vonEva C. Schweitzer 24.03.2018

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Eva C. Schweitzer, Buchautorin, Journalistin und Verlegerin, über Amerika und über die Leute, die über Amerika schreiben.

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So etwas ist heutzutage Literaturkritik? Monika Maron („Flugasche“) hat ihren neuen Roman zur Leipziger Buchmesse vorgestellt, viel beachtet; eine Lesung in der — ziemlich großen — Buchhandlung Lehmanns war ausverkauft. Der Roman, Munin oder Chaos im Kopf, ist bei S. Fischer erschienen. Es geht um eine Journalistin, die in Berlin lebt und an einem Aufsatz über den Dreißigjährigen Krieg arbeitet, und die dabei nach und nach leicht verrückte Vorstellungen über Krieg und Chaos entwickelt, die die Stimmung in ihrer Umgebung, ihrer Stadt, ihrem Land reflektieren. Dabei taucht eine Krähe namens Munin auf, mit der sie redet; ich vermute mal, die Reinkarnation von Frank Schirrmacher.

Gestern war Monika Maron im ZDF-Kulturmagazin Aspekte und wurde von einem eher nassforschen Jungreporter namens Jo Schück  interviewt. Dabei ging es weniger um das Buch, es ging darum, ob Maron, die als Journalistin kritisch über die Masseneinwanderung aus dem arabischen und nordafrikanischen Raum geschrieben hat, vielleicht selber nicht ganz klar im Kopf ist. Denn es gibt doch weit und breit keine Probleme mit der Einwanderung, nicht wahr? Die Deutschen sind alle optimistisch! Jedenfalls keine Probleme, die Jo Schück mitgekriegt hat.

Ich kenne Jo Schück nicht, aber ich möchte mal ein Pferd darauf wetten, dass seine Kinder, so er welche hat, auf eine feine Privatschule gehen, die nicht in Neukölln liegt, dass er selber mit dem Auto fährt (oder sich fahren lässt) und nicht mit der U-Bahn, und dass er auch nicht auf eine Tafel angewiesen ist.  Ja, für einen weißen cCs-het-Mann mit einem beamtenähnlichen Job ist das Leben meist sonnig. Das Nervige aber waren nicht die possierlichen Einwürfe aus dem „Sollen sie doch Kuchen essen“-Lager; es ging die meiste Zeit darum, was vertritt Monika Maron politisch, was findet sich davon im Roman wieder, und darf die das überhaupt?

So was als Literaturkritik hätte einem früher im Proseminar Germanistik ein „nicht bestanden“ eingebracht, aber wir leben ja in Spaßzeiten. In das gleiche Horn piepste Julia Encke von der FAZ, in der Sendung und auch in ihrer Zeitung. Encke, statt den Roman zu besprechen, bemopste sich ebenfalls, ob Maron vielleicht zu islamkritisch sei. Das letzte Mal, als ich nachsah, war die Zahl der praktizierenden Moslems im Vollkostüm in der FAZ-Redaktion gleich Null, also scheint man auch bei der FAZ einigermaßen islamkritisch zu sein. Da ließe sich sicherlich mit etwas gutem Willen noch viel für die Integration tun. Diesen Roman würde ich wirklich gerne lesen. Oder schreiben.

 

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