vonChristian Ihle & Horst Motor 30.04.2007

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Da sind sie wieder, die Puristen, die aufstöhnen, sobald eine Platte mal nicht so produziert ist, als habe man mit der E-Gitarre an der kahlen Betonwand gekratzt. Man hört es auch bei Leslie Feist allerortens: zu glatt, zu sexy, zu Biedermeier. Und irgendwelche Verrückte sahen Feist gleich als seichte After-Work-Erscheinung, die sich gerade noch zur netten Hintergrundbeschallung und für Kuschelabende eigne.

Zugegeben: Feist und ihr Begleiter Gonzales haben ein direktes, abgeschliffenes Pop-Werk geschaffen. Ein Album, das ohne Umschweife den Hörer an sich reißt. Feist haucht, atmet, singt – immer ganz nah am Mikro. Das beginnt noch relativ unspektakulär mit „So Sorry“. Ihre fast schon unheimlich perfekte Stimme haucht und flattert wohl bekannt durch die Anlage. Spärlich nur von einer akustischen Gitarre begleitet. Mit „I Feel it All“ bricht es dann aber doch aus Feist heraus. Was für eine Pop-Hymne ist das eigentlich? So durchdringend arrangiert, jede Klaviernote, jeder Beat bewusst und sparsam gesetzt, die Melodie in
ihrer ganzen Pracht reisst den Hörer an sich und lässt nicht mehr los.
„Past in Present“ könnte gut und gerne mit der Bright Eyes Backing-Band eingespielt worden sein, „Past in Present“ watet, die Arme weit ausgebreitet, durch die Schneise, die sie selbst mit Broken Social Scene geschlagen hat. Mit jeder Geige, jeder Bossa Nova Spur, jeder gehauchten Hymne, jedem zackigen Folk-Rock-Stück beweist die Künstlerin, dass sie mit dem Zweitwerk endlich ihre Nische gefunden hat: zwischen introspektivem Underground-Folkpop und internationalem Stardom. Man höre nur das Stück „Intuition“.

Feist beweist, dass Singer/Songwriter-Pop durchaus für die breite Masse verfügbar sein kann und sich Folkmusiker, vielleicht besser als andere, als Role-Models eignen. Auf der einen Seite die für Coverseiten geeignete Schönheit, auf der anderen die versierte Musikerin und Künstlerin. Warum dieser Spagat allerdings zu Lasten der Künstlerin gehen soll, wie neuerdings häufig zu vernehmen, ist mir noch nicht so recht begreiflich. Zu Lasten der Kunst jedenfalls geht es nicht. „The Reminder“ beweist das.

Anhören!

* I Feel It All (hier)
* Past In Present (hier)
* Intuition (hier)

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Robert Heldner

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