vonChristian Ihle & Horst Motor 04.02.2008

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Control – Original Soundtrack

Zum ersten mal hörte ich diesen Soundtrack im Auto. Neben mir saß ein Kollege, U2-Fan, sonst aber ganz okay. Ich erklärte ihm: „Das ist der Soundtrack zu Anton Corbijns ersten Film. Lieder hat er selbst ausgewählt. Du kennst doch Corbijn? U2-Fotos und so…“
Er kannte den Fotografen natürlich, den Bonos Freunde waren auch seine Freunde und somit hatte ich und dieses Album seinen Segen.

Der Frieden währte nicht lange. „Das kann doch niemand ernst meinen? Was ist das für Musik?“
Ich erzählte ihm von Joy Division und das er „Love will tear us apart“ sicher schon mal gehört hatte. So taub konnte er in seiner Jugend nicht gewesen sein. Und Ian Curtis und Joy Division waren ja schon fünf Monate und zwei Tage lang Geschichte als U2 ihn mit ihrem ersten Album ablenken konnten.

Wenig später gab ich die Missionsarbeit auf. Nicht nur, weil er rein gar nichts damit anfangen konnte, auch deshalb, weil die Musik nicht dafür gemacht war, um sie als Geräuschbett unter Autofahrten-Smalltalk zu legen. Das nächste Mal hörte ich die Cd zum ersten Mal bewusst alleine zu Hause. Und war überrascht. Ich fand keinen wirklichen Gefallen daran. Vielleicht auch deshalb, weil Live-Aufnahmen der Sex Pistols („Problems“) oder der Buzzcocks („Boredom“) zwischen Songs von Velvet Underground („What goes on“) und Kraftwerk („Autobahn“) eben doch recht nervös machen. Mir fehlte der Flow.

Als ich das Kino verließ und raus in die verregnete Straße lief, verstand ich die von Anton Corbijn kompilierten Soundtrack endlich. Hier geht es nicht um einen repräsentativen Querschnitt durch die Musik einer bestimmten Zeit (wie zum Beispiel beim Soundtrack zu „Velvet Goldmine“ anno 1998). Hier geht es nicht um Durchhörbarkeit.
Hier geht es schlicht und ergreifend um die Weiterführung des Films. Das Zerrüttete, die Nervosität, die Tiefe, die Sehnsucht und die Dunkelheit. Kein bloßes Nachhören der Filmmusik.
Der Control-Soundtrack mag bei Einigen ziemlich schnell im Regal verschwinden. Wenn man aber immer wieder dieses Gefühl hat, das einem zu Beginn des Abspanns im Film „Control“ befällt, dann ist die CD „Control“ in dem Moment der beste Partner.

Anhören! Also bitte… man sollte mit dem Großteil dieser Musik betraut sein.

Im Netz:
* Homepage
* New Order

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Rotifer – Coach Number 12 of 11

Auf der Rückseite der vor mir liegenden CD stehen zwei wunderbare Sätze geschrieben.
„Robert is good too, very good. I might even say he´s one of the best Kent based Austrian songwriters in the business and I know a few.”
Den Beweis, dass die Grafschaft östlich von London eine Hochburg österreichischer Musiker ist, tritt der Urheber dieser Sätze nicht an. Wollen wir ihm glauben? Natürlich. Schon deshalb, weil die Sätze von Darren Hayman, dem Kopf der britischen Band Hefner und Einwohner des Bezirks Essex (nördlich an Kent grenzend) kommen.

Ein Österreicher in England, der Popmusik macht? Gee, I werd narrisch?
Mitnichten, Robert Rotifer singt so wunderbares Englisch, dass selbst Jarvis Cocker neidisch werden muss. Womit wir schon bei den Referenzen sind. Als da sind: (natürlich) Cocker und Pulp, Ray Davis und die Kinks und dazu die unvermeidlichen Beatles und die klingenden Gitarren der Byrds.
Das sind Allerwelts-Vorbilder, sagt ihr?
Nicht, wenn man die Nähe zu diesen Musikern und Bands nicht nur behauptet, sondern auch hört. Denn wirklich: Rotifer klingt wie die Melange (ich mag diesen Ausdruck nicht nur, weil ich es liebe, in Kaffeehäusern die Wiener Kaffeespezialität selbigen Namens zu mir zu nehmen. Womit wir auch wieder die Kurve nach Österreich bekommen haben…) aus eben diesen Bands. Genau die Mitte.
Wie bitte? Die wäre schon längst besetzt?
Aber hey, The Divine Comedy können alleine die Welt auch nicht retten.
Rotifer kommt da gerne zu Hilfe, wo wunderbare Popmelodien mit gewählter englischer Sprache besungen werden. Leiwand!

Anhören!
* I believe you
* The Frankfurt Kitchen

Im Netz:
* Homepage
* MySpace

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Slut – Still No.1

Ich muss vorausschicken, dass ich um die Jahrtausendwende von Bands wie The Notwist, Readymade, Miles und eben auch Slut sozialisiert wurde. Bands aus dem Raum Süddeutschland, die mit Breitwand-Pop den nötigen Schuss Lärm in ihre Musik schütteten, den Hang zu zuckersüßen Melodien aber nie verschwiegen.
Während The Notwist längst in einer eigenen Liga spielen und sind Readymade und Miles verschwunden. Slut hingegen, tauchten nie ab, machten Album um Album und standen dann irgendwann auch auf der Bühne des Ingolstädter Theaters. Slut blieben immer eine verlässliche Quelle, lieferten regelmäßig ab und der Fakt, dass zwischen dem letzten Album und „Still No.1“ fast vier Jahre liegen, hängt nur damit zusammen, dass ihre „Dreigroschenoper“-Adaption von vor zwei Jahren nie als Album erschienen ist und aus rechtlichen Gründen wohl noch einige Jahre nicht ausgeliefert werden darf.

Umso mehr wundert es mich, dass ich „Still No.1“ als Comeback-Album einordne. Als Versuch, zurückzukommen. Von woher auch immer.

Ich war mir sicher, dass Slut bei ihrem siebten Album einen komplett neuen Weg einschlagen werden. Dass sie die Gewalt und Intensität ihrer Live-Shows in den letzten Jahren auch auf Konserve bannen und langsam aber sicher eine Radioheadisierung durchlaufen. Um nicht mehr nur die Popband zu sein, sondern um endlich Popkunst zu werden.

Umso enttäuschter war ich nach den ersten Hördurchgängen. Nichts hat sich geändert. Slut klingen weiter wie Slut. Liefern Popsongs, mit diesen wunderbar einfachen Tricks. Midtempo-Strophe hin zu Gitarrenwände im Refrain, bei denen der Lichtmischer nicht anders kann, als sämtliche (sogenannte) Audience Blinder hochzufahren, um die Menschen im Publikum mit ihren hochgerissenen Armen mit noch mehr Energie anzutreiben.

Slut liefern Songs, wie sie schon immer von Slut kamen. Wunderschöne Songs, natürlich. Aber oft auch Songs, die unverlangt dastehen und nicht gebraucht werden. Weil sie (selbst von Slut) schon hundert mal übertroffen worden sind.

Womit wir in der Referenzhölle wären: Die Arcade Fire-Chöre bei „Come on“ und dem Titelsong sind heutzutage eh Pflicht. Das Bass-Thema von „A Town called Malice“ bei “Still No.1” passt wunderbar und am Anfang von “Tomorrow will be mine” die Gitarre von den Scorpions (“Still loving you”) zu übernehmen ist fast schon lustig. Dass Slut mit „Failed on you“ bei Sigur Ros´”Hoppípolla” einfach nur dreist abschreiben, kann man nicht mehr einfach so durchgehen lassen.

Egal, „Still No.1“ ist ein weiteres Slut-Album. Es überrascht nicht. Es sticht nicht heraus. Wir sind aber durchaus froh, dass es existiert. Readymade und Miles haben uns alleine gelassen, deshalb danken wir Slut für ihre Kontinuität. Auch wenn wir uns wünschen, dass diese Kontinuität sich doch ein bisserl überraschender gestalten würde.

Anhören!
* Come on
* If I had a Heart

Im Netz:
* Homepage
* MySpace

(alle Texte: Säm Wagner)

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