vonEva C. Schweitzer 11.10.2019

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Eva C. Schweitzer, Buchautorin, Journalistin und Verlegerin, über Amerika und über die Leute, die über Amerika schreiben.

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In Frankreich gibt es nicht nur den TGV, sondern auch einen Bummelzug, den TER. Der bummelt  beispielsweise an der Cote D’Azur entlang, von Nizza nach Marseille–St. Charles, über Toulon, vorbei an Sanary-sur-Mer und St.Cyr-sur-Mer, wo es in den vierziger Jahren eine deutsch-jüdische, vor Hitler geflüchtete Künstlerkolonie gab. Dort lebten etwa Bertold Brecht, Egon Erwin Kisch, Thomas Mann, Joseph Roth, Franz Werfel, Arnold Zweig und Lion Feuchtwanger. Feuchtwanger wurde später in Les Milles interniert und schrieb darüber ein Buch, Der Teufel in Frankreich.

In St.Cyr lerne ich, dass man sich auch einen Sonnenbrand holen kann, wenn man nicht am Strand liegt, sondern unbehütet in der Stadt rumläuft und außerdem, dass die Einheimischen keine Ahnung haben, wer um 1940 in welchem Haus gewohnt hat. Die Franzosen haben es nicht so richtig mit der Vergangenheitsbewältigung. In Sanary erstehe ich  eine Broschüre über die Künstlerkolonie, die in Purkersdorf erstellt wurde. Purkersdorf? Das ist ein Städtchen bei Wien. Dazu später mehr. Am Abend steige ich in Toulon ein, um zurück nach Marseille zu fahren, oder versuche das zumindest, aber der Zug ist zu der Zeit, an der Ouie ihn am Bahnhof vermutet, bereits abgefahren. Es kommt aber ein italienischer Superschnellzug, der nicht in der Ouie-App existiert, und für den ich auch keinen Zuschlag habe, aber das macht nichts, weil es auch keinen Schaffner gibt. Ein echter Geisterzug. So gleicht sich alles aus.

In Marseille bin ich inzwischen von dem arabischen in ein japanisches Hotel gezogen, wo alles blinkt und funkelt und funktioniert. Blick auf die Notre Dame De La Garde, fünf englische Sender im TV und eine Dreifachdusche, die einen Regenschauer im Tropenwald simuliert. Nicht ganz so glücklich verlief der Versuch, in St Charles — wie viel Zeit verbringe ich hier eigentlich? — eine reservation von Paris nach Berlin zu erwerben. Alle, alle Züge sind voll. Alle. Auch die nach Frankfurt oder Köln oder (schluck) Düsseldorf. Schließlich kriege ich noch was über Brüssel, aber erst spät am Abend.

Ein paar Wochen später werde ich in Rotterdam einen ehemaligen, älter gewordenen Interrailer treffen („Hach! Eine Interrailerin! Ich wusste gar nicht, dass es sowas noch gibt!“), der mich berät, dass man nach Deutschland über Lille fahren kann. Da fährt nicht der TGV, sonder der TER oder irgendeine andere Abkürzung, die nicht zuschlagpflichtig ist. Aber erst einmal verlasse ich Marseille, um drei Stunden später in Paris zu sein.

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