übernahm das zweite als Schlagwort für ganz rechte Gesinnung. Nach 1918 füllte es die Kampf-blätter der militanten Nationalisten zur Eindeutschung und Verschärfung des Wortes „national“. Letzter Satz im Grimm, Band 26 von 1951: „besonders oft wird dabei der rassengegensatz gegen die juden betont.“

Drittens: FRONT. Nach dem Rückzug des deutschen Heeres im Jahr 1918 aus Frank-reich wurde dieses Wort regelrecht deutsch besetzt. Zwar stammt es aus dem Lateinischen; bedeutet anatomisch „Stirn“, architektonisch „Vorderseite“ und mili-tärisch „Kampflinie“. Diese – für Franzosen männlich, – er oder sie zog sich während des Krieges von 1914 bis 1918 durch Frankreich. Die deutsche Heerespropaganda vermied das Wort und meldete immer nur: „Im Westen nichts Neues“. Kaum aber war das Kämpfen mit Waffen wegen allzu großer Verluste allerseits eingestellt und die komplexe Schuld am ganzen Unheil von den westlichen Alliierten allein dem Deutschen Reich zugesprochen worden, da zog das Wort FRONT in die deutschen Köpfe und Herzen ein; alle vaterländisch Gesinnten suchten Heil und Trost in einem verschärften Nationalismus, mit den bekannten Folgen. Während die Regimenter sich auflösten, formierten sich die Ex-Soldaten im „Frontkämpfer-Verband“. Der Kampf wurde ins Innere verlegt; es entstand eine „Heimatfront“, eine „Erntefront“ und, als ein Bürgerkrieg drohte, sogar eine „Rotfront“.

Nun gibt es einen FRONT NATIONAL in Frankreich. Von 1914 bis 1918 verlief die Kampflinie dort von Verdun bis Lille, mit Verwüstung von Land und Stadt sowie Massengräbern auf beiden Seiten. Im Jahr 1936 schuf Léon Blum, der Chef des französischen Parti Socialiste, eine Regierungskoalition unter dem Schlagwort Front Populaire. Durch Einigkeit aller Parteien sollte der äußere Feind abgewehrt werden, der sich wieder wappnete: Deutschland. Wäre FRONT NATIONAL militärstrategisch gemeint, dann zöge sich die neue Kampflinie an den Landesgrenzen entlang von Belgien über Deutschland und die Schweiz bis Spanien.

Der Feind, der hier bekämpft werden soll, ist nicht der Deutsche, erst recht nicht dessen ALTERNATIVE. Der Feind steht nicht draußen, sondern drinnen.  Der Name ist kein fake, sondern offene Drohung.

Wenn die militante Tochter ihren rassistischen Vater isoliert, wenn sie der Linken von 1936 den Appell zur Einheit abkauft und deren Wort Populaire umdeutet in VÖLKISCH, sich selbst kostümierend als „Marianne“ und ihre Helferinnen als Bäuerinnen in Holzschuh und Häubchen, wenn sie so die Kampfzone FRONT umformt zu einem Zirkel, darin die gesamte europäische Rechte sich trifft zum Volksfest der fein unterschiedenen Völker – dann ist die Politikverdrossenheit selbst wieder an der Macht.

Eine Partei, die sich FRONT nennt, will Bürgerkrieg.

Einführungstext von LAILA OUDRAY

Foto: dpa

 

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