vonSinan Kücükvardar 13.06.2021

Perspektive

Mensch und Existenz, Lebenswelt, Ideologie, Kultur, Gesellschaft

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Die Idee der Katharsis hat sich über die Jahrtausende kaum verändert. Vor mehr als 2300 Jahren beschrieb sie Aristoteles bereits in seiner Poetik. Die Tragödie, aufgeführt in einem der griechischen Theater der Antike, sollte durch das Schauspiel die im Publikum sitzenden Personen von ihren Affekten und Gefühlen befreien. Die dabei erlebte Seelenreinigung wird durch das Übertragen des Jammers und Schauders von den Charakteren eines Dramas auf die Zuschauerin, welche selbst in die erschaffene Wirklichkeit eintaucht und mit ihr verschmilzt, herbeigeführt. Vornehmlich der Höhepunkt schafft das Moment der Befreiung, in dem die Menschen im Theater ihre Masken absetzen, die Rolle verlassen, die sie im alltäglichen Leben spielen, und ihren Regungen freien Lauf lassen.

Ruinen eines antiken Theaters

Gotthold Ephraim Lessing interpretierte dann 2000 Jahre später, dass nicht nur eine objektive Übertragung bestimmter Affekte auf die einzelnen Subjekte stattfindet, sondern die Subjekte innerhalb des Theaters ihr eigenes Leid, in Form von Mitleid, erfahren. Dieses Mitleid erweckt eine Furcht vor dem, was zu dem Leid der Hauptfiguren geführt hatte, und wirkt dadurch ganz im Sinne Lessings Zeit aufklärerisch. Das Theater erhält die Aufgabe einer moralischen Erziehung und richtet sich an die Tugendhaftigkeit der Menschen. Katharsis sollte somit nicht nur die Seele erleichtern, sondern gleichzeitig auch ein Pflichtbewusstsein erwecken.
Allerdings blieb sie nicht nur ein Konzept der Dramaturgie. Der Begriff landete auch in der Psychoanalyse, was nicht verwunderlich ist, wenn man sich vor Augen hält, dass die Seele der Untersuchungsgegenstand der frühen Psychologie war. Herausgenommen aus dem theatralischen Kontext, wurde sie zu einem Prinzip bzw. einer Methode. Hier geht es dann auch nicht mehr nur um bestimmte Arten von Affekten wie Leid, sondern um den inneren Konflikt per se. Dadurch kann man die Seele plötzlich auch von Wut, Aggression und Furcht reinigen. Dafür muss man diese nur transformieren und in einer Veräußerung kanalisieren.

 

Katharsis heute

Ein bekanntes Beispiel für eine Katharsis im psychologischen Sinne ist das Schlagen auf einen Sandsack. Anstatt seiner Wut die Kontrolle über das Bewusstsein und des eigenen Verhaltens zu überlassen, nachdem man vorher verzweifelt versucht hatte, diese selbst zu kontrollieren und zu verdrängen, wird sie in einem wohlüberlegten Rahmen ausgelebt. Die Idee dahinter ist, dass ich meine Wut nicht an dem Objekt auslassen muss, welches das Ziel des Affekts ist, sondern sie auf eigene Bahnen umleiten kann. Ich entscheide mich also auf den Sandsack zu schlagen, während ich mir vielleicht das Gesicht vorstelle, denen diese Schläge ursprünglich galten, und behalte so meine moralische Integrität und meinen freien Willen. Empirische Daten zeigen jedoch, dass diese Form der Katharsis oft keinen negativen Effekt hätte, sondern die Affekte sogar verstärken könne.
Versuchen wir deshalb bei der altgriechischen Idee zu bleiben und Katharsis als Seelenreinigung zu verstehen, während wir dem antiken Theater einen modernen Anstrich verpassen. Dieses von damals kann auch das von heute sein oder eben auch Kinos, Restaurants, Ferienanlagen, Schwimmbäder mit ihren Sprungtürmen, Bars, Konzerte, Festivals, große politische Versammlungen und Sonstiges, das ein hedonistisches Ausleben ermöglicht und so kurzfristig von kurzfristigen Affekten befreit. Es soll hier nicht darum gehen tiefe psychische Verstimmungen zu lösen. Diese bedürfen mehr als eine Nacht in der City. Vielmehr soll überschüssige Energie den Körper verlassen und das Bewusstsein aus dem Inneren auf das Äußere verlagert werden. Adrenalin, Rausch und Intensität haben somit eine katharsische Wirkung, ohne den Affekten selbst einen Raum zu geben. Sie müssen nicht zwingend erfahren werden, wie von Aristoteles gedacht, um danach von ihnen befreit zu sein. Es reicht allein für kurze Zeit eine Distanz zu sich selbst aufzubauen, indem man sich dem Moment hingibt und in das Geschehen taucht. Dass man im Theater lauthals lacht oder mit den Charakteren weint, ist dann genau diesem Umstand geschuldet, dass gesellschaftliche Konventionen und selbstauferlegte Normen neben den Affekten keinen Platz im Bewusstsein erhalten und aus ihm gestoßen werden. Hier gilt es zu unterscheiden zwischen den Affekten, die durch die Institution und während der Katharsis erlebt und ausgelebt werden, und denen, die man vorher mit sich herumgetragen hatte. Beide Arten bedingen sich nicht gegenseitig. Es besteht kein kausaler Zusammenhang. Das Lachen selbst hat keine katharsische Wirkung auf die von Hass geplagte Seele, sondern ist bloß ein Nebenprodukt, das auftaucht, wenn man von dieser speziellen Umwelt affiziert wird. Durchaus hat Lachen einen positiven Effekt auf Körper und Geist, jedoch spielt es in diesem Bezug eine marginale Rolle. Es wird ja nicht mal bewusst wahrgenommen, sondern entsteht reflexhaft, weil eben nicht mehr darüber nachgedacht werden muss, ob es jetzt sozial angemessen wäre oder nicht. Das gleiche gilt für das Brüllen von Parolen auf einer Demo oder für Weinen im Theater und so weiter.
Denn in das Zentrum des Bewusstseins rückt das Schauspiel auf der Bühne, das in purster Art erfahren wird. Hier findet die eigentliche Befreiung statt, welche die Katharsis bedingt und nur an autonomen Häfen möglich ist, die die Strukturen auflösen, welche das Denken und individuelle Leben konstituieren. Es sind Orte der Reinheit, wo ich nicht mehr der bin, der ich sonst bin, sondern ein Niemand werde, dessen Seele eine Widergeburt erfährt.

Was passiert nun aber, wenn es keine Möglichkeiten für eine solche Katharsis gibt? Dabei geht es nicht nur um Wut, sondern auch Leid, Trauer, (existentielle) Angst, Hass, Liebe, Mut. Wenn die Orte, wo eine Katharsis möglich ist, geschlossen werden, nicht nur über das Wochenende, sondern über ein Jahr? Wie und wo soll dann die Seelenreinigung stattfinden, sofern man sie als eine Notwendigkeit begreift ein gelingendes Lebens führen zu können? Was hat offen, wenn alles zu hat? Das Internet. Das Internet hat immer offen – 24 Stunden, sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr.

 

Katharsis auf Twitter

Die Katharsis, die 2019 noch durch eine große Pluralität an Kultureinrichtungen erreicht werden konnte, verschwand im Jahr 2020. Die Menschen saßen zu Hause unterdrückt von ihren eigenen vier Wänden, die nicht nur den Leib einsperrten, sondern auch den Geist. Gedanken konnten sich nicht entfalten, da sie durch ständige Reflektion an diesem fiktiven Käfig ein störendes Echo erschufen. Die inneren Konflikte sich dadurch selbst verstärkend wuchsen. Affekte drohten sich in Stimmungen zu verwandeln und taten das auch teilweise. Einzig Plattformen im Internet wie Facebook und Twitter boten einen leicht zugänglichen Ausweg aus der weltlichen Realität. Sie wurden jedoch nicht nur dafür genutzt, um für einen Augenblick zu entkommen, denn was nützt es, wenn im Nachhinein alles so ist wie vorher. Sie wurden zu einem Ort für eine neue Katharsis:

Twitter ist nicht nur eine Plattform für den Austausch von Kurznachrichten, sondern für viele die Hoffnung durch eine praktische Anwendung der psychologischen Katharsis die Spannungen der weltlichen Realität in der digitalen auflösen zu können. Das große Problem ist jedoch, dass gerade in diesem Fall eine solche Katharsis, würde sie überhaupt funktionieren, nicht viel ändern würde. Die Bedingungen, die zum Entstehen der Affekte führten, wären ja immer noch vorhanden. Deshalb verlor sie eben auch ihren äußeren Zweck, die (nachhaltige) Seelenreinigung, während ihre Praxis zu einem Selbstzweck wurde.

Einerseits ist Twitter geprägt von einem krassen Antagonismus, der somit ebenfalls aus einem Selbstzweck heraus fungiert. Denn durch den Kampf gegen andere Internetidentitäten wird die eigene Existenz ertragbarer. Schließlich hat man zwar selbst ein miserables Leben, aber das der anderen ist noch miserabler. Wenn man ihnen dies bewusst macht, ist man eigentlich ein erhabener Ritter, der ihnen einen Gefallen tut, und gleichzeitig die Henkerin. Je nachdem aus welcher Perspektive ich das betrachte, besitze ich auf jeden Fall Macht.
Andererseits lassen manche Kommentare unter Posts die Leute als Jünger erscheinen. Hier haben wir dann eine große verblendete Begeisterung und Zustimmung. Es wird den Absetzerinnen von Tweets das größte Glück auf Erden gewünscht, wenn diese dem Internet und aller Welt die Tragik ihres Lebens genau wegen dieser Kommentare mitteilen, und den charismatischen Politikern wird gesagt, was für tolle Menschen sie doch seien, welche sich der Stimme sicher sein können.
Die ganze Twitter-Bubble wirkt unglaublich gestellt und surreal. Von den Solidaritätsbekundungen, die beim Schließen der App schon wieder vergessen sind, bis zu dem Hass und der Verachtung, die man sonst den Menschen nicht direkt ins Gesicht schmeißen kann. Polarisierung und Intensität lassen Twitter zu einem angespannten Raum werden, wo es auf Kosten anderer und auf Kosten der eigenen Vernunft zu einer Affektentladung kommt. So wandelt sich dann die Wut über die Coronapolitik, die Angst vor der Ungewissheit der Zukunft, das Leiden des Alleinseins in einen 120-Zeichen Tweet oder einen energischen Kommentar mit vielen Einsen und Ausrufezeichen um.
Ein gutes Beispiel sind die großen Debatten des jeweiligen Landes, in dem man sich gerade aufhält: Unter „Trends für dich“ werden sie mithilfe von Hashtags gesammelt. Diese Debatten, und mögen ihre Kerne eigentlich noch so wichtig für den gesellschaftlichen Diskurs sein, werden mit einer unglaublichen Leidenschaft geführt, sodass sie am nächsten Morgen schon wieder vergessen sind. Aber während sie noch laufen, stellen sie regelrecht Arenen dar, in denen die Gladiatorinnen mit ihren scharfen Argumenten die Gegner bezwingen und vernichten.

Doch wirkt es nicht manchmal genau deshalb unglaublich absurd auf Twitter oder auch Facebook, wobei Facebook sich teilweise nochmal unterscheidet, unterwegs zu sein, vor allem aber nicht nur wenn man genau diesem Verhalten kritisch gesinnt ist? Twitter bietet eine Möglichkeit des globalen zivilisierten und zivilisatorisch bereichernden Austauschs, während jede Form der Zivilisation und noch viel wichtiger der Zivilisation konstituierenden Vernunft ein Nachtteil in der Schlacht um Vorherrschaft ist. Erschaffen wird ein Naturzustand, der nur deshalb nicht zur totalen Vernichtung aller führt, da das Einzige, worauf wir einprügeln können, die Tasten und der Screen und nicht die Köpfe unserer Mitmenschen sind. Dieses affektgesteuerte Treiben zeigt das Phänomen, dass sich die Menschheit desto primitiver verhält, je fortschrittlicher die Technik ist. Nicht vergessen sollte, dass das Internet sicher kein rechtsfreier Raum ist, aber fast ein normfreier. Die Komplexität von Moral wird hier unglaublich runtergebrochen. Urteil über Verhalten fällt man mit einem Like bzw. auf anderen Plattformen sogar – was für eine Bereicherung! – einem Dislike. Sicher kann man einen ausführlicheren Kommentar schreiben, aber wer liest das denn schon? Zu lange auf einer Stelle, bei einem Thema, auf einer Plattform zu verweilen, bedarf Geduld, und die wurde uns abtrainiert. Wir sollen uns intensiv und schnell durch das Internet bewegen, um ständig Serotonin ausgeschüttet zu bekommen, das uns süchtig macht und kurzfristig unsere kurzfristigen Affekte überdeckt.

 

Appell

Auch wenn es empirisch falsifiziert wurde, dass die Katharsis wirklich durch ausgelebte Aggression und Empörung zum Beispiel auf Twitter, anderen sozialen Netzwerken oder überhaupt erreicht werden kann, so entsteht dennoch kurz ein erhabenes Gefühl basierend auf dem (vermeintlich) zugefügten Leid und dem Gefühl an einer Massenbewegung bzw. einem höheren Sinn teilzunehmen. Nicht nur ist der Versuch einer Reinigung der eigenen Seele auf Kosten anderer moralisch problematisch und die freiwillige Unterwerfung töricht, sondern auch die Nachhaltigkeit der Freiheit von den eigenen inneren Konflikten nur kurzweilig und Schein.

Also macht die Handys aus uns und geht raus. Erlebt gemeinsam und nicht gegeneinander die Welt. So erfahrt ihr die Katharsis, welche so lange auf sich warten hat lassen.

 

 

 

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https://blogs.taz.de/perspektive/twitter-1-der-ort-fuer-die-neue-katharsis/

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