vonSinan Kücükvardar 24.03.2021

Perspektive

Mensch und Existenz, Lebenswelt, Ideologie, Kultur, Gesellschaft

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Die klimatischen Veränderungen als größte Herausforderung der Moderne haben ihre Ursache in genau dieser Zeit. Seit Beginn der Industrialisierung und der Etablierung des kapitalistischen Wirtschaftssystems zählte die Ausbeutung  der Erde zu den fundamentalen Prinzipien einer funktionierenden Wirtschaftsgesellschaft. Aus dem Verbrauch und dem Nutzen der Rohstoffe soll ein Umsatz generiert werden, der höher ist als die aufgewendeten Kosten. Der dabei für die Nutznießer*innen entstehende Mehrwert zeugt von einem Ungleichgewicht, in welches die Menschen sich und die Welt aktiv versetzen. Ein Mehrwert entsteht nämlich nicht aus nichts, sondern ist auf unzureichende Bezahlung des ausgebeuteten Objekts zurückzuführen. So ist es auch in diesem Verhältnis:
Die Nutzung von natürlichen Ressourcen kostet nicht nur in der Beschaffung ihrer, sondern auch im Verbrauch. Ein Fakt, der deshalb von der Gesellschaft und gerne von den Ausbeutenden übersehen wird, da die Kosten nicht monetärer Art sind, zumindest auf den ersten Blick. Sie sind existenziell und werden aufgrund des Prinzips der Kostenminimierung in der Produktion gekonnt an die gesamte Menschheit abgegeben. Der forcierte Metabolismus von Rohstoffen in allen wirtschaftlichen Bereichen zur Freisetzung von Energie und die daraus resultierenden Emissionen, Abfälle und Umformungen der Natur sind Ursache für den Entzug der Existenzgrundlage der Menschen.
Gleichzeitig unterliegt die Wirtschaft einem ständigem Wachstumszwang, der es fast unmöglich macht, regulatorisch auf Wirtschaftsweise und Markt einzugreifen. Denn die Stabilität unserer Gesellschaft ist wesentlich von einer immer schneller wachsenden Wirtschaft abhängig. Sobald Maßnahmen zur ökologischen Nachhaltigkeit getroffen werden, wird entgegen der Prinzipien des Kapitalismus agiert und die ökonomische und soziale Nachhaltigkeit gefährdet.

Ausbeutung wird hier als wirtschaftliches Prinzip verstanden und ist jeder moralischen Konnotation enthoben

Die Lage scheint aussichtslos: Ändert man nichts und macht weiter wie bisher, folgt unausweichlich die ökologische Katastrophe. Zwingt man Unternehmen demokratisch, Ausbeutung einzustellen und Ressourcenverbrauch auf ein nachhaltiges Level zu senken, hat das schwere soziale Verwerfungen zur Folge, welche die Stabilität unserer Demokratie und Gesellschaft gefährden.

 

Ausweg

Wie also sollen wir verfahren? Zwei Lösungen werden angeboten: Die oberflächliche Erweiterung des Kapitalismus mit Methoden, welche ein Wirtschaften ermöglichen, das nicht mehr notwendigerweise auf Rohstoffe angewiesen ist, deren Verbrauch klimawandelbeschleunigend wirkt. Die Rede ist vom grünen Kapitalismus. Oder der Versuch viel fundamentaler und gravierender das Wirtschaftssystem selbst zu ändern und Steigerungszwang, Ausbeutung, Monopolisierung, Konkurrenz, Neid, Expansion und Abhängigkeit der Gesellschaft von der Wirtschaft zu überwinden.

Leider wird über die zweite Möglichkeit kaum auf öffentlicher Bühne diskutiert. Die Entscheidung ist gefallen ohne einen Diskurs, ohne Betrachtung von Argumenten, ohne allgemeines öffentliches Interesse an diesem Thema. Selbst linke Parteien scheinen einem reformatorischen Kurs mit ein paar Forderungen nach höherer Umgestaltungsgeschwindigkeit und sozialen Komponenten beizuwohnen, obwohl gerade jetzt ein hervorragender Zeitpunkt wäre durch Aufklärung dem Überdenken des Kapitalismus Nachdruck zu verschaffen.

 

Das Versprechen

Der grüne Kapitalismus nämlich, der nach Investitionen und Subventionen für klimafreundliche Energie, Technik und Lebensweisen kreiert durch wissenschaftliche Entwicklung schreit, unterliegt weiterhin denselben Prinzipien. Nur die Fassade wird angestrichen und dies nicht aus der Überzeugung heraus, sich dem Interesse der Weltbevölkerung zu beugen, sondern allein aufgrund der typisch kapitalistischen Wettbewerbslogik: Unternehmen zeigen nämlich eine viel höhere ökonomische Fitness, d.h. sie können viel leichter bestehen oder sich überhaupt erst in Konkurrenz zu den etablierten Unternehmen begeben, wenn sie Sorge um die Umwelt und ökologische Nachhaltigkeit propagandieren. Neben dem materiellen Konsumgut und seiner Funktion wird das existenzielle Versprechen angeboten, dass durch genau diesen Kauf die Welt gerettet wird. Die Kombination eines Produkts und einer Idee ist zwar nichts Innovatives, man denke an Smartphones und der weltweiten Vernetzung oder an eine Uhr als Statussymbol, das Ausmaß der Bedeutung der Idee und das kategorische Verlangen der Konsument*innen vorrangig nach ihr sind einmalig.
Da dieser Wandel stattfindet und immer mehr Unternehmen sich ihm anschließen werden, wird dieses Phänomen universell auf dem Markt auftauchen. Jedes Produkt und jeder Kauf werden ein Stückchen mehr ökologische Nachhaltigkeit bringen und werden uns so ein Stückchen mehr vor einer Katastrophe bewahren. Logisch fortgeführt müssten wir alle nur immer mehr ökologisch nachhaltig hergestellte Produkte kaufen und wir könnten dem Untergang entkommen.

Aber ist es nicht widersprüchlich, dass die Probleme, welche durch unermesslichen Konsum verursacht wurden, durch unermesslichen Konsum gelöst werden sollen? Auf den ersten Blick scheint diese Frage zwar polemisch, doch hat sie einen Kern, welcher die Ideologie der Moderne und vor allem unserer heutigen Zeit verdeutlicht:
„Du kannst dir alles kaufen – Liebe, Glück, Umweltschutz“ ist das Paradigma, welches die Mehrheit noch nicht einmal in ihrem Denken identifiziert hat.

 

Das Bekenntnis, nur eine Farce

Wird plötzlich im Sinne der Menschen gewirtschaftet und nicht mehr im Sinne des Profits? Werden wegen der freiwilligen Verpflichtung zur ökologischen Nachhaltigkeit die kapitalistischen Grundsätze über Bord geworfen und nicht mehr die günstigsten Produktionsweisen verfolgt – auch mit Blick auf die teilweise endlosen Lieferketten, die es leicht machen Verstöße zu verbergen? Mag sein, dass Amazon bald nur noch mit Elektroautos durch Deutschland fährt und sich deshalb als Führerin einer grünen Bewegung präsentiert. Vergessen werden sollte dabei aber nicht die Intention hinter diesem öffentlichen Bild und der Fakt, dass Elektroautos selbst in ihrer Herstellung sowie im Betrieb Energie verbrauchen und Amazon weiterhin darauf zielt die Verkaufszahlen zu erhöhen. Genauso sind Amazons umweltfreundliche Verpackungen zwar gut, weniger Verpackungen wären aber besser. Die Reihe an Beispielen ließe sich unendlich fortführen, in der Unternehmen ein Geschäftsmodell verfolgen, welches ihre umweltschützenden Aktionen überhaupt erst erfordert . Hier die Realität nicht zu sehen und in Jubel über längst notwendige Bekenntnisse zum Klimaschutz auszubrechen ist naiv und zeugt von Verblendung.

 

Eine Ideologie sie zu knechten

Die Menschen müssen sich bewusst werden, dass ihr Blick auf Wirtschaft und Politik von indoktrinierten Ideologien durchzogen ist. Alles, was so selbstverständlich scheint, wie sich alle zwei Jahre ein neues Handy kaufen zu müssen oder dass wir auf die Gnade alter Politiker angewiesen sind, ist im Grunde eine verzerrte Wirklichkeit. Genauso ist es bei der Predigt, dass Klimaschutz nur vereinbar sei mit einer wachsenden kapitalistischen Wirtschaft, wo es doch gerade diese Wirtschaftsform ist, welche grundlegend ökologischer Nachhaltigkeit widerspricht. Es wird Zeit aus diesen Illusionen aktiv herauszubrechen und zu verstehen, dass wir unser Wohl und daneben auch das Wohl der Pflanzenwelt und den Erhalt der Tierwelt nicht im nächsten Supermarkt um die Ecke kaufen können.

 

Mensch und sein Konsum

Der Konsum ist der moderne Ablasshandel, nicht um sich einen Platz im Himmel für die Zeit nach dem irdischen Leben zu sichern, sondern um jetzt den Himmel auf Erden zu errichten. Doch machte er die Menschheit nicht glücklich oder half ihr Liebe zu finden, nicht er erzeugte wissenschaftlichen Fortschritt und technologische Entwicklung, sondern Menschen taten das. Und genauso sollten wir unsere Verantwortung im Bezug zum Klima- und Umweltschutz nicht an ein abstraktes Konstrukt abgeben, welches hauptsächlich durch negative Charaktereigenschaften beschrieben wird. Wir müssen selbst Handeln als einzelne Personen und als Kollektiv. Selbst wenn es in manchen Fällen bedeuten würde verzichten zu müssen, so wüssten wir, dass dieser Verzicht uns nicht das wegnimmt, was wir sowieso nie erhalten hätten.

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