vonmillennial 14.03.2020

die millennial

Schreiben über Dinge, von denen Millennials nix wissen wollen: Feminismus, (Pop-)kultur und Gesellschaft.

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Caro und Kim aus Wien haben sich im Herbst 2019 dazu entschlossen, etwas gegen sexuelle Belästigung im Internet zu tun: Sie gründeten Antiflirting, einen Instagram-Account, auf dem sie sexuell übergriffige Nachrichten teilen. Inzwischen haben die beiden über 14k Follower*innen, Tendenz steigend. Mit Caro habe ich über Aufklärungsarbeit, Belästigung und Geschlechterstereotype gesprochen.

 

Caro, wie hat das eigentlich damals alles angefangen?

Tatsächlich haben Kim und ich uns auch über Instagram kennengelernt und uns auf der Plattform viel über Feminismus unterhalten. Uns ist dabei aufgefallen, dass solche Nachrichten beständig sind und vor allem auch wie normal es ist, solche Nachrichten zu bekommen. Kurzerhand haben wir uns dann dazu entschlossen, die Screenshots anonymisiert zu veröffentlichen. Die Seite war schnell erstellt, das war so Mitte August 2019. Die ersten Einsendungen kamen dann ziemlich schnell.

Also am Anfang war das dann eher so ein Freizeitprojekt, das aus dem Drang, irgendwas zu tun, entstanden ist. Wie ist das heute?

Kim und ich machen das natürlich nicht hauptberuflich, es ist also weiterhin ein Nebenprojekt. Aber je größer es wird, desto mehr Platz und Zeit nimmt es in unseren Leben natürlich auch ein. Gleichzeitig war es für uns von Anfang an eine Form von Aktivismus, weshalb uns schon immer wichtig war, dass wir den Account richtig aufbauen, indem wir ihn inklusiv gestalten und zum Beispiel mit Triggerwarnungen arbeiten. Durch den Zeitaufwand wird es schon manchmal schwierig, sich auszuklinken, aber Kim und ich achten auch darauf, dass es uns gut damit geht. Wenn wir keine Lust haben, uns mit dem Thema zu beschäftigen, weil wir es nicht können oder wollen, dann nehmen wir uns diese Zeit auch. Andererseits ist man natürlich 24/7 erreichbar, weil wir uns auch um das Community Management kümmern. Das kollidiert manchmal mit unserer Freizeit, wenn Menschen problematische Dinge kommentieren. Man möchte am liebsten direkt darauf reagieren, gleichzeitig will man aber auch einfach bloß bei den Freund*innen sein, wenn man gerade mit ihnen unterwegs ist. Aber im Endeffekt gibt es Tage, an denen wir zehn Sachen posten, aber auch Tage, an denen gar nichts von uns kommt. Wir haben uns nie festgelegt und die meisten Follower*innen verstehen das auch, weil sie wissen, dass es sich bei Antiflirting um freiwillige Arbeit handelt.

Euer erster Account wurde mehrere Mal gesperrt – wieso?

Ende November konnten wir uns nicht mehr einloggen und wir wussten überhaupt nicht, wieso. Die App zeigte zwar an, dass wir wohl gegen Richtlinien verstoßen haben müssen, aber die Funktion gegen die Blockierung „Einspruch zu erheben“ funktionierte bei uns nicht. Relativ schnell haben wir dann den aktuellen Account @antiflirting2 erstellt, um die Leute darüber zu informieren. Wir haben dort alle Follower*innen aufgefordert, den Instagram Support zu kontaktieren und zu schreiben, dass wir fälschlicherweise blockiert wurden und eigentlich Aufklärungsarbeit leisten. Zu der Zeit waren wir schon der Meinung, dass es sich bei der Sperrung um eine Form der Zensur gehandelt hat, weil es in unseren Augen keinen Grund dafür gab: Wir haben immer zensiert und mit Triggerwarnungen gearbeitet. Zwischenzeitlich ging unser ursprünglicher Account sogar wieder! Aber nach einer erneuten Sperrung waren wir dann auch auf Antiflriting2 relativ lange inaktiv, weil wir einfach frustriert waren von diesem Prozedere – vor allem, weil wir auch nie wirklich eine Reaktion von Instagram bekommen haben. Dann folgte aber die Tru Doku, neue Kontakte und irgendwann ein Anruf. „Caro, ich hab gerade mit Instagram telefoniert“, sagte mir Kim. Das war schon ein surrealer Moment. Mitarbeitende haben uns erklärt, dass Instagram-Sperrungen mithilfe eines Punktesystems funktionieren. Für jede Meldung/Verstoß erhält man einen Punkt und irgendwann ist die Maximalzahl erreicht, bei der man automatisch gesperrt wird. In unserem Fall ist aber wohl auch ziemlich viel schiefgelaufen: Eigentlich hätten wir eine Benachrichtigung für jeden Verstoß bekommen sollen. Das ist bei uns aus irgendwelchen Gründen nicht passiert.

Wie würdest du der Aussage begegnen, dass es sich bei den von euch thematisieren Übergriffen „bloß“ um Nachrichten handelt?

Also rechtlich sind Dick Pics in Österreich nicht strafbar, in Deutschland aber schon. Aber generell kann man sagen: Es wird eingestuft, wie schlimm der Übergriff ist, der der betroffenen Person zugefügt wurde. Im EU-Recht wird sexuelle Belästigung wie folgt definiert: jede Form von unerwünschtem Verhalten sexueller Natur, das sich in unerwünschter verbaler, nicht-verbaler oder physischer Form äußert und das bezweckt oder bewirkt, dass die Würde der betroffenen Person verletzt wird, insbesondere wenn ein von Einschüchterungen, Anfeindungen, Erniedrigungen, Entwürdigungen oder Beleidigungen gekennzeichnetes Umfeld geschaffen wird. Im deutschen Recht ist es zum Beispiel so, dass die Belästigung nur dann gültig ist, wenn eine physische Berührung (außer bei Dick Pics) stattgefunden hat. Dann kommt es darauf an: Wie schwer ist die Belastung der Person? Wurde sie verletzt und wie stark ist diese Verletzung zum Beispiel.

Das Recht geht also davon aus, dass sexuelle Belästigung etwas ist, das nur physische Schäden hinterlässt.

Was aber nicht der Fall ist. Vor allem bei sexueller Belästigung über Nachrichten und nicht-physischen Übergriffen, ist die psychische Belastung groß. Die Annahme, dass einen nur physische Übergriffe belasten, ist falsch. Da benötigt es eine Gesetzesänderung, die zum Beispiel diese Petition fordert.

Was würdest du sagen, sind eure konkreten Ziele bei Antiflirting?

Zum einen möchten wir einfach den Diskurs ankurbeln. Zum anderen möchten wir aufzeigen, wie allgegenwärtig Belästigung und Übergriffigkeit sind. Das Problem ist auch: Sobald ein physischer Übergriff stattgefunden hat, wird nur noch relativ wenig darüber gesprochen, was das alles auch für eine psychische Auswirkung auf die betroffene Person hat. Es wird nur noch von den körperlichen Verletzungen gesprochen, obwohl die psychische Gewalt natürlich oft dennoch vorhanden ist. Auch wollen wir zeigen: sexuelle Übergriffigkeit ist nichts, das nur auf dem dunklen Weg nach Hause passiert. Das ist etwas, das uns jeden Tag begegnet und in den Postfächern von sehr vielen Menschen drinsteckt – egal auf welchen Plattformen. Nicht nur auf Dating-Plattformen oder Social Media Messengern, sondern auch Seiten wie Ebay Kleinanzeigen oder Quizduell, wo man nichts von Personen sieht außer einen virtuellen Avatar.

Überall, wo Nachrichten versendet werden können, werden übergriffige Nachrichten versendet. Das hat nichts mit der betroffenen Person oder ihrer Präsentation im Internet zu tun. Es ist alleine etwas, das mit den Täter*innen zusammenhängt.

Was muss sich in der Gesellschaft ändern und was kann man selbst tun (außer keine übergriffigen Nachrichten schreiben)?

Ich glaube, ähnliches wie wir eigentlich mit Antiflirting versuchen. Sich einfach mehr darüber unterhalten, vor allem auch darüber, wo eigentlich die eigenen Grenzen liegen. Oft muss man diese auch erstmal kennenlernen. Gerade als Frau glaubt man fälschlicherweise, man müsse sich Dinge mit sich machen lassen, obwohl man sich vielleicht unwohl damit fühlt. Man denkt halt „das ist jetzt einfach so. Ich bin eben die Schwache und ich muss mir das deshalb gefallen lassen“. Das stimmt aber nicht.

Häufig hängt das mit fehlender Sexualpädagogik zusammen, die einem beibringt, was Konsens ist, wie man damit umgeht, wenn man sexuell aktiv wird oder auch, wie man Neinsagen lernt und wie man nach einem Ja fragt. Genauso braucht es eine Normalisierung von Kritik, wenn man übergriffiges Verhalten aufzeigt.

Sowas geht aber erst, wenn diese Themen kein Tabu mehr sind und ganz normal und ganzgesellschaftlich über all das gesprochen werden kann. Es muss einfach normal sein Grenzen aufzuzeigen, es muss normal sein, nein zu sagen und es muss normal sein, über Übergriffe zu sprechen – zum Beispiel im Freundeskreis. Sehr viele Betroffene bedanken sich bei uns und schreiben, wie sehr sie gedacht haben, sie seien selbst daran schuld. Dieses Gefühl vermittelt natürlich auch den Eindruck, gar nicht „berechtigt“ zu sein, darüber zu sprechen. Das hängt vor allem auch mit diesem konstanten Victim Blaming zusammen, dem Menschen ausgesetzt sind. Aussagen wie „Ja, was hast du denn da auch für Bilder geposted?“ oder „Was hast du da denn auch angehabt?“, sind Gründe, wieso Betroffene das Gefühl haben, nicht darüber sprechen zu können. Wir wollen ihnen das Gefühl geben: Du bist nicht alleine damit. Belästigung passiert fast jeder Person einmal im Leben und leider jeder Frau.

Bei Männern wird das leider oft gar nicht erst erkannt, weil die Gesellschaft ihnen eintrichtert, dass sie ja immer Lust auf Sex haben und sie sich über ungefragte Nacktfotos zum Beispiel einfach freuen sollen. Das macht es aber nicht weniger übergriffig!

Täter*innen- und Opferrollen sind ja nun auch strikt gegendert. Das bedeutet, Opfer sind weiblich aka. passiv, hilflos, haben nie Lust auf Sex und Männer eben das Gegenteil. Was tut ihr dagegen, diese Stereotype nicht zu verstärken?

Uns wird öfter vorgeworfen, dass wir gegen Männer hetzen, aber dabei vergessen Menschen, dass wir zum einen gendern und zum anderen alle Namen und jedes Detail zensieren, das die Identität der Person preisgeben könnte. Auch wenn sich das manchmal aus dem Inhalt des Posts ergibt, gehen wir nicht darauf ein, welchem Geschlecht sich die Personen zugehörig fühlen.

Wir machen das bewusst nicht, damit die Leute sich fragen, wieso sie sich meistens als erstes einen männlichen Täter vorstellen. Das ist nämlich auch Teil des Problems: Wir sind alle in einer sexistischen Gesellschaft aufgewachsen und verhalten uns dementsprechend.

Das ist ähnlich wie bei Rassismus oder Ableismus. Wir projizieren selbst diese Bilder weiter, auch das vom Mann als „böser Vergewaltiger“. Uns ist bewusst, dass die sexuelle Belästigung von Frauen durch Männer wahrscheinlich überwiegt aufgrund von Sexismen, jedoch nicht auf diese extrem überproportionale Art und Weise, wie wir Nachrichten eingesendet bekommen. Patriarchale Strukturen geben eben vor, wie Männer über Belästigung denken dürfen und wie Männer mit Belästigung umgehen dürfen. Nämlich in den meisten Fällen gar nicht.

So, eine letzte Frage: eure liebsten feministischen Accounts sind…?

Zum Beispiel nicole.schoen, frau.frasl, truediskriminierung, ceremonialsofasavage, alexandra_stanic, natürlich marga_owski oder a_aischa, die viel zu Antirassismus und Empowerment macht. Eigentlich die meisten, denen wir mit unserem Account folgen!

 

 

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