vonChristian Ihle 17.02.2009

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Man muss vielleicht mal vorausschicken: Der Autor dieser Zeilen fährt seit fünf Jahren zu diesem Festival. Nicht nur, um die sehr gut ausgewählten Bands live zu sehen, sondern auch, weil er einfach ein Fan der skurrilen Idee ist, ein Open Air-Festival einfach mal im Januar abzuhalten.

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Franz Ferdinand, rot.

Gut, die Idee ist vielleicht schon diversen Snowboard-Winter-Opening-Rave-Jump-Attraktionen vorbehalten. Aber hier geht es um keine Wintersport-Gaudi mit 24 Stunden-Aprés Ski-Feierei, hier geht es um ein grundehrliches Pop-Festival.

Jeder Jahr feiert der sympathische österreichische Radiosender FM4 in der Wiener Arena, einem ehemaligen Industriegelände, sein Geburtstagsfest. Da der Sendestart wohl im Januar stattfand (Trivia: das erste Stück war „Sabotage“ von den Beastie Boys), muss diese Feier eben auch in diesem Monat stattfinden. Und irgendein Spaßvogel kam wohl auf die Idee, das Festival im Freien abzuhalten.

Was ja ganz lustig sein kann. Solange es bei Minusgraden Gelegenheit zur Bewegung gibt.

Sprich: Abseits vom Weg zum Bierstand und vom Weg zum Klo sollte man sich bewegen können. Sonst nützt die zweite Winterjacke, die man über der ersten Winterjacke angezogen hat, gar nix. Dann nützt auch die Jogginghose nix, die man unter der Jeans trägt nix. Handschuhe, Pudelmütze – alles umsonst.

Es muss Bewegung her.

Vor ein paar Jahren spielten Tocotronic den Headliner. Völlig ausgefroren stand eine Menge an durchaus interessierten Fans vor der Bühne. Und was machten die Freunde von Lowtzow, Müller, Zank und McPhail da? Sie spielten ihr damals noch gar nicht auf dem Markt befindliches, selbstbetiteltes Album „Tocotronic“ runter. Nein, nicht „This Boy ist Tocotronic“. Sie beschränkten sich in den ersten dreißig Minuten ihrer Live-Show auf die eher ruhigen Nummern in ihrem damals eben noch gar nicht bekannten Repertoire ihres (langfristig) wirklich großartigem weißen Album.

Und: da stand man dann. Eiszapfen unter dem linken Nasenloch, gefrorene Finger, die mit letzter Kraft den Bierbecher hielten. Und Füße, die längst blau waren. Dank Tocotronic.

2009 spielte wieder eine Band, die gerade am Vortag ihr neues Album veröffentlicht hatte. Und man kann definitiv nicht davon ausgehen, dass der Headliner Franz Ferdinand an nur einem Tag genügend Schallplatten verkauft hat, um sämtlichen anwesenden Zuschauern Textsicherheit und Mitsingreize zu bescheren.

Aber Franz Ferdinand haben ihr drittes Album mit Disco-Nummern gefüllt und so haute das auch mit der Bewegung hin. Was wiederum auch präventiv eine Eisbahn vor der Bühne verhinderte. Denn Minuten vor Franz Ferdinand beendeten Deichkind (mehrmals von Franz Ferdinand in Zwischenansagen lobend erwähnt) ihre Freiluft-Show.

Und das Gelände der Arena in Wien glich da einem Kinderplanschbecken aus purem Schweiß und Bier. Und wenn diese explosive Flüssigmischung nicht genügend in Wallung gehalten wird, sind schnell die Voraussetzung für einen Eiskunstlauf-Wettbewerb gegeben. Nicht aber für ein Konzertpublikum, das vorher stundenlang mit kalten Getränken die eigene Standfestigkeit in Grund und Boden soff.

Und so fror man nur wenig. Und man hatte Gelegenheit seinem Bewegungsdrang ausgiebig nachzukommen.

Und es gab spektakuläre Konzerte zu bestaunen.

Von Clara Luzia, die einen wunderschönen Auftritt absolvierte und von The Rakes, die sich als weitere Band entpuppte, die behauptet, von David Bowie beeinflusst zu sein und live, außer gut auszusehen, nur englische Durchschnittsware bot.

Später versammelten sich die Festgäste zum einen in der Halle, in der noch Bands wie Schwefelgelb und die Puppetmastaz auftraten und 1000Robota nach nur wenigen Minuten ihre Show lustlos abbrachen, was auf der FM4-Internetseite eine rührende Diskussion darüber auslöste, wie „schwierig“ zu definieren sei und auf was man sich einlassen oder nicht einlassen sollte.

Der Autor dieser Zeilen blieb aber nach Franz Ferdinand nur noch ein bisserl im Beisl, einer Kneipe auf dem Gelände, in der FM4-DJs Indie-Hits auflegten und zollte schon sehr früh der vorhergehenden Nacht in Wien seinen Tribut.

Großartiges Festival. Steht den besseren Sommerfestivals in nichts nach und bietet durch charmante Kälte ein knuffiges Alleinstellungsmerkmal. Chapeau!

(Säm)

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