vonSinan Kücükvardar 21.04.2021

Perspektive

Mensch und Existenz, Lebenswelt, Ideologie, Kultur, Gesellschaft

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Zugegeben der Titel mag auf den ersten Blick befremden. Die Fülle an faktischem Wissen über das Coronavirus, mit der wir täglich konfrontiert werden, lässt diesen Schluss eigentlich nicht zu. Ich bin mir aber sicher, dass der ein oder anderen Person diese Assoziation schon einmal durch den Kopf gegangen ist. Sei es zu Beginn der Pandemie, als erste gesundheitspolitische Maßnahmen global schwere Einschnitte in den Alltag der Menschen machten – eine so spezifische Situation, wie sie nur aus Filmen dieses Genres gekannt wurde. Oder sei es heute mit Blick auf sich und die Mitmenschen: Vielleicht ist man nicht nur dann ein Zombie, nachdem mit einem Virus infiziert wurde, welcher solche körperlichen Reaktionen verursacht, dass man stirbt, aber gleichzeitig weiterlebt. Vielleicht ist das zeichnende Charakteristikum des Zombieseins vielmehr das herumwandelnde Untotsein, eingesperrt in einen schier unendlichen Trott, ausgeschaltete Hirnfunktionen, der Verlust des freien Willens und daran anknüpfend, Umwelteinflüssen ausgesetzt zu sein. Zu existieren in der Pandemie mehr als ein Jahr nach dem ersten Ausbruch des Coronavirus zeigt genau dies:

Der Verlust von Kultur- und Freizeitmöglichkeiten, sogar vom Arbeitsweg, bedeutet der Verlust von Zäsuren im Alltag. Nicht mehr ab und zu aus sich immer wiederholenden Routinen ausbrechen zu können hat zur Folge, dass man irgendwann vollends in ihnen versinkt.  Das Bewusstsein für das eigene Handeln schrumpft bis die Tagesordnungspunkte nur noch maschinenhaft abgegangen werden. Täglich einem ähnlichen Ablauf nachzugehen lässt nicht nur Zeit zu einem trivialen Faktor werden, sondern verwischt auch die Klarheit, mit der auf die um einen herum stattfindenden Vorgänge geblickt wird.

Daneben fällt es weg, sich in größeren Gruppen oder in Vereinen zu treffen. Mal außenvorgelassen, dass Freundschaften und soziale Bindungen, dadurch auch soziale Stabilität, massiv darunter leiden, führt es neben dem vorpolitischen Raum auch ganz generell zum Verschwinden der Möglichkeit, über Gegenwärtiges außerhalb der eigenen Blase zu reflektieren. Das erschwert zu verstehen, was gerade auf der Welt, in Europa, in Deutschland und was gerade im eigenen Umfeld passiert. Es wird keine Erfahrung mehr geteilt, durch die sich ein besseres Bild von einem Begriff oder einem Zustand ergibt, welche zuvor nicht wirklich im Ganzen gesehen wurden. Die eigene Perspektive und Ideologie werden nicht mehr kritisiert und man selbst kann das auch nicht mehr bei anderen tun. Ganz allgemein schwindet der Diskurs und mit ihm die Frage nach der Wahrheit der Dinge. Sie wird schlicht obsolet.
Die Sorge vor politischer Unmündigkeit ist hier zwar berechtigt, aber zu vernachlässigen, vor allem mit Blick auf die Unfähigkeit der Politiker*innen sollte keine Furcht vor der Etablierung einer Diktatur bestehen. Viel gravierender ist, dass sich eine Routine des Denkens einstellt, welche nach Verkümmerung der Analyse- und Abstraktionsfähigkeit im letzten Schritt das leere Betrachten des Vorhandenen und der Verhältnisse bedeutet.

Der Einwand das Internet ermögliche ja dennoch einen sozialen Austausch über Plattformen wie Zoom, gilt oft nur und oft nicht ausreichendend dahingegen, dass das Mindeste, das wir als Menschen an Sozialem von Natur aus brauchen, erreicht wird. Uns wird eine schein-soziale Situation vorgespielt, welche auf Dauer durchschaut wird und auch erfahrungstechnisch unterschiedlicher von einem Treffen am selben Ort nicht sein könnte. Es fehlt Atmosphäre, sodass unbewusst und intuitiv die Stimmungslage erkannt wird. Es fehlen Berührungen, die zeigen, dass das Wahrgenommene gerade Wirklichkeit ist. Es fehlt alles, was das blanke Gegenübersein zu mehr macht. Im Grunde ist eben dieses Online-Argument nicht mehr als ein weiteres Argument für die Zombiethese, da wir uns nicht willentlich in diese pseudosozialen Räume begeben, die keinen transzendenten Reiz bieten, sondern nur wegen sozialer Bedürfnisse wie z.B. Informationsaustausch.

Und „Information“ ist das Stichwort: Es besteht nämlich ein unersättlicher Hunger nach Informationen zum Virus. Jede Neuigkeit macht Schlagzeilen und lässt impulsiv aufhorchen und die Witterung aufnehmen. Jede politische Talkshow, die „Corona“ im Titel hat, lockt Millionen reflexhaft vor den Fernseher. Selbst wenn der Großteil des Gesagten nicht verstanden wird, weil mittlerweile so detailliert auf einzelne Phänomene eingegangen werden muss, da sonst kein Inhalt mehr verfügbar wäre, selbst dann wird alles verschlungen. Wichtige Themen – Klima?! – werden aus dem kollektiven und subjektiven Betrachtungshorizont verdrängt. Es geht hier auch vordergründig nicht um Wissensanhäufung, sodass sich die persönlichen und familiären Überlebenschancen erhöhen – das würde noch einen Funken Vernunft zeigen – es geht hier rein um die Befriedigung des Triebes. Die ganze Welt dreht sich nur noch um die eine Sache – Fressen äääähm Corona.

Gleichzeitig stumpft diese Fülle unglaublich ab. Wir erfahren eine Dauerbeschallung und selbst bei bestehenden Impulsverhalten lässt es sich mit Voranschreiten der Pandemie nicht verhindern, dass ab einem gewissen Punkt, das Gehörte zum einen Ohr hinein- und zum anderen herausfließt und das Gesehene das eine Auge betritt, die auf Sparflamme laufende graue Masse durchwandert und das andere Auge wieder verlässt. Und das wird sich nicht auf das Coronathema beschränken, sondern aufgrund seiner Vorherrschaft universell einstellen. Dadurch wird alles Erlebte unbedeutend und verliert an Sinn, wird zu leeren Worthülsen und Bildern.

Die Situation schein recht drastisch zu sein, weshalb man durchaus die These vertreten könnte, dass ein baldiges Ende zum Vorteil aller sei. Die wiederholte Enttäuschung lässt selbst diese konservative Einschätzung zu einer utopischen Spinnerei werden, auf die mit einem subtilen Lächeln reagiert wird. Wenn letzten Sommer die Hoffnung groß war, das schlimmste hinter sich zu haben, dann wurde man spätestens im Herbst wieder enttäuscht. Nachdem dann zu Beginn des Winters die Regierung eine Aussicht versprochen hatte, zerstörte spätestens drei Monate später nach Versagen bei der Impfpolitik, krassen Korruptionsfällen und der Festsetzung der unterschiedlichen Beschränkungen im Alltag und Verhalten die Flut an Absurdität nachhaltig jede Hoffnung in die Zukunft. Das wird gepaart mit der Befürchtung allmählich den Verstand zu verlieren und verrückt zu werden, bevor sich diese Anspannung schließlich in einer kategorischen Gleichgültigkeit gegenüber allem auflöst.

Das einzige, das bleibt, ist der romantische Blick in die sorglose Vergangenheit, in der es noch Leben gab. Heute, wo wir mit leeren (Aus-)Blick, leeren Gedanken, ohne Bewusstsein und versunken im Nichts den Handlungen, die sich so anfühlen als hätten wir sie schon immer so ausgeführt,  trottartig nachgehen, gibt es kein Leben mehr, sondern nur noch… sorry, muss los: Karl Lauterbach sitzt gerade bei Lanz. Das kann ich nicht verpassen.

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