vonEva C. Schweitzer 14.07.2019

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Eva C. Schweitzer, Buchautorin, Journalistin und Verlegerin, über Amerika und über die Leute, die über Amerika schreiben.

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Marbach ist die Stadt von Friedrich Schiller. Schon am Bahnhof grüßt den Reisenden ein großes Schild: Marbach am Neckar, Schillerstadt. Hier wurde Schiller geboren, hier hat er gelebt, allerdings nicht sonderlich lange, denn als er vier Jahre alt war, sind seine Eltern mit ihm fortgezogen, und richtig berühmt wurde er in Thüringen. Das hindert die Marbacher nicht daran, alles nach Schiller zu benennen, die Schillerhöhe, das Schillermuseum, den Schillerhof, die Schillerapotheke, die obere Schillergasse, die untere Schillergasse, die Eisdiele Schilleria und das Schillerdenkmal, das  dort steht, wo sich Faust und Mephisto getroffen haben … Ha! Ich wollte nur mal sehen, ob ihr aufpasst. Dann gibt es noch das eigentliche Haus, wo Schiller geboren wurde und das Restaurant gegenüber dem Schillerhaus.

Woher weiß ich das alles? Ich bin in Marbach, im Deutschen Literaturarchiv, das auf der Schillerhöhe liegt, und zwar für drei Wochen. Für Recherchen über, nein, nicht Schiller, sondern Kurt Tucholsky, den man auch den preußischen Friedrich Schiller nennt (oder auch nicht). Versehen mit einem Stipendium der Kurt-Tucholsky-Stiftung. Deshalb werde ich in den kommenden Wochen ein Marbacher Schillertagebuch schreiben, hier, am Ufer des Neckar, unter der Schillersonne. Oder, jetzt gerade, unter dem Schillermond, denn es ist schon dunkel. In Marbach wird es übrigens später dunkel als in Berlin, weil es westlicher liegt, und wegen Schiller.

Es gibt ein schlösschenartiges altes Museum, das Schiller Nationalmuseum, das eigens für Schiller erbaut wurde, das Literaturmuseum der Moderne, und dann das eigentliche Literaturarchiv. Das ist ein Neubau mit einer Cafeteria, die praktisch immer zu hat. Das heißt, man kann da zwar sitzen, aber zu Essen gibt es nur was zwischen 13.00 und 13.30 Uhr. Immerhin hat es dort Caféautomaten, nicht aber Automaten, die Duplo oder Hanuta ausspucken; also, während meiner kurzen Zeit hier werde ich mein Bestes tun, das zu ändern. Schiller, here I come!

Das Archiv ist riesig, riesig, riesig, und hat die Nachlässe von allerlei berühmten Dichtern, darunter natürlich Schiller — und auch Tucholsky, sonst wäre ich ja nicht hier —, aber auch den von Franz Kafka oder Hermann Hesse. Von Hesse gibt es sogar ein ganzes Wohnzimmer, das wird aber nicht mehr ausgestellt, was eigentlich schade ist, sonst könnte man amerikanischen Touristen 500 Dollar dafür abköpfen, in Hesses eigenem Bett schlafen zu dürfen. Nur so eine Idee.

Die Altstadt von Marbach ist ganz entzückend; spätmittelalterliche Altbauten mit Fachwerk um die Stadtkirche auf Kopfsteinpflaster, darum eine Stadtmauer mit einem erhalten gebliebenen Stadtturm, auf den man heraufklettern kann, wenn man sich im Buchladen den Schlüssel holt. Das erfuhr ich bei der langen Nacht der Kultur am Freitag, wo die Stadtverwaltung jedem, der den Turm heraufgeklettert kam, ein Glas Cremant ausgeschenkt hat. Oder zwei. Da kann man, wie der Schwabe sagt, nicht meckern.

In der Kulturnacht (die so gegen gegen elf zu Ende war) habe ich festgestellt, dass Marbach ein gutes Dutzend Galerien hat. Ich war in absolut jeder Einzelnen, und auch im Schillerhaus — wo ich einen Schillerwein gekauft habe (don’t ask) — und im Tobias-Mayer-Museum. Also, über mich können sich die Marbacher nicht beschweren. Tobias Mayer war ein früher, sehr talentierter Astronom, der Marbach im Alter von einem Jahr verlassen hat, noch früher als Schiller. Er war einer der ersten, der den Mond kartografiert hat, so dass Schiffe den zu Orientierung nutzen konnten. Er starb auch früh; er wurde ein Opfer einer Seuche, die einer der französisch-deutschen Kriege mit sich gebracht hat. Eine kleine Mondausstellung ist ihm gewidmet.

Morgen mehr zur Marbacher Kultur.

 

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