vonEva C. Schweitzer 03.06.2019

Manhattan Media

Eva C. Schweitzer, Buchautorin, Journalistin und Verlegerin, über Amerika und über die Leute, die über Amerika schreiben.

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Die BookExpo America, die BEA, ist die größte Buchmesse der USA. Sie findet meist im Jacob Javits Center in New York statt, eine Kongresshalle aus den achtziger Jahren an der Westseite von Manhattan mit einem neuen, rekordteuren U-Bahn-Zubringer (2,8 Milliarden Dollar). So auch dieses Jahr. Das Javits Center verfügt über eine große zentrale Fläche und allerlei Nebengelass; einen Saal mit einer großen Bühne, mehr als ein Dutzend Seminarräume, und es gab bis vor kurzem einen weiteren Bühnensaal dort, wo gerade Bauarbeiten toben.

Verglichen mit der Frankfurter Buchmesse und deren vier (oder sind es fünf?) großen Hallen, alle mit zwei oder drei Ebenen, alle voll mit Büchern, ist die BEA winzig. Selbst die Leipziger Buchmesse füllt inzwischen vier Hallen, die für die Mangas nicht mitgerechnet. Die BEA bloß eine. Das ist erstaunlich, denn Amerika ist der größte Buchmarkt der Welt. Und die BEA schrumpft. Jedes Jahr. Als ich das erste Mal im Javits Center war, vor 15 Jahren, belegten die Verlage vierzig Reihen. Heute sind es halb so viele, und kürzere. Nur die Big Five — Penguin RandomHouse, Simon & Schuster, Hachette, Macmillan und HarperCollins — halten noch die Stellung. Dort verteilen Mädchen Galleys, vorab-Bücher für Rezensenten; bilde ich mir das ein oder sind das alles Jungmädchenbücher? Auch an den Ständen sind überall Frauen. Die Auftaktveranstaltung wird von vier Verlegerinnen bestritten. Die BEA ist weiblich.

Ein schmale Handvoll mittelgroßer Verlage ist ebenfalls noch anwesend. Bei den großen Universitätsverlagen fehlt die Hälfte, die Miniverlage sind auf eine halbe Reihe geschrumpft, die New York Review of Books ist nicht da, viele Branchenmagazine auch nicht. Nicht einmal Kindle Direct Publishing, die Amazon-Tochter für Print-on-Demand-Bücher hat einen Stand. Dafür gibt es eine neue Indie-Bühne, wo aber nicht Indies vorgestellt werden, Kleinverlage, sondern selbstverlegte Bücher, die den Buchhändlern, oder, genau genommen, den Buchhändlerinnen schmackhaft gemacht werden sollen. Auch die International Rights Fair ist dieses Jahr im Javits Center; hier bieten Länder Buchrechte an. Meistenteils europäische Länder, aber auch Indien. Eigentlich fristen ausländische Werke in den USA ein Schattendasein, nun haben sie eine eigene Bühne.

Die BEA ist erstaunlich unpolitisch. Die großen politischen Neuerscheinungen wie Mike Wolff’s neues Buch über Donald Trump, Siege, scheinen hier nicht zu existieren. Am Mittelgang signiert Kathryn Sullivan Poster. Sullivan ist die erste Frau, die im Weltraum war. Ein paar Schritte weiter sitzt George Takei, der japanischstämmige Schauspieler, als Sulu in Star Trek bekannt, also irgendwie auch im Weltraum. Es kursiert das Gerücht, Alexandria Ocasio Cortez, der demokratische Superstar, sei auf der BEA, aber das stimmt nicht. Aber Rachel Madoff tritt auf, die linke Fernsehmoderatorin, die mit Donald Trump an die Spitze der TV-Quoten geschnellt ist. Alles starke Frauen.

In den letzten Jahren gab es ganze Inseln im Büchermeer, wo Startups neue Ideen vorstellten; automatisierte E-Lesezeichen, revolutionäre Verkaufsplattformen, Linkbau für digitale Bücher, Bücher auf Sticks; all die jungen Männer sind weg. Dieses Jahr ist ein Drittel der Halle an Geschenkartikelstände vergeben; nicht einmal Büchergeschenke, sondern Bioschokolade, Keramiktassen mit Katzen und Games-of-Thrones-Schals. Daenerys und ihr Drache, Sansa und ihr Grauer Wolf, Arya und ihr Dolch. Die Preispolitik der Veranstalter schreckt die Verlage ab, aber nicht die Spielzeughersteller.

Ich selber gehe gerne auf die BEA und für Besucherinnen ist die Leere sogar angenehm. Man trifft Bekannte schneller, weil es mangels Masse kein Gewühl gibt. Weil alles nah beieinander ist und die Verlage über den Ständen große Banner aufgehängt haben, muss man nicht mehr notieren, wer wo ist, oder lange nach einem Stand suchen. Abends lässt es sich einfach von einem Empfang zum anderen schlendern. Bei Macmillan gibt es Sekt, und im großen Seminarraum, wo eine chinesische Delegation einen Empfang veranstaltet, sogar Champagner.

Der Star der BEA ist L.A. James, die Autorin von „Fifty Shades of Grey“. James ist, für die, die es vergessen haben, die Autorin, der mit selbstverlegten Romanen (lose an die Erfolgsserie „Twilight“ angelehnt) der ganz große Durchbruch gelungen ist; sie hat Millionen verkauft und ist heute bei Penguin RandomHouse unter Vertrag. Ihr neues Buch heißt „The Mister“. Es spielt im englischen Adelsmilieu, was nicht verwunderlich ist, denn James ist Engländerin. Eine ganz reizende und unprätentiöse Frau übrigens. Das Buch könnte nicht weiter von der amerikanischen Wirklichkeit entfernt sein. Ist das der Buchmarkt?

In der Eingangshalle hängen Plakate für die kommenden Bestseller von Michael Crichton und anderen männlichen Größen, deren Bücher wir im Herbst in Frankfurt sehen werden. In der Ausstellung aber sind Frauen und Ausländer mehr oder weniger unter sich. Ich würde mich gerne darüber freuen, dass wir den weißen amerikanischen Mann beerbt haben, aber tief drinnen habe ich das Gefühl, es ist kein gutes Zeichen für die Stabilität der Buchbranche, wenn sie die Kindersoldaten an die Front werfen.

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