vonperspektive 23.01.2023

Perspektive

Von der Aktion und aus der Theorie

Mehr über diesen Blog

1.      Phänomene

2.      Auf dem Feld

3.      Die Rolle der Medien

4.      Die Gewaltfrage

5.      Der Bagger

6.      Was hat es gebracht?

 

Phänomene

Was ist zu sehen? Die Phänomene, die wir in und um Lützerath wahrnehmen, die Bilder vermittelt über digitale Medien sind der Ansatzpunkt, von dem aus es am einfachsten ist, sowohl den konkreten politischen Konflikt als auch die gesellschaftlichen Verhältnisse zu verstehen, mit denen wir es hier zu tun haben. Die Einfachheit der Bilder, des Wahrgenommenen bzw. die Eindrücklichkeit der eigenen unmittelbaren Erfahrung vor Ort bieten einen sachlicheren Blick, weil nicht abstrakte Erklärungen für Geschehnisse gesucht werden, die dazu dienen, die eigene Ideologie und den eigenen Standpunkt zu untermalen. Dass struktureller Zwang in so vielen Hinsichten versteckt besteht, ist offensichtlich und steht auch nicht in Widerspruch zu dieser Herangehensweise, kann gar durch sie offengelegt werden. Auch der Fakt, dass die Zukunft und die nationale (Energie-)Sicherheit eine Rolle spielen und gern als Vorwand genutzt werden, um die vermeintliche Hysterie um ein Dorf weniger zu diskreditieren und als naiv bzw. kurzsichtig zu betiteln, ist aberwitzig: die Zukunft bringt die Menschen gegen die Regierung auf und die Debatte um die Energiesicherheit hat RWE mit falschen Daten gefüttert – nur ein weiterer Fall in der Reihe unzähliger Desinformationskampangnen von großen Firmen.

In den Tagesthemen sprach Iris Sayram vom RBB ihre Meinung aus: „Die Klimaziele auf der einen und ausschließlich die Interessen des Konzerns auf der anderen Seite: Na, für wen ist man da wohl? Aber so schwarz-weiß ist es nun mal nicht.“ Doch! Genau so einfach ist es. Vor Ort offenbart sich ja der Konflikt physisch in diesem Gegensatz: Polizei und Staatsmacht Hand in Hand mit RWE, um Kapitalinteressen durchzusetzen und das mit Knüppel gegen die Menschen, die dagegen rebellieren. Auf dem Feld begegnen sich Polizist:innen und Demonstrierende unmittelbar – sie stehen sich gegenüber, blicken sich in die Augen und schreien sich an, während die eigentlichen Profiteure weder Knüppelschläge noch Matschwürfe zu befürchten haben: also Staat gewaltvoll gegen Bevölkerung, während sich das Kapital dem Konflikt entzieht. Sayram versucht den starken und bewussten Protest als bloß moralische Empörung zu klassifizieren, obwohl es um etwas Reales geht: Macht über die Ressource Braunkohle. Der Vorwurf, hier würde sich eine antidemokratische Einstellung zeigen, wie es stellvertretender WELT-Chefredakteur Robin Alexander oder Michael Hüther, Direktor des Instituts für Deutsche Wirtschaft, verlauten, weil Regierungsentscheidungen nicht hingenommen werden, ist absurd. Um es mit einem aktivistischen Ruf zu sagen: „This is what democracy looks like!“

Dokumentationsfilm „This is what democracy looks like“ (2000) von Jill Friedberg und Rick Rowley, in dem die globalisierungskritischen Proteste gegen die World Trade Organization thematisiert werden.

 

„Es waren immerhin die Grünen selbst, die den Kompromiss mit RWE geschlossen haben, dass Lützerath abgebaggert werden soll“, sagte Sayram außerdem. Ja, das stimmt, ist aber kein Punkt für, sondern einer gegen sie: „zu behaupten, es ging hier nur um Konzerninteressen, ist mir zu flach.“ Die Politik sei insgesamt ein bisschen komplizierter. Dies ist der Versuch vom eigentlichen Geschehen zu abstrahieren, obwohl die Lage so einfach ist, wie sie erscheint. Es zeigt sich doch deutlich, dass es egal ist, welche Partei Regierungsposten füllt, welche Wahlkampfversprechen sie tätigte oder Programme sie schreibt. Kommt es zu politischen Maßnahmen, beugt man sich wie seit je dem Einfluss der Konzerne und übernimmt deren argumentative Position auch mit methodisch problematisch erhaltenen wissenschaftlichen Daten  – die Farbe der regierenden Partei wird irrelevant und letztlich hält der Staat das Gewaltmonopol aufrecht, wenn die Gemeinschaft rechtlich und „juristisch einwandfrei“ für die Oligarchie durch Polizei geräumt wird.

Mit Lützerath offenbart sich eine anarchokapitalistische Dystopie: Gefangentransporter, die RWE zur Verfügung stellt, Pausenzüge von RWE, in die Aktivisti von der Polizei geschleppt werden, oder der von Angestellten RWEs errichtete Doppel-Zaun, von dem über Polizeilautsprecher gesagt wurde, er sei polizeilich und von diesem sei sich zu entfernen. Gruselig – das ist der beste Begriff für diese Realität. Auch die Presse wurde indirekt gedrängt, sich bei RWE die Akkreditierung holen. Die Welt, vor der künstlerisch seit einer gefühlten Ewigkeit gewarnt wird, ist dabei sich zu realisieren. Die Grenzen zwischen privater Großindustrie und bürgerlichem Staat verschwimmen.

Das bekannte Foto von Polizei bei Nacht vor dem riesigen Bagger präsentiert eindrücklich das Bündnis aus Staat und Kapital. Die Macht beider wird greifbar und wirkt unmittelbar auf jedes bewusste Wesen. Deshalb ist Öffentlichkeit für Lützerath so wichtig: Sie ermöglicht die sonst versteckte Herrschaft ins Bewusstsein zu holen, sodass sich ein kritisches Urteil gebildet werden kann.

Foto: Marius Michusch

Der Vorteil daran, sich selbst ein Bild zu machen, ist der, dass nebensächliche Debatten schlicht als irrelevant enttarnt werden: wann ist welche „politische“ Entscheidung von Anzugträgern:innen aufgrund welchen Kompromisses gerechtfertigt, welche Studien wurden nun in Auftrag gegeben und herangezogen, um die eigene Entscheidung zu verkaufen, welche Parteien haben wie ihre Wählerschaft verraten, und so viele sinnlose Verirrungen. Ganz grundlegend: ein Dorf wird abgebaggert, zerstört. Es ist fast ein menschlicher Trieb, der bei direkten Anblick dieses Geschehens herauskommt und eine ganz instinkhafte Abwehrreaktion enthält. Lebensraum, ein Zuhause wird dem Erdboden gleichgemacht.

 

Auf dem Feld

Brüllende Polizeikräfte, die mit Anlauf und zum Himmel gehobenen Knüppel auf Demonstrierende rennen – die Videos auf Twitter können nur ansatzweise einfangen, welche Realität sich vor Ort ergab:

Nachdem die erste Polizeikette durchflossen worden war, begann die Polizei proaktiv auf Demonstrierende mittels solcher Taktik einwirken zu wollen, ein hinsichtlich Abriegelung des Orts sinnloses Vorgehen, weil sie auf Rückzug war und es die Demonstration bereits geschafft hatte, Richtung Lützerath auszubrechen: Die Polizei hätte sich schlicht zu ihrer nächsten Stellung zurückziehen und neu aufstellen können. So provozierte und übte sie unnötig Gewalt aus. Mitten im vorrückenden Demozug, der sich über das Feld weit ausbreitete, war dieses Kampfgebrüll im Minutentakt zu hören – von vielen Seiten. Dies war ein Vorgehen, das nicht den gesamten Nachmittag zu beobachten war, sondern sich vor allem kurz nach der Überwindung der ersten Polizeikette abspielte. Mit fortschreitender Zeit hatte die Polizei einfach nicht mehr genug Platz, um so viel Anlauf zu nehmen.

Doch während des Gangs in diese Zukunft: Wiederholt brach um einen die Menge in Panik aus. Erst Schreie, dann kam aus dem Nichts eine Masse an Aktivisti – viele mit freiem Gesicht und bunt gekleidet – entgegengerannt. Panik ist ansteckend, natürlich wird sich der Bewegung angeschlossen. Diese Erfahrung überwältigt in dem Moment, weil sie keine „klassische“ Demoerfahrung ist: Du bewegst dich im Trott in eine Richtung, führst gar ein entspannendes Gespräch, und mit einem Mal dreht sich die Richtung ruckartig – aus Ordnung und Ruhe wird Chaos und Horror.

Diese Plötzlichkeit und nicht zu wissen, von wo genau die Gefahr kommt, weil außer Menschen nichts zu sehen ist, der Fluchtmodus, in den man sich immer wieder begibt, die schwarzen Silhouetten von Rüstung, die zwischen den Menschen durchschimmern und intuitiv mit Schmerz assoziiert werden, und die weißen Helme im Augenwinkel unscharf zu erkennen: Das war ein besonders stressvoller Zeitabschnitt des Tags. Aber mensch gewöhnt sich an diese psychologische Taktik. Die eigene Entschlossenheit und das Gefühl von Sicherheit in der Masse an Menschen, alle mit gleichem Willen, stärkt und lässt diese Peinlichkeit abprallen.

Trotzdem: Es macht schon stutzig, ob und, wenn ja, dass so eine Taktik in Polizeiakademien gelehrt wird. Und es sieht von außen auch einfach bescheuert aus, selbst wenn sich diese Verkörperungen von Recht und Ordnung bestimmt sehr stark in diesem Augenblick fühlen. Stürmende Polizei, die sich als Wikinger:innen geben, um Land zu erobern, sind eine Sache. Hinzu kommen die Folgen der Handlungen dieser Wilden ganz generell, die an jeder Ecke wahrzunehmen sind. Immer wieder ist „Sani! Wir brauchen einen Sani!“ zu hören, bevor ein blutender Mensch von der ersten Reihe nach hinten weggebracht wird. Immer wieder, nicht durchgehend, aber immer wieder, wenn sich die Situation zuspitzt – und der Grad an Spannung in der Luft ist spürbar –, sind auf dem schlammigen Boden knieende Menschen zu sehen. Sie stöhnen laut, rufen „Ich brauch‘ Wasser“ und wippen vor und zurück, weil das geschwollen rote Gesicht durch Pfefferspray brennt. Und das Ding bei Pfefferspray ist, dass nur ein Tropfen ausreicht, um das Auge zu reizen. Bei starkem Wind, wie er an diesem Tag auf offener Fläche herrschte, wird diese Form der Gewalt bis in die hinteren Reihen geweht – und das noch besser, wenn die Polizei mit high-ground auf einem Wall steht, von dem sie sich wenige Minuten später sowieso zurückzieht.

Links und rechts des Walls waren Bereiche, auf denen sich Demonstrierende befanden. Die Polizei trennte diese, indem sie auf diesem Hügelchen stand – bis die Demonstrierenden beide Bereiche miteinander verbinden konnten. Foto: Ailyn Lange/flickr

 

Die Videos auf Twitter zeigen nicht nur immer einen kleinen Ausschnitt des gesamten Feldes, sie sind auch nur ein paar Sekunden lang. Dabei wurde die Polizei über mindestens fünf Stunden um einen Kilometer und auf einer unüberschaubar großen Fläche bis vor den Zaun des Profits zurückgedrängt. Der Nachmittag hat sich in einer wiederholenden Phasenabfolge abgespielt: Vorpreschen, Ausruhen, Reorganisieren. Viel Geduld war nötig, weil sich beide Seiten die meiste Zeit im standoff befanden: die Polizei, die auf Zeit spielte, und die Aktivisti, die sich erholen und darauf warten mussten, bis genug nachgerückt waren. Der Begriff „Schlacht“ fasst es tatsächlich präzise zusammen. Neben der Gewalt und dem Stress, neben dem Strom, unter dem der Körper dauerhaft stand und der wie ein Antrieb wirkte, waren auch natürliche Bedingungen eine Herausforderung: durch Wind und Nieselregen war alles feucht, der Matsch, in dem nicht nur die Polizei stecken blieb, ließ zwischenzeitlich jeden Schritt zur Tortur werden; blieb mensch stecken, war die Möglichkeit zur Flucht unmöglich.

 

Die Rolle der Medien

Das Gewaltthema in den Medien nervt. Es nervt, dass die gesamte Aufmerksamkeit auf Zahlen, auf Fragen der Rechtfertigung von Gewaltanwendung, auf Bilder von Pyrotechnik und auf Bilder von Polizei in Vollmontur (für einige sicher lustweckend) gerichtet wird – auch jetzt noch, einige Tage nach dem Großdemo-Samstag, ist die Gewalt das dominierende Thema. Leider polarisiert es und auch von aktivistischer Seite wird teilweise auf den Zug aufgesprungen, Gewalt in den medialen Vordergrund zu rücken. Dass umfänglich mittels Bilder und Videos aufgeklärt wird, ist unumgänglich. Doch sobald sich selbstsilisierende Führungspersönlichkeiten, die sich niemals so nennen würden, an Formaten von privaten Konzernmedien beteiligen, in denen es in der Hauptsache um die Gewalt geht, genau dann fällt mensch auf den konservativen Trick herein. Gewalt, egal von welcher Seite ausgehend dargestellt, kann hier immer als Rechtfertigung der Aufrüstung des Polizeiapparats, Diskreditierung der Bewegung und Verschärfung des Gesetzes dienen. Schlussendlich sind wir doch alle für Sicherheit und Ordnung. Egal wer da jetzt angefangen hat und moralisch im Recht ist, schließt sich mensch bei Angst vor dem gesellschaftlichen Kollaps der Partei an, die ihn zuhause in seinen Pantoffeln sicher fühlen lässt: dem Staat.

 

Darstellung der Gewalt

„Neutrale“ Berichterstattung, wie alle den Google-Newsfeed dominierenden Medien sie betreiben, stellt das Geschehen so dar, als befänden sich hier zwei ebenbürtige Konfliktparteien gegenüber: auf der einen Seite sind x Menschen verletzt und auf der anderen Seite y Menschen. Die haben das gemacht und die das. „Hier zu hören der Pressesprecher der Polizei und hier: ach, die aktivistische Seite brauchen wir dazu nicht zu interviewen.“ Diese Darstellung verzehrt, weil beide Seiten sowohl von den gesellschaftlichen Strukturen als auch von ihrem konkreten Interesse abstrahiert werden. Es wirkt, als bestünde ursprünglich und ideell eine Art Gleichgewicht bzw. -stellung; der einzige Unterschied sei dann nur in der Anzahl der Verletzten und darin, ob nun diese oder jene Seite von einem bestimmten Beitrag als „gut“ und somit in ihrer Gewaltanwendung als berechtigt vermittelt wird – wie bei einem Fussballspiel: entweder mensch ist für Team A oder Team B, frei nach Sympathie entscheidbar.

Ein Nebeneffekt dieser quantitativen und oberflächlichen Behandlung des Themas ist, dass Gewalt als eigentlich doch vermeidbar erscheint, meistens mit der Schlussfolgerung: hätten sich die Demonstrierenden nur an Gesetz gehalten, ja wenn sie erst gar nicht dorthin gefahren wären, sondern die Kröten geschluckt hätten, weil es ja eine „demokratische“ Entscheidung war, das Dorf wegzubaggern, dann wäre das alles nicht passiert. Also wenn sich die Bevölkerung unterwirft, dann gibt es keine Gewalt: das Autoritäre versteckt sich im Detail; unkritische Berichterstattung fördert sie. In letzter Konsequenz spielt die „neutrale“ Berichterstattung also der staatlichen Partei in die Finger – und ist somit doch nicht so neutral, wie sie sein möchte. So abstrakt die Gewalt zu behandeln und in moralischen Kategorien zu denken, verschleiert den konkreten Konflikt und weshalb sich diese Parteien objektiv gegenüberstanden.

 

Luisa Neubauer und die unsäglichen Polit-Talkshows

Es ist ja kein Zufall, dass vor diesem Kaff names Lützerath tausende Polizist:innen auf zehntausende Demonstrierende treffen. Dafür gibt es Gründe. Bei diesen Anne-Will-Sendungen ist dies allerdings egal. Da stellt die Moderatorin eine geschlossene Frage, ob Luisa Neubauer nicht kategorisch Gewalt ablehne, und hofft insgeheim auf die Antwort, dass sie sie befürwortet, um Schlagzeilen zu generieren. Leider lässt sich Neubauer zu einem Glaubensbekenntnis gegenüber dem allgemeinen Frieden, sprich dem herrschenden Staat, der diesen Frieden nur unter Androhung von Gewalt aufrechterhalten kann, verleiten. Sie hilft schlussendlich dabei, den Diskurs zu verschieben und von der konkreten Lebenswelt, dem, was da passiert (ein 850 Jahre altes Dorf soll aus unbegreiflich irrationalen Gründen abgebaggert werden), abzulenken. Sie hilft dabei die Gewalt zu fetischisieren und zum Spektakel zu machen, das sich medial vermarkten lässt. Ein bisschen mehr Radikalität würde ihr guttun als symbolische Anführerin der deutschen Klimagerechtigkeitsbewegung, deren Aktivisti bereit sind, sich krankenhausreif prügeln zu lassen, damit sie zur Primetime in so einer Sendung sitzen kann. Um einen weiteren aktivistischen Ruf, diesmal aus dem Kampf rassifizierter Menschen gegen ihre Unterdrückung, zu zitieren: „no justice, no peace!“

 

Die Gewaltfrage

Die Gewalt, über die geschrieben wird oder über die sich irgendwelche Leute in einer Talk-Show im Ledersessel sitzend empören und die doch so schlimm ist und: „Wie können diese Terroristen nur?!“ Diese Gewalt ist eine andere als die erlebte. Der abstrakte Begriff ist inhaltslos und deswegen lässt er sich auch so instrumentalisieren. Gewalt ist eine Erfahrung, ein soziales Phänomen, historisch-gesellschaftlich eingebettet und bedeutsam und kein für sich stehender absoluter Begriff, von dem aus moralische Urteile abgeleitet werden können: nicht dann und dann ist Gewalt gerechtfertigt oder Gewalt ist nie gerechtfertigt. Gewalt ist nicht mit Vernunft erschließbar, sondern nur erfahrbar, Ausdruck eines Herrschaftsverhältnisses und des Kampfs um Macht.

Wenn manche Campbewohner:innen unabhängig der wesentlichen politischen Auseinandersetzung Fensterscheiben von Anwohner:innen der umliegenden Dörfer einschmeißen, ist das ebenfalls eine Machtdemonstration. Dann stellt sich die Frage, woher dieses Bedürfnis kommt: Besteht das Empfinden von Machtlosigkeit in dieser Gesellschaft und wenn ja, warum? Woher kommt die Wut? Nur muss dann außerdem die Frage an die Akteur:innen gestellt werden, ob diese Handlungen wirklich konstruktive gesellschaftliche Veränderung herbeiführen oder schlicht der eigenen Lust dienen. Mit unseren Taten errichten wir schon die Welt, für die wir kämpfen. Eine Welt der Rücksichtslosigkeit ist nicht erstrebenswert, die haben wir schon.

 

Friedliche und gewaltbereite Klimaaktivisti

Die immer wieder von konservativer Seite versuchte Spaltung der Demonstration in überwiegend friedlich und gewaltausübend – mit der bevormundenden Geste, dass letztere den gesamten legitimen Protest überschatten würden, wobei es die Konservativen selbst sind, die dieses Framing nutzen und somit den Protest als illegitim erscheinen lassen – ist eine Spaltung, die so vor Ort nicht existierte: Es waren Vermummte und autonome Gruppen, die während des Demozugs in Keyenberg nicht abgesondert, sondern mittendrin und überall liefen, und es waren später sie, die sich vor die Polizei stellten, die Schläge einsteckten und letztlich den Weg bereiteten. So konnten alle die erste Polizeikette überwinden und auf das Feld gen Lützerath gelangen. Manche der Demonstrierenden sind einfach taktisch erfahrener und fühlen sich sicherer in der direkten Konfrontation mit Polizei, wo dann auch die Kameras besonders gerne draufhalten. Die Vermummung dient dem Selbstschutz vor Repression unterschiedlicher Art. Das sind auch die einzigen Unterschiede gegenüber denjenigen, die zivil gekleidet sind.

 

Gewollte Gewalt von aktivistischer Seite

Die mehrfach von Leuten wie Herbert Reul kritisierte Aussage, die über Lautsprecher zu hören war, alle müssten selbst wissen, was sie täten, ist richtig – war es doch schließlich eine Demonstration freier Menschen und nicht der Aufmarsch einer uniformierten Truppe, in der jedes Individuum für den Nachmittag das eigenständige Denken einfuhr und Befehle über ein Headset wie ein willenloser Roboter befolgte. Der Vorwurf, dies würde die Möglichkeit für alle (gewaltvollen) Handlungen eröffnen, ist irrsinnig, da es schon vorher keine Beschränkungen gab, die dann performativ vor Ort aufgelöst wurden, sodass indirekt zur Gewalt aufgerufen wurde. Das wurde nicht.

Für gewöhnlich gibt es bei Massenaktionen einen von allen Bündnispartnern gemeinsam verfassten Aktionskonsens, der grundlegende ethische Richtlinien zieht – z.B. nur passiver Widerstand gegen Vollstreckungsbeamt:innen. Alle halten sich an den Konsens, nimmt mensch doch teil an der Veranstaltung, weil er dieselben Grundüberzeugungen hat, wie alle um ihn herum, und das aus bewusster Überlegung heraus: Gewalt ist ein Mechanismus zur Aufrechterhaltung dieses Systems und dieses System muss überwunden werden. Deswegen braucht es auch keine Androhung von Gewalt oder Sanktionen, damit der Konsens eingehalten wird. Sollte es doch zu Verletzungen des Konsenses im Affekt kommen, wird nach außen und gegenüber dem Repressionsapparat Solidarität gezeigt und intern debattiert. Ob es solch einen Aktionskonsens für Samstag gab, weiß ich nicht. Selbst wenn das Werfen von Pyrotechnik, weil gefährlich, oder das Werfen von Matsch, weil die Würde verletzend, der eigenen Ethik zuwiderläuft, hängt Aktivist sich nicht zu sehr daran auf. Viele unterschiedliche Menschen gehen unterschiedlich mit Gewalt um, die sie erfahren, und zeigen dementsprechend unterschiedliche Formen der Gegengewalt. Das Ziel der Aktion war nicht gegen Polizei vorzugehen. Das primäre Interesse lag an Lützerath, nicht an diesem Zwangsapparats. Nicht ohne Grund heißt es: „Die Polizeikette durchfließen.“ – mensch möchte einfach nur an diesem gepanzerten Fleisch vorbei ohne Schaden zu nehmen. Währenddessen ist der Auftrag der Polizei gerade, mittels Gewalt – allein der Aufmarsch vor Lützerath und der symbolische Zwang erkennbar an der Uniform sind Formen von Gewalt – das Dorf zu räumen und anschließend zu sichern. Es ließe also sagen: Wäre die Polizei nicht eingeschritten, sondern hätte den Demozug nach Lützerath passieren lassen, wäre es auch zu keinen Szenen der Gewaltausübung gekommen. Das ist natürlich eine idealisierte Überlegung, weil die Institution der Polizei dazu da ist, so eine bewusste direkte Aktion zu stoppen und das Gesetz, egal wie problematisch es ist, durchzusetzen, d.h. das Interesse der Polizei liegt unmittelbar an den Demonstrierenden, das Interesse der Demonstrierenden an Lützerath – hier ist bereits zu sehen, dass beide Seiten eben nicht als ebenbürtig zu betrachten sind.

 

Foto: Ailyn Lange/flickr

 

Gewalt und Gegengewalt

Interviewt von Günter Gaus sagte Rudi Dutschke 1967: „Die Höhe der Gewalt wird bestimmt von der anderen Seite, nicht von uns. Und das ist der Ausgangspunkt unserer eigenen Einschätzung der Gewalt in der Geschichte.“ Der Satz mag auf den ersten Blick naiv und unehrlich wirken. Provozierten am 14.01 nicht vielleicht doch linke „Einzeltäter“ die erste Eskalation? So einfach ist es allerdings nicht. Die Gewalt begann schon Tage vorher: mit dem Einzug der Polizeikräfte in der Gemeinde Erkelenz und den Vorbereitungen der Eroberung des Weilers Lützerath.

Das bedeutet das staatliche Gewaltmonopol: Staat ist erster Akteur zur Sicherung seiner Herrschaft und Interessen. Er leitet die Gewalt in politischen Kontexten zuallererst ein, um jede Form der Rebellion zu zerstören; jeder Versuch einer autonomen Gesellschaft wird gnadenlos zu Boden gedrückt, selbst wenn sie pazifistisch ist; niemand entkommt ihm.

Es waren ja nicht Aktivisti, die in die Polizeidirektion Aachen gefahren sind, um dort für Profit einer dritten privaten Partei zu räumen. In Lützerath lebten hunderte Menschen friedlich. Dass die „eigentlichen“ Einwohner:innen, die ursprünglich das Eigentum an den Häusern hatten, gen Ende nicht mehr vor Ort waren, tut auch nichts zur Sache. Worin liegt denn der Unterschied? Mit der Zeit verändern sich Dorfstrukturen und -zusammensetzung. Das Entscheidende: Das Dorf war bewohnt!

Zu dieser Perspektive muss gesagt sein, dass sie schlicht nicht auf denjenigen bürgerlichen Kategorien beruht, die für gewöhnlich solch einen Polizeieinsatz als selbstverständlich legitim erscheinen lassen: Regierungsentscheidung, Deckung durch Gerichte, bürokratische Verfahren – sie rationalisieren, verwinkeln und verkomplizieren das Verständnis von Entscheidungsprozessen – „Ach, das wird schon so passen, dem Rechtsstaat muss Folge geleistet werden. Wo kämen wir denn sonst hin?“: Niemand versteht mehr, was da eigentlich passiert in den Hinterzimmern. Sie verzerren das Wesentliche, lassen Lützerath zu einem Fleck auf einer Karte, zu einem Wort in einer Gleichung werden, worüber in Düsseldorf und Berlin entschieden wird. So ein Dorf wegbaggern zulassen und dem zuzustimmen, fällt leicht, ohne unmittelbar eine Beziehung zu dem Ort zu haben und bei Debatte auf abstrakter Ebene.

Es tut gut, mal einen Schritt zur Seite zu gehen und durchzuatmen, die eigenen Vorurteile abzulegen und die Perspektive zu verlassen, die sich aus der Identifikation mit dem Staat ergibt – vielleicht einfach eine „neutrale“, beobachtende Position einnehmen;  und nur schauen – die Umwelt auf sich wirken lassen: ein riesiges Loch; Kultur und konkreter: durch Arbeit geschaffene (Baum-)Häuser, ein ganzer sozialer Organismus – zerstört; Polizeiwannen die am Tag zuvor schon in allen benachbarten Dörfern an jeder Ecke standen und okkupierten. Ein riesiger Bagger, der von Menschen bewacht wird, ein Bagger der Menschen dazu bringt, Uniform anzuziehen, sich in Rage zu begeben und andere Menschen zu verletzen.

 

Der Bagger

Der Bagger wirkt. Seine Monströsität ist unbegreiflich, unergreiflich, seine Masse eine reine Machtdemonstration. Seine Haut, ein totes Grau, lässt seine Arbeiter:innen, die wie Drohnen um ihn herumschwirren, durch ihre gelben Westen hervorstechen. Mit ihren Körpern schützen sie die anmutig frunktionierende Maschine vor der wild gewordenen Masse – vor der Anarchie. Mit Ordnung, Effizienz, mit kalkulierter Gefräßigkeit, stetigem Fortschritt – die Rechnung enthält das Ende der Welt – soll sie sich füttern. Schaufel um Schaufel schaufelt sie in sich hinein: unendlicher Konsum. Drehung um Drehung gräbt sie sich in die Schönheit der Natur, nimmt sie sich, was sie will, was sie verlangt – gewaltvoll, stolz, selbstbewusst und unaufgeregt, ohne Rücksicht, ohne Blick zurück. Die Maschine frisst sich durch den Dreck, unersättlich, könnte sie, würde sie die gesamte Erde verspeisen und nichts zurücklassen – außer das Wissen, dass sie es rechtlich einwandfrei tat.

Doch der Bagger wird bedroht von einer Masse, dessen Prinzip das Chaos ist: unkoordiniert, alle sich durcheinander bewegend und somit von unvorhersehbarer Gefahr. Wie kann das nur geschehen! Eine neue Sorte Drohne muss her, eine stärkere: die in blau.

Manchmal sind Menschen schon komisch. Da stellen sich einige bewaffnet und gepanzert in einschüchterndem Gewand vor ein riesiges Loch, um die Metallkonstruktion zu beschützen, die dieses Loch schafft. Sie stellen sich vor ein willenloses, unlebendiges, unbewusstes Wesen, das nur funktioniert, nur arbeitet, nur leistet – durchgehend. Es weiß nicht, dass es existiert, es macht sich keine Sorgen. Es plant nicht, wiegt nicht ab, es hat keine Werte, nichts, wofür es kämpfen würde. Es kann nicht extrapolieren, sich die Konsequenzen der eigenen Handlungen vor Augen führen. Es blickt nicht in die Zukunft und versteht, wie herrschende Prinzipien unserer Gesellschaft eine Gefahr für unsere grundlegendsten Existenzbedingung darstellen: wir Menschen sind dabei uns den Ast abzuschneiden, auf dem wir sitzen – aus Gier, Ignoranz, Bequemlichkeit. Die Menschen in blau stellen sich nicht nur vor die Maschine, sondern gegen andere Menschen, gegen Wesen, die sich Sorgen machen können, die Furcht spüren, die aber auch Solidarität ausdrücken können, die lieben können. Beide Gruppen an Menschen stehen sich gegenüber:  Auge trifft auf Auge, eine ganz eigene Erfahrungswelt auf eine andere, eine Geschichte auf eine andere, Leben auf Leben. Der Kampf ist so hart und dreckig, so schwer, kein wirkliches Durchkommen gegen das Meer an blau, gegen das Meer an Menschen, die für nichts einstehen, und nur Befehle befolgen. Die Maschine herrscht bereits, ist nicht mehr nur Instrument, sondern Prinzip: lässt Menschen gegeneinander antreten. Weist das nicht auf unsere Dummheit hin? Vielleicht haben wir es nicht anders verdient, als von den Maschinen beherrscht zu werden, die nicht mal ein Bewusstsein haben. Verrückt.

Foto: Ailyn Lange/flickr

 

Was hat es gebracht?

Das ist eine schwierige Frage. Lützerath wurde nicht erreicht, RWEs Ritter konnten die Burg des Hauses Pecunia vor der Übernahme der bäuerlichen Tölpel schützen. Vor Ort fühlte sich das wie eine Niederlage an, als die Gebäude nur noch ein Sprint, aber unzählige Hindernisse entfernt lagen, als die unüberwindbar scheinende Mauer jegliche Hoffnung zerstörte. Aber Niederlagen sind wesentlich: das muss sich klar gemacht werden. Die Aktivisti gehören nicht zu den Gewinner:innen, das zeigt die Erfahrung. Der Staat gewinnt immer – bis er es nicht mehr tut. Lützerath wird niedergerissen und die Kohle gefördert werden, der Profit landet in RWEs Kassen und die Polizei hatte mal wieder Spaß daran, linke Zecken zu zerquetschen. Sieht alles in allem nach verschwendeter Energie aus. Ja, war es, aus dieser Perspektive. Vielleicht könne man hier entgegen, dass sowohl RWE als auch die Grünen einen schweren Imageschaden davontrugen. Aber welche Bedeutung hat dies bitte? Das ist völlig egal. Als ob sich die engagierten Aktivisti besonders mit dem abstrakten Polit-Spektakel befassen. Für sie ist Politik, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und nicht an irgendwelche Leute zu deligieren, die sich im Wahlkampf verkaufen – die Ablehnung des Warencharakters der Politik reiht sich nur ein in die generelle Ablehnung einer Gesellschaft, in der alles vermarktet und zum Kauf angeboten wird. Viele Aktivisti stellen sich die Frage danach, was es brachte, nicht hinsichtlich dessen, ob es sich lohnte. Keine rationale Abwägung bringt sie dazu, die Sachen einzupacken und loszufahren, wenn es zu einer deutschlandweiten Mobilisierung kommt. Es ist die Überzeugung das richtige zu tun, sich gegen den Staat zu stellen und so viel zu riskieren. War es das Risiko wert, wenn mensch schaut, was erreicht wurde? Sicher nicht. Fährt mensch emanzipiert und bewusster wieder nach Hause? Das ist gewiss. Und ganz ehrlich: eine Risiko-Chance-Analyse ist auch ein bisschen langweilig. Welche geschichtlichen Fortschritte wurden nicht erreicht, ohne dass alles im Kampf aufs Spiel gesetzt wurde, selbst mit einem verzweifelten Ausblick in die Zukunft!

Die Klimagerechtigkeitsbewegung radikalisiert sich, wird präziser, entschlossener, organisierter und mutiger. Und das ist genau richtig!

Viele junge Aktivisti gehen nicht nur ab und zu mal auf eine Demo, um ihre bürgerliche Pflicht zu erfüllen, sie sind als Menschen ganzheitlich und bis in ihr tiefstes Inneres betroffen: Sie setzen ihren Körper für Veränderung und somit gegen die Polizei ein und sind enorm entschlossen, sich mit den Themen Klima, Gesellschaft und (autonome) Politik auseinanderzusetzen. Es ist ein unglaublicher Wille zu spüren. Der Kampf ist für viele ein existentieller; nicht nur wegen der ungewissen Zukunft, sondern weil sie diesem ihr Leben widmen. Im Gegensatz zur Lohnarbeit finden sie hier Sinn.

So wie in Lützerath sieht es aus, wenn aus Appellen eine Rebellion wird.

 

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https://blogs.taz.de/perspektive/schlammschlacht-um-luetzerath/

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