vonEva C. Schweitzer 30.12.2019

Manhattan Media

Eva C. Schweitzer, Buchautorin, Journalistin und Verlegerin, über Amerika und über die Leute, die über Amerika schreiben.

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Von Kurt Tucholsky ist in diesen Tagen viel die Rede. Satire — und wer könnte mehr zu Satire sagen als Tucholsky — dürfe alles, hat er einmal geschrieben. Er hat noch einiges mehr dazu gesagt, unter anderem:

Satire scheint eine durchaus negative Sache. Sie sagt: »Nein!« Eine Satire, die zur Zeichnung einer Kriegsanleihe auffordert, ist keine. Die Satire beißt, lacht, pfeift und trommelt die große, bunte Landsknechtstrommel gegen alles, was stockt und träge ist.

Satire ist eine durchaus positive Sache. Nirgends verrät sich der Charakterlose schneller als hier, nirgends zeigt sich fixer, was ein gewissenloser Hanswurst ist, einer, der heute den angreift und morgen den.

Der Einfluß Krähwinkels hat die deutsche Satire in ihren so dürftigen Grenzen gehalten. Große Themen scheiden nahezu völlig aus. Der einzige ›Simplicissimus‹ hat damals, als er noch die große, rote Bulldogge rechtens im Wappen führte, an all die deutschen Heiligtümer zu rühren gewagt: an den prügelnden Unteroffizier, an den stockfleckigen Bürokraten, an den Rohrstockpauker und an das Straßenmädchen, an den fettherzigen Unternehmer und an den näselnden Offizier.

Übertreibt die Satire? Die Satire muß übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird, und sie kann gar nicht anders arbeiten als nach dem Bibelwort: Es leiden die Gerechten mit den Ungerechten.

Aber nun sitzt zutiefst im Deutschen die leidige Angewohnheit, nicht in Individuen, sondern in Ständen, in Korporationen zu denken und aufzutreten, und wehe, wenn du einer dieser zu nahe trittst. Warum sind unsere Witzblätter, unsere Lustspiele, unsere Komödien und unsere Filme so mager? Weil keiner wagt, dem dicken Kraken an den Leib zu gehen, der das ganze Land bedrückt und dahockt: fett, faul und lebenstötend.

Nicht einmal dem Landesfeind gegenüber hat sich die deutsche Satire herausgetraut. Wir sollten gewiß nicht den scheußlichen unter den französischen Kriegskarikaturen nacheifern, aber welche Kraft lag in denen, welch elementare Wut, welcher Wurf und welche Wirkung!

Das ist kein rechter Mann und kein rechter Stand, der nicht einen ordentlichen Puff vertragen kann. Er mag sich mit denselben Mitteln dagegen wehren, er mag widerschlagen – aber er wende nicht verletzt, empört, gekränkt das Haupt. Es wehte bei uns im öffentlichen Leben ein reinerer Wind, wenn nicht alle übel nähmen.

Satire darf alles, es muss aber auch tatsächlich Satire sein und nicht nur Gemotze. Hatte sich Tucholsky dabei vorgestellt, dass Kinder im gebührenfinanzierten Fernsehen Spottlieder auf ihre Oma singen? Wahrscheinlich nicht. Er war der Ansicht, dass Satire nach oben treten sollte, nicht nach unten. Er hat sich lieber mit der Reichswehr angelegt, den Freicorps, den Unternehmern, der französischen und der polnischen Regierung, der Zentrumspartei, und ja, auch der SPD und den Kommunisten. Also, missbraucht Tucholsky nicht, um ein peinliches Lied wegzuerklären.

Er schrieb natürlich auch über die Familie, die „aus einer Ansammlung vieler Menschen verschiedenen Geschlechts besteht, die ihre Hauptaufgabe darin erblicken, ihre Nasen in deine Angelegenheiten zu stecken.“ Aber seine Oma, oder seine geliebte Tante Berta, die in Theresienstadt vergast wurde, hätte er nie eine „Umweltsau“ genannt. Vor allem aber fand er, wer austeilt, muss auch einstecken können.

Daran scheint es in Deutschland heute zu mangeln; wir haben zwei maulige, mopsige Lager vor uns, die dauernd sagen, aber der andere hat doch auch uns beleidigt, in einem Liedchen, in einem dummen Spruch im Fernsehen, auf Twitter, jetzt sind wir mal mit Beleidigen dran. Es ist insgesamt kein sonderlich komischer Anblick, allenfalls unfreiwillig, und wen das von irgendwas überzeugen soll, das wissen die Götter.

Das Gute daran aber ist, dass uns Tucholsky heute noch etwas sagt. Deshalb, aber auch, weil Berlinica Publishing vor ein paar Wochen eine englischsprachige Tucholsky-Biographie veröffentlicht hat, Kurt Tucholsky, The Short Fat Berliner Who Tried to Stop A Catastrophe With A Typewriter,  von dem legendären Rutgers-Professor Harold L. Poor, feiern wir im kommenden Monat Tucholskys Geburtstag. Und zwar in Tucholskys Geburtshaus, in der Lübecker Straße 13, im Projektraum Kurt-Kurt. Das Haus ist ziemlich genau zwischen den U-Bahnhöfen Birkenstraße und Turmstraße.

Es spricht Professor Ian King, der Vorsitzende der Kurt-Tucholsky-Gesellschaft, der zum Geburtstag eigens aus London angeflogen kommt, und zwar auf deutsch und auf Englisch. Es wird auch ein wenig aus Tucholskys Büchern gelesen.

Der Event ist am Freitag, dem 10. Januar, um 19.00 Uhr. Das ist einen Tag nach dem eigentlichen Geburtstag am 9. Januar, an diesem Datum aber tritt Professor King in der Kurt-Tucholsky-Bibliothek in Pankow auf. Der Eintritt ist frei. Der Event richtet sich insbesondere an englischsprechende Berliner. Dazu gibt es Wein und Torte.

Und zur Satire haben wir für unsere englischsprachigen Tucholsky-Freunde noch ein T-Shirt! Wer darin aufkreuzt, kriegt ein Glas Wein auf Kosten von Berlinica!

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