vonChristian Ihle 03.07.2008

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Sperriges aus Amerika, fröhliches aus Schweden und tanzbares aus England:

Death Cab For Cutie – Narrow Stairsdcfc klein

Stetig haben sich Death Cab For Cutie nach oben geschraubt. Mit „Transatlanticism“ erreichte die Band ihren vorläufigen Zenit und musste danach feststellen: wenn sich die ganze Welt die Finger nach mir leckt – was mache ich dann? Die Folge war das zuckersüße Album „Plans„, das noch heute etwas Magenschmerzen bereitet, obwohl es doch immer noch ein Death Cab Album war.

Jetzt veröffentlicht die Band aus Bellingham, Washington, ihr sechstes Album. Und hadert plötzlich mit dem eigenen Schicksal. Mit großer Plattenfirma und Millionenverkäufen im Rücken kann man das auch beruhigt tun. Herausgekommen ist nach fast einjähriger Pause und einem zünftigen Selbstfindungsprozeß das sperrige „Narrow Stairs„. Und sperrig meint in diesem Zusammenhang ohnehin etwas sehr positives. Denn ein Prog-Rock-Album ist es beileibe nicht geworden. Stattdessen kehrt man zum hervorragenden „The Photo Album“ zurück. Ben Gibbards Stimme ist die Klammer, die alles zusammenhält und letztlich veredelt. Das wunderschön-krachige „Bixby Cayon Bridge“, das sich über fünf Minuten erstreckt. Dicht gefolgt vom noch ausladenderen, nicht minder umwerfenden „I Will Possess Your Heart“.

Der Einstieg – zwei Songs, die insgesamt fast eine viertel Stunde verschlingen – ist allerdings eine Finte. Denn der Rest des Albums wird beschaulicher und hat mit Songs wie „No Sunlight“ und „Your New Twin Sized Bed“ die üblichen Death Cab Gassenhauer, ohne die ihnen wahrscheinlich die komplette O.C. Heerschar die Gefolgschaft kündigen würde. Was bleibt, wenn „Narrow Stairs“ nach 44 Minuten verklungen ist? Zuerstmal Verwunderung darüber, dass eine Band so sehr zur Selbstreflexion fähig ist und einen einmal eingeschlagenen Weg scheinbar mühelos verlassen kann. Und es bleibt auch ein wenig Nostalgie. Wie Death Cab wohl geklungen hätten ohne den bombastischen Erfolg? Wahrscheinlich so wie auf „Narrow Stairs“… (Robert Heldner)

Anhören!
*Long Division
*No Sunlight
*Your New Twin Sized Bed

Im Netz:
* Homepage
* MySpace
* Indiepedia

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Friska Viljor – Tour de Hearts

friska klein

Friska Viljor waren die Entdeckung auf dem letztjährigen Immergut. Gerade auf jenem Festival mit dem Hang, ausuferndem Postrock eine Bühne zu bieten, waren die Schweden mit ihrer unverschämt gut gelaunten Darbietung ein Sonnenschein.
Den Liveeindruck konnten sie auch auf ihrem Debütalbum bestätigen, das Indie-Dancefloor-Knaller zuhauf zu bieten hatte, diese aber glücklicherweise immer wieder durch Stücke unterbrach, die eine Pop-Variante von Kaizers Orchestra vermuten ließen.

Album Nummer Zwei schreiten sie frohen Mutes an der Weggabelung allerdings in Richtung Pop und Indieknaller, was auf Albumlänge ermattend wirkt. Auch die Ausflüge zu elektronisch durchsetzter Musik gehen eher schief, während man getreu dem Spruch „Schweden bleibt bei Euren Leisten“ wieder die Pluspunkte bei „On and On“ und „Oh No“ verzeichnen kann, die an die alten Höhepunkte „Oh Oh“ und „We Are Happy Now“ erinnern (und ja, Texte oder gar Liedtitel gehören nicht zum Stärkenportfolio der bärtigen Schweden). Ein solides Zweitwerk, das nicht ganz die Begeisterung des Debüts versprüht. (Christian Ihle)

Anhören!
* On and On (hier)
* Oh No

Im Netz:
* MySpace
* Indiepedia

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The Whip – X Marks Destination

whip klein

The Whip aus Manchester machen vieles richtig – vielleicht sogar alles, was man als aufstrebende Band richtig machen muss. Sie kommen aus dem Herzen der britischen Musik – Manchester. Dort, wo einst Joy Division und New Order, die Haçienda und Tony Wilson, Morrissey und Oasis aufbrachen die Welt oder zumindest England zu verändern. Heute ist Manchester nicht viel mehr als ein Mythos – Musikgeschichte wird dort jedenfalls nicht mehr geschrieben. Das dachten sich wohl auch The Whip, nahmen ihre großen Vorbilder New Order und Happy Mondays quasi als Handgepäck mit und zogen nach Paris. Zumindest in Form einiger 7inches auf dem angesagtesten Electro-Label der Welt: Kitsuné. Die Aufnahme in den „Maison“-Compilation Backkatalog war schon eine Ehre, die Tour um die Welt mit den hauseigenen Bands und Künstlern tat ihr übriges.

Jetzt erscheint das Debüt „X Marks Destination“. Und das X, das in diesem Falle das Ziel markiert, ist die dicke, fette Symbiose aus Techno und New Wave. „Frustration“ und „Sirens“ klingen wie eine gut eingespielte New Order Coverband, die meisten anderen Songs hangeln sich am gegenwärtigen New Rave Trend entlang und knallen einem die Beats und das Gefiepe nur so vor die Füße. Was aber unterscheidet The Whip letztlich von all den anderen Rave-Epigonen wie etwa Hadouken? Es ist die feine Melancholie, die The Whip beherrschen, die auch schon New Order so groß machte. „X Marks Destination“ könnte der Startschuss zu einer ganz großen Karriere werden. Verdient hat es dieser Bastard aus Techno und Wave auf jedenfall. (Robert Heldner)

Anhören!
*Trash (hier)
*Frustration
*Sirens
*Dubsex

The Whip im Popblog:
* I Predict A Riot – Teil 4: New Rave et al

Im Netz:
* MySpace

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https://blogs.taz.de/popblog/2008/07/03/im_plattenregal_im_mai_2_death_cab_for_cutie_friska_viljor_the_whip/

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