vonmillennial 21.03.2020

die millennial

Schreiben über Dinge, von denen Millennials nix wissen wollen: Feminismus, (Pop-)kultur und Gesellschaft.

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T R I G G E R W A R N U N G: sexualisierte Gewalt

Sara-Lena greift zum Handy, drückt die Aufnahmetaste und filmt. Erzählt der wackligen Kamera, was ihr passiert ist. Verfasst einen Text dazu. Fotografiert ihre Wunden, ihre blutunterlaufenen Augen und ihre gebrochene Nase. Dann lädt sie all das auf Facebook hoch. Weil sie das alles nicht alleine aushalten möchte, weil sie will, dass Menschen wissen, was Frauen angetan wird. Sie möchte nicht mehr Opfer sein, sondern etwas unternehmen. Heute sagt sie, „das Schrecklichste an der Sache war für mich nicht die Vergewaltigung, sondern wie die Menschen danach mit mir umgegangen sind“.

Nachdem ihr zu Hause das Herz gebrochen wurde, ist Sara-Lena im Oberallgäu die Decke auf den Kopf gefallen: Sie musste weg. Wohin, egal. Sie reist durch Europa, bis sie irgendwann einen Mann kennenlernt und sich verliebt. Sie möchte mit ihm zusammenleben, sich eine gemeinsame Wohnung in einer neuen Stadt nehmen, vielleicht einen Neuanfang wagen. Kurz vor dem Umzug wird sie von drei Männern in jener Stadt überfallen, verprügelt und vergewaltigt.

Als sie später im Krankenhaus auf der Unfallchirurgie aufwacht, ist sie allein. Vier Tage lang. Zwei Mal wird sie von der Polizei in diesen Tagen verhört. „Wie mich manche Beamten behandelt haben, war teilweise wirklich sehr lieb und zuvorkommend, andere waren aber auch kühl und hart und gar nicht der Situation angemessen. Schlimmer war jedoch das Krankenhauspersonal. Vier Tage lang lag ich auf der Chirurgie, weil nicht sicher war, ob meine Nase operiert werden muss. In dieser Zeit war keine einzige Betreuungskraft dort, die nicht nur für das Notwendigste von Schwerstpflegefällen da war. Zwei Mal am Tag habe ich eine Person gesehen, die mir Essen brachte“. Dann entlässt sie sich selbst, ruft sich ein Taxi und fährt im Krankenhaushemd bekleidet zwei Stunden lang nach Hause zu ihren Eltern. Ohne Geld und ohne Kleider, weil sie all ihr Hab und Gut als Beweismittel der Polizei überlassen musste.

Zu Hause in der bayrischen Provinz kommt sie zum ersten Mal ein wenig zu Ruhe. Sie weiß, dass sie die Vergewaltigung nicht ungeschehen machen kann, aber sie ist in der Lage dazu, das Schweigen zu brechen. Und das tut sie. Sie entscheidet sich dazu, ihre Geschichte im Internet zu teilen: „Ich habe es geposted weil ich wusste, dass ich davon erzählen muss. Ich muss den Leuten zeigen, was passiert. Ich habe mich in dem Moment so hilflos gefühlt. Denn was kann ich als Opfer tatsächlich tun? Entweder gar nichts, oder irgendwas, das mir hilft – und das Schreiben hat mir geholfen“. Also schreibt sie, spricht sie, hält fest, was ihr geschehen ist – zwar verletzt, aber nicht gebrochen.

Was dann kam, nennt Sara-Lena eine riesengroße Stille. Einige Freund*innen wenden sich wortlos von ihr ab. Sie antworten nicht mehr auf Nachrichten, grüßen nur noch verhalten oder schauen einfach weg, wenn sie Sara-Lena begegnen. Sie war immer eine Person, die gerne viele Leute um sich hatte. Eine, die auf Menschen zugeht, viel spricht und gerne laut lacht. Sie war ständig unterwegs, doch zu dieser Zeit war sie vor allem eins: einsam.

Es bleib jedoch nicht allein bei vermeidenden Reaktionen. Andere stellten sie und ihre Geschichte ganz offen in Frage: „Viele Leute haben gesagt, ich hätte das bloß geposted, damit über mich geredet wird“. Zeitweise wird nicht nur sie angefeindet, sondern auch ihre Eltern, ihre Schwester und ihre Großmutter. Es ist fast, als sei das Sprechen über Vergewaltigung schlimmer als die Vergewaltigung selbst. Als Sara-Lena irgendwann mit ihrem Vermieter telefoniert, reden sie erst über das fehlende Internetmodem. Und dann, aus dem Nichts, sagt er ihr, dass sie sich ja nicht zu wundern brauche, dass einer Frau sowas passiere, wenn sie alleine reise. Er schiebt noch nach, dass sie jetzt immerhin wieder daheim sei. Aber zu Hause möchte sie diesen Ort nicht mehr nennen, nichts hält sie mehr in dem bayrischen Dorf, obwohl sie sich sicher ist, dass sie dort bei ihrer Familie eigentlich am besten geheilt hätte.

„Man kann Vergewaltigungen nicht ungeschehen machen, aber man kann den Prozess danach beeinflussen“, sagt Sara-Lena. Sie wünscht sich, dass sich etwas an dem Umgang mit Betroffenen ändert. Dass Frauen nicht die Verantwortung für Verbrechen übernehmen müssen, deren Opfer sie sind. „Es wäre schon ein Fortschritt gewesen, wenn Leute mir offen gesagt hätten, dass sie gerade nicht wissen, wie sie mit der Situation umgehen sollen“. Vielleicht wäre das ein Anfang, um Opfer sexualisierter Gewalt dazu zu ermutigen, ihre Rechte einzufordern. Nur 15% der Sexualdelikte werden in Deutschland nämlich zur Anzeige gebracht. Vielleicht, weil Betroffene sich schämen, vielleicht aber auch, weil sie Angst vor solchen Reaktionen haben, wie Sara-Lena sie erfahren musste. Vergewaltigungen werden vermutlich immer passieren, das kann man als Gesellschaft nur bedingt beeinflussen. Was wir aber verändern können, ist unser Verhalten gegenüber den Betroffenen.

Auf Facebook ist inzwischen nichts mehr von ihrer Geschichte zu sehen: „Nach sieben Monaten bin ich zum ersten Mal wieder aufgewacht und war einfach glücklich. Deshalb wollte ich mich auch in meiner Internetpräsenz nicht mehr darüber definieren. Menschen, die mich jetzt treffen, lernen mich als geheilt kennen“. Nicht zerbrochen, nicht als Opfer, sondern als ganze Person. Sie wollte nicht mehr, dass die Menschen sie nur noch durch diese Brille sehen. Zu lange hat sie sich gefühlt, als stünde ihr dick und fett vergewaltigt auf der Stirn. Dieser Umgang hindert sie nicht nur daran, zu heilen, er hinderte sie daran, nach der Tat ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Mittlerweile wohnt sie in Finnland, wo sie sich ein neues Leben aufbaut. Eines, das nichts mehr mit ihrer Vergewaltigung zu tun hat. Sie bereut es zwar nicht, ihre Geschichte damals öffentlich gemacht zu haben, dennoch wäre sie es im Nachhinein anders angegangen. „Ich würde Krankenhausberichte hochladen und mich davor an eine Frauenorganisation wenden, die auf solche Fälle spezialisiert ist“, meint sie. Das sind Maßnahmen, die sie vielleicht geschützt hätten. Nicht vor den Tätern, aber vor dem, was sie danach verletzte: unsere Gesellschaft.

 


Diese Reportage findest du in Bild und Ton umgesetzt auf meinem Instagram Channel: die_millennial

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