vonEva C. Schweitzer 25.12.2019

Manhattan Media

Eva C. Schweitzer, Buchautorin, Journalistin und Verlegerin, über Amerika und über die Leute, die über Amerika schreiben.

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Am Heiligabend vor vierzig Jahren starb Rudi Dutschke an den späten Folgen eines Attentats. Joseph Bachmann, ein West-Berliner Hilfsarbeiter, hatte im April 1968 vor dem SDS-Büro am Kurfürstendamm auf  ihn geschossen. Dutschke selber machte die Springerpresse für das Attentat verantwortlich, die gegen den SDS gehetzt hatte. Hier, zum Gedenken ist ein Ausschnitt aus den Erinnerungen seiner Frau Gretchen Dutschke, aus dem Buch Unser West-Berlin.

 

Etwas später wurde auch ich zum ersten Mal verhaftet, ebenso wie Rudi. Wir erfuhren, dass es Leute ärgerte, wenn wir Eier auf öffentliche Gebäude warfen und uns das keine Sympathien einbrachte. In einer der vielen SDS-Debatten wurde deshalb beschlossen, lieber etwas Nettes zu tun, um die Leute zu überzeugen. Wir stellten Flugblätter her, auf denen stand: „Keine Keilerei mit der Polizei“. Alle sollten Wein mitbringen und den Leuten an den Gehwegen welchen anbieten. Die Demonstration sollte auf dem Bürgersteig, mitten zwischen den Fußgängern stattfinden, es gab keine Plakate oder Transparente, stattdessen verteilten wir Flugblätter mit Gedichten über Polizisten, die lieber nach Hause gehen und ihre Frauen vögeln sollten, statt Studenten mit dem Knüppel auf den Kopf zu hauen.
Es war eine typische Demo im Stil der Sechziger, Flower-Power eben. Aber irgendwie schienen die Polizisten die Idee nicht recht zu verstehen. Ich trug zwei Weinflaschen, und Rudi hatte eine Kiste und ein Megafon dabei. Auf der Kiste wollte er stehen, damit er über die Massen sehen konnte. Rudi war nicht besonders groß, deshalb brauchte er sie. Er hatte zwar eine durchdringende Stimme, aber an einer geschäftigen Straße voller Leute, die Weihnachtseinkäufe machten, mitten im Verkehr konnte nicht einmal er laut genug schreien, um von allen gehört zu werden. Daher das Megafon. Wir liefen zusammen zwischen den Einkaufsbummlern und den Demonstranten — es war nicht so leicht zu unterscheiden, wer wer war — und suchten einen passenden Platz, wo Rudi stehen und zu den Leuten reden konnte.
Ich sah das Polizeiauto als erste. Es war ein gewöhnlicher Polizei­wagen, doch er steckte voller Polizisten, eng aneinander gedrängt wie Sardinen. Das war merkwürdig. Ich zwickte Rudi in den Arm und sagte: „Guck mal !“. Das Auto parkte direkt neben uns, und die Polizisten kletterten nach draußen. Innerhalb von Sekunden hatten sie Rudi umringt und griffen nach ihm. Es war ziemlich offensichtlich, dass sie nur Rudi wollten. Sie fingen an, ihn zum Auto zu zerren. Ich versuchte, ihn wegzuziehen, aber sie verscheuchten mich wie eine Fliege. Da begann ich, mit den Fäusten auf den Rücken des Polizisten zu trommeln, der Rudi festhielt. Dabei hatte ich das Gefühl, dass das meine Fäuste mehr schmerzte als den Polizisten. Es war, als ob ich auf eine Ziegelwand einschlug. Sie ignorierten mich und schubsten Rudi in das Auto. Mein Herz blieb fast stehen, als ich sah, wie sie die Türen schlossen und das Polizeiauto wegfuhr. Ich war allein.
Dann sah ich einen Bekannten und rannte zu ihm. „Sie haben Rudi verhaftet“, schrie ich, immer noch aufgebracht. „Hier, dorthin sind sie gefahren.“ Ich zeigte in die Richtung, in die das Polizeiauto verschwunden war.
„Er wurde verhaftet?“, fragte der Student überrascht. „Was hat er getan?“
„Gar nichts“, sagte ich. „Wir liefen nur herum. Er trug ein Megafon. Das haben sie auch mitgenommen.“
Wir wussten nicht so recht, was wir nun tun sollten. „Hmm“, sagte er, „wie wär’s, wenn wir…“
„Oh, guck mal“, sagte ich. Diesmal war es kein kleines Polizeiauto, sondern eine größere Wanne. Sie stoppte, ein Polizist stieg aus, starrte mich an, deutete auf mich und rief dann: „Das ist sie!“ Schon wieder kam eine Horde Polizisten aus dem Fahrzeug. Sie ergriffen mich und den Bekannten und schubsten uns in die Wanne. Die fuhr los zur nächsten Polizeistation.
Als wir dort ankamen, sahen wir andere Wannen, die Leute ausluden, meistens junge, aber auch ein paar ältere, von denen viele Weihnachts­pakete trugen. Die Männer wurden in die eine Richtung geschickt, die Frauen in die andere. Ich wurde in einen Käfig mit zehn anderen Frauen geschubst, und die Tür schloss sich hinter mir mit einem metallischen Knacken.
„So“, sagte ich, „was nun?“ Alle schauten mich ratlos an. Eine Frau war kurz davor, in Tränen auszubrechen. „Warum haben die das getan? Ich war nur einkaufen… hier!“, sagte sie und zeigte uns eine große Tüte, auf der „KaDeWe“ stand.
„Die haben jeden verhaftet“, sagte eine andere Frau. „Denen ist es egal, wer an der Demonstration teilgenommen hat und wer nicht.“
Eine ältere Frau sagte: „Das erinnert mich an die Nazis. Die haben sich auch so aufgeführt.“
„War denn da eine Demonstration?“, fragte die Frau mit der KaDeWe-Tasche. „Warum?“
„Tja, die ist, um die Polizei zu besänftigen und außerdem gegen den Vietnamkrieg“, sagte ich.
„Ich frage mich, wie lange die uns hierbehalten“, sagte die KaDeWe-Frau.
„Wer weiß?“, sagte eine andere.
Erst in dem Moment merkte ich, dass ich immer noch die Tasche mit den beiden Weinflaschen hielt. „Na gut“, sagte ich. „Ich hab immer noch Wein. Der war eigentlich für die Demonstranten gedacht, aber nun können wir den hier trinken und ein bisschen feiern.“
Die anderen Frauen fanden die Idee prima. Wenn Leute nervös und ein bisschen verunsichert sind, lenkt es sie ab, auf eine schräge Weise zu feiern. Ein paar Minuten später waren die Flaschen geöffnet. Wir reichten sie herum und fingen an, uns über die Situation zu amüsieren.
Bald war die erste Flasche leer, die zweite halbleer. Ich war vielleicht seit zwei Stunden da. In der Zeit wurden noch mehr Frauen in den Käfig eingeliefert, und es wurde ziemlich voll. Dann kam ein Polizist und rief: „Ist Frau Dutschke hier?“
Ich winkte. „Kommen Sie“, sagte er.
Ich war überrascht. Bislang war niemand aus dem Käfig gelassen worden. Ich fragte mich, warum gerade ich. Der Polizist öffnete die Tür.
„Hej, deine Flasche!“, rief mir jemand hinterher.
„Behalte sie“, sagte ich, „trink sie aus!“

 

Unser West-Berlin. Lesebuch von der Insel
Hardcover, 224 Seiten
Format: 148 x 22,4 cm
ISBN 1-978-3-96026-012-7
Ladenpreis 20,- € / $20.

Für Buchhändler: Bei der GVA, Libri und KNV

 

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