vonSinan Kücükvardar 09.01.2022

Perspektive

Mensch und Existenz, Lebenswelt, Ideologie, Kultur, Gesellschaft

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Für gewöhnlich beginnt so ein Kurzessay mit einer kleinen Vorstellung des zentralen Begriffs. Eine Analyse der erotischen Liebe an sich widerspricht jedoch dem wissenschaftlichen Standard der Objektivität. Oder um es anders auszudrücken: Alle Konzeptionen der Liebe scheinen ungenügend, da subjektive Eindrücke und Erfahrungen diesen immer widersprechen bzw. in keiner vollständigen Kongruenz mit ihnen stehen, weil sie selbst immer von Subjektivität durchzogen sein müssen. Wäre es überhaupt angemessen Liebe in ein Begriffssystem einzuordnen, ihr differenziert und distanziert zu begegnen, wenn gerade ihre wesentliche Eigenschaft der völlige Verlust von Entfremdung, von Rationalität und Objektivität ist? Die Liebe als die Überwindung jeglicher instrumentellen Beziehung zum Geliebten, als der Wunsch nach totaler Vereinigung und dem gemeinsamen Überwinden der Grenzen des Seins, ist ja gerade eines dieser Wunder unserer Welt, welche ihre Schönheit und ihren Zauber durch eine analytische Untersuchung verlieren würde. Sie tritt als ein Absolutes, als ein nicht auszublendendes Verlangen auf, sie überkommt uns und übt eine kaum zu bezwingende Macht aus. Man kann gegen sie nicht ankämpfen, sondern ihr nur mit radikaler Ehrlichkeit begegnen. Denn sie selbst ist radikale Leidenschaft, eine Kraft, die alles bewegen kann, insofern wir uns auf sie einlassen. Liebe führt zu Liebe und Glückseligkeit, sie führt aber genauso zu Leid und Schmerz – eine Ambivalenz, die Gefahr ausstrahlt und einen Sirenencharakter besitzen kann. Hinzu kommt, dass sie reine Natur und menschlich ist, also nur durch uns in die Welt gebracht wird, und sich gleichzeitig unserer Verfügbarkeit entzieht.

Lange Zeit waren die Menschen dieser Machtlosigkeit ausgeliefert; in jedem Augenblick konnten sie von der Liebe überkommen werden. Mit dem Einzug der Moderne und schließlich unserer Zeit, der Spätmoderne, verlor die Liebe ihre Autonomie: Wir schafften es, sie systematisch zugänglich zu machen, indem wir sie in eine Ware verwandelten. Jeglicher Natürlichkeit beraubt steht sie uns nun aalglatt gegenüber – in einem Paket, das mit einer Schleife versehen ist. Ihre Rauheit, Gewaltigkeit und Wildheit, alles verlor sie in dem Prozess der Kommodifizierung, des Zur-Ware-Werdens. Im Kapitalismus dient sie nun dem Profit und erhält den Charakter eines Massenprodukts – so hatten die Geschichten, wie sich Paare kennenlernten, immer ihre qualitative Eigenheit, während die Häufigkeit von „Wir haben uns online kennengelernt“ gegenwärtig steigt. Die Soziologin Eva Illouz beschreibt in ihrem Buch Emotions as Commodities, dass Konsum und Emotion tiefgreifend miteinander verbunden sind. Sie nennt die zur Stimulierung des emotionalen Lebens vermarkteten Emotionen emoditys (emotional commodities), deren Zweck die Verbesserung des Selbst ist.

Die Quantifizierung der Liebe geht allerdings mit Veränderungen ihres Wesens und des Phänomens Liebe einher: Die Entwicklung ist bereits so fortgeschritten, dass die Liebe, welche angeboten wird, im Grunde nur noch eine Art synthetische und künstliche Kopie der ursprünglich natürlichen, geschlossen einheitlichen Liebe ist. Über Parameter, über Elo-Systeme, nach denen dir nur Personen deines Ranges vorgestellt werden, über das Ja und Nein ausgehend einiger Fotos und einer dargestellten Identität wird die Komplexität von Liebe und Wille-nach extrem heruntergebrochen. Wir erhalten größere Kontrolle, denn die Liebe wird domestiziert, dressiert und schlussendlich bei Einsetzen des Bedürfnisses auf Abruf verfügbar sein. Und proportional zur Steigerung der Kontrolle über die Liebe, über uns, steigt auch der Verlust unserer Freiheit.

Haben wir möglicherweise in der Zukunft Programme, die uns allein ausgehend unserer Person Menschen zuweisen, ohne dass wir ein Wörtchen mitzusprechen haben? Der Gedanke ist nicht aus der Luft gegriffen. Um einiges schwerer als die technologische Möglichkeit liegt in der Magengrube das Wissen, dass dies als wünschenswerter Fortschritt deklariert werden wird.

Der Einzug der Liebe – der fehlende Fall

Welche Auswirkungen hat dies auf uns Menschen als geistige Wesen mit einer Psyche? In Blurs „To The End“ singt Damon Albarn: „Well, you and I collapsed in love.”Am besten ließe sich dies mit einem Zusammenbruch durch und in die Liebe übersetzen.

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Dieser auf den ersten Blick bzw. Hörer recht unscheinbare und irritierende Satz verbirgt jedoch eine tiefere Erkenntnis. Er beschreibt eine wesentliche Eigenschaft und, dass gerade die Liebe eine bestimmte Wirkung besitzt: Nach Eintreten der Liebe ins Bewusstsein zeigt der Rückblick auf das bis dahin erfolgte Leben, dieses als auf den jetzigen Punkt hinauslaufend, so, als sei die zufällige Begegnung vorherbestimmt und dieser Kollaps notwendigerweise eingetreten. Der Zusammenbruch der Grundkonstanten des individuellen Lebens aufgrund der Liebe ist nach Slavoj Žižek ein Event, ein radikaler Bruch im Leben eines Menschen. Er nutzt zur Erläuterung dieses Phänomens den englischen Begriff des Sich-Verliebens, der selbst schon metaphorisch genau diesen Umstand darstellt: falling in love.

Sich zu verlieben, bedeutet also immer ein Fall – ein Fall aus der Sicherheit, aus dem Bekannten hinein ins Nichts: „A totally contingent encounter, but the result can be that your whole life changes. Nothing is the same.”

Genau hier steckt die Gefahr und wesentlich für Gefahren ist, dass Menschen sie gerne meiden. Als verwöhnte und furchtsame Individuen der Moderne vertrauen wir darauf, dass wir mithilfe unserer Vernunft eine Möglichkeit entdecken, dies auch zu tun, ohne dabei auf die Befriedigung durch die Liebe verzichten zu müssen. Das Ergebnis sind Dating-Agenturen, die den Prozess der Partnerzuweisung und -vermittlung übernehmen, oder Dating-Plattformen wie ElitePartner, die mit ihrem Anspruch eine Plattform für „Akademiker und Singles mit Niveau“ zu sein, einen Sozialdarwinismus implizieren. Oder Dating-Apps wie das von allen geliebte Tinder, auf denen man nach Sexpartner:innen suchen kann, während man sich auf der Toilette befindet. Oh, wie weit haben wir es doch gebracht, wir Menschen, dass es mittlerweile möglich ist, zwei natürliche Bedingungen unseres Lebens gleichzeitig zu erfüllen, ohne Bewusstsein und im durch den Bildschirm hypnotisierten Zustand. Ein Hoch auf die Rationalisierung und Steigerung der Effizienz.

Žižek weist ebenfalls auf bereits bestehende Kulturkritiken hin, die Parallelen zwischen den heutigen Technologien der Systematisierung der Liebe und prämodernen (auf Europa bezogen) kulturellen Praktiken ziehen. Besonders groß ist der Unterschied zwischen einem Algorithmus und einem Familienpatriarchen nicht hinsichtlich der Verkupplung zweier Menschen; beide bedeuten Entmündigung, Bestimmung und Herrschaft. Im Grunde sind wir, wenn es um die Liebe geht, nicht viel weiter als es die Menschen vor 500 Jahren waren – es bräuchte nach der stattgefundenen und stattfindenden sexuellen Emanzipation noch eine Emanzipation der Liebe. Wir sind sogar nicht nur nicht weiter, sondern bei genauerer Betrachtung tätigen wir mit dem Einzug der neueren Methoden und der Technologie ins Feld der Liebe Schritte rückwärts. Denn gerade sie bieten uns nach Žižek: „Love without the fall. […] And that’s what I find very sad.“ Es ist nicht nur traurig, sondern auch langweilig, einklemmend, ermüdend, es fühlt sich nicht richtig und natürlich an, sondern erzwungen, kalt, distanziert und künstlich. Liebe ohne das Verlieren des Bodens unter den Füßen ist schlicht nicht mehr dasselbe.

Doch steht die Wahrheit über die Liebe allein da, als ein zu beobachtendes Phänomen, dessen wir kritisch oder optimistisch gesinnt sein können? Die Ware Liebe ist nur ein weiteres, wenn auch sehr bedauernswertes Beispiel, einer umfassenden Rationalisierung und Domestizierung des Menschen selbst. So besteht eine Art kulturell verfestigter Fetischismus gegenüber dem Maschinellen; fast religiös wird die Steigerung der eigenen und individuellen Produktivität verfolgt. Die Maschine ist unser neuer Idealmensch, unser neues total-Absolutes, unser neuer Gott. Während die Christenheit über Jahrhunderte den Akt zum Bösen als das Unterscheidungsmerkmal zu ihrem Gott wählten, sieht die Religion des Neoliberalismus eben die menschliche Natur im eigentlichen Sinne als ihre Sünde und das Streben danach, sie zu überkommen, als grundlegende ethische Norm: Der Fakt, dass wir Menschen eigentlich Tiere sind, soll verdrängt werden, und die Beziehung zu unseren natürlichen Bedürfnissen und Bedingungen ist entfremdet. Ja sie stehen uns sogar im Weg und kosten Zeit, welche entsprechend der neoliberalen Ideologie sinnvoller, sprich zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit gegenüber unseren Mitmenschen, denen wir eigentlich solidarisch gesinnt sein sollten, genutzt werden kann.

Liebe als ein Stein, der den sich beschleunigenden Zug der Leistungssteigerung aus den Schienen heben kann, bedeutet ein Problem. Deshalb – und die Liebe steht hier neben natürlichen Bedürfnissen wie der Nahrungszufuhr, die über Fast Food optimiert wurde – sind die bereits genannten Liebesbörsen so erfolgreich. Sie ermöglichen die Befriedigung, die Stillung des Bedürfnisses, ohne am nächsten Tag weniger effizient zu sein, egal ob wegen Schmetterlingen im Bauch oder Liebeskummer; sie vereinfachen und beschleunigen den teils langwierigen und komplexen Prozess der Annäherung. Wir betrachten uns selbst immer mehr als Maschine, welche nur am Laufen gehalten werden muss, ähnlich einem Auto, das selbst nicht die Lust nach Diesel verspürt, aber anzeigen kann, wenn der Tank leer ist. Wir sind uns selbst entfremdet.

Das Cover von Kraftwerks Album „Mensch-Maschine“, in dem die Band die sich verblassende Grenze zwischen Menschlichen und Maschinellen thematisiert.

Einwände könnten lauten, dass das Verhältnis zur Liebe nicht in solch radikaler Art wie der geschilderten besteht, dass Liebe immer noch in der Lebenswelt, unserer sozialen Wildnis, zur Geburt kommen und Erschütterung erzeugen kann. Und, dass Technologie auch Vorteile hat: Menschen, die 10 000 Kilometer voneinander entfernt leben, können sich plötzlich kennenlernen. Die ersten beiden Punkte sind im Grunde keine Gegenargumente, sondern Hoffnungsschimmer, die sich in politischen Positionen ausdrücken müssen, insofern diese Entwicklung als kritisch betrachtet wird. Letzteres ist eine Debatte für sich, doch lässt sich anhand des deutschen Oscar-Beitrags für das Jahr 2022 „Ich bin dein Mensch“ erkennen, wohin diese Verfügbarkeit logisch fortgesetzt und zukünftig führen kann.

„Ich bin dein Mensch“ (Spoileralert)

Das Science-Fiction-Drama von Maria Schrader zeigt als Protagonistin Dr. Alma Pfälzer, eine Ethnologin, der aufgetragen wird einen als Liebespartner fungierenden humanoiden Roboter namens Tom für drei Wochen auszutesten. Sie soll eine Studie durchführen, in der sie Stellung hinsichtlich der Zulassung solcher Roboter in Deutschland und der Frage, inwieweit ihnen Rechte zugesprochen werden müssen, bezieht.  Tom stellt dabei nicht nur einen Menschen dar, sondern verkörpert die kommodifizierte Liebe überhaupt. Während zeitgemäße rationalisierte und systematisierte Liebesmärkte noch den ethischen Standard besitzen, dass die jeweils andere Person zustimmen muss, um einen Kontakt herzustellen, fällt dies in dem gezeigten Fall weg. Der humanoide Liebesroboter, der einem Menschen äußerlich in keiner Weise nachsteht, ist die auf die Spitze getriebene Form der Ware Liebe: Er ist verfügbar, er ist erwerbbar, seine Funktion – die Befriedigung des Bedürfnisses – ist gewiss. Allerdings: Bedeutet Liebe nicht der beständig sehnsüchtige Ruf ins Nichts der Ungewissheit und die Hoffnung auf Antwort? Ist nicht gerade dies eine Gefahr, in welche man sich für die Liebe begeben muss, keine Antwort zu erhalten oder die Ungewissheit einer zukünftigen Antwort, während trotzdem der irrationale Ruf getätigt wird? Zerstört die Gewissheit, welche von Tom zu erwarten ist, nicht diese notwendig immanente Sehnsucht und somit die Liebe selbst?

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Während es Tom schafft seiner Funktion vollends gerecht zu werden, indem er in seinem performativen Handeln das Lieben perfektioniert, ist es Alma, die durch ihre Kälte und Abneigung wie ein Roboter erscheint. Ein interessanter Rollentausch, der dazu führt, dass wir gegenüber Alma eine skeptische Position aufgrund eines vermeintlichen Dogmatismus beziehen, und der dazu führt, dass wir Sympathien für den eigentlichen Roboter entwickeln. Wir fallen für Tom wissend, dass er nicht mehr ist als Einsen und Nullen. Wir fiebern mit ihm mit hoffend, dass er es letztendlich doch schafft Alma von sich zu überzeugen, und seine Fehlschläge mitfühlend, sind wir eigentlich soweit ihm den Rat zu geben, er möge sich doch einen neuen Menschen suchen – einen der seine Bemühungen zu schätzen weiß.

Sie sagt selbst: „Alle sind begeistert von dir“, worauf Tom: „Nur du nicht“. Doch ist uns Alma eigentlich einen Schritt voraus. Sie lässt sich nicht von der vermeintlichen Perfektion blenden, sondern durchschaut sie. Alma verfällt nicht in die Illusion, in die sie sich begeben soll, während wir nur darauf warten, dass sie sich Tom hingibt, der schließlich alles dafür tut, um Almas Herz zu erobern. Sie behält eine Distanz, da sie weiß, dass der auf sie abgestimmte Tom gerade nur für ihre Bedürfnisbefriedigung existiert: „Tom ist programmiert meine Bedürfnisse zu befriedigen. Er ist eigentlich nur eine Ausstülpung meines Ichs.“ Sie erkennt all dies, doch zu einem gewissen Punkt übersteigt ihre eigene Sehnsucht nach Liebe selbst ihre vernünftigen Überlegungen. Sie begibt sich bewusst in die Illusion: „Können wir das alles mal für einen Nachmittag vergessen, […] wer du bist, wer ich bin?“ Dieser Nachmittag endet in einem Abend, an welchem beide den Koitus vollziehen. Und schon am nächsten Morgen nach der Befriedigung entscheidet sie: „Das funktioniert nicht“ und wirft Tom aus ihrer Wohnung.

In ihrer Empfehlung spricht sich Alma am Ende gegen humanoide Roboter aus: „Er [der Roboter] erfüllt unsere Sehnsüchte; er befriedigt unser Verlangen […]; er macht uns glücklich. Und was kann schon schlecht daran sein glücklich zu sein. […] Doch ist der Mensch wirklich gemacht für eine Befriedigung seiner Bedürfnisse, die per Bestellung zu haben ist? Sind nicht gerade die unerfüllte Sehnsucht, die Fantasie und das ewige Streben nach Glück, die Quelle dessen, was uns zu Menschen macht? Wenn wir die Humanoiden als Ehepartner zulassen, schaffen wir eine Gesellschaft von Abhängigen: satt und müde von der permanenten Erfüllung ihrer Bedürfnisse und der abrufbaren Bestätigung ihrer eigenen Person. Was wäre dann noch der Antrieb sich mit herkömmlichen Individuen zu konfrontieren, sich selbst hinterfragen zu müssen, Konflikte auszuhalten, sich zu verändern?“

Nachdem sie ihr Gutachten veröffentlicht, begibt sie sich auf die Suche nach Tom, findet ihn und gesteht ihm: „Ich wünschte, ich hätte dich nie kennengelernt. Ein Leben ohne dich ist jetzt immer nur noch ein Leben ohne dich.“ Tom bemerkt richtig: „Ist das nicht die Definition von dem, was ihr Liebe nennt.“ Was für ein Widerspruch von Alma oder? Aber so ist die Liebe – voller Widersprüche, sie ist menschlich.

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