vonChristian Ihle 06.04.2009

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Neben all dem Schund, Schmutz, Crack und Cocaine war Pete Doherty immer für eine Sache – zumindest in den Zirkeln, die sich tatsächlich mit seiner Musik beschäftigten – berühmt: dass er Songs am Fließband schreiben kann und im Gegensatz zu vielen seiner Indierockkollegen gerade dann zur Hochform aufläuft, wenn er, nur mit einer akustischen Gitarre bewaffnet, seine neuesten Erzeugnisse mit einem Diktaphon aufnimmt und ins Netz stellt. Doherty

Doherty wurde so auch auf andere Weise zum öffentlichsten Star der Welt. Es waren eben nicht nur die Skandälchen, die Tag für Tag in geheuchelter Hysterie von der britischen Presse begierig aufgesogen wurden, sondern auch, dass er einen Blick über seine Schulter beim Songwriting zuließ. Gerade das unfertige hatte in der bis zum letzten Punkt durchgeplanten Musikindustriewelt einen besonderen Charme.

Wie groß ist nun die Aufgabe für den hochgeschätzten ehemaligen The Smiths – und Blur – Produzenten Stephen Street, diese Intimität bei Dohertys erstem Solo-Gehversuch auf eine richtig produzierte Platte zu übertragen! Gerade weil Street ja schon bei seiner ersten Doherty-Zusammenarbeit, dem zweiten Babyshambles-Album“Shotter’s Nation“, kläglich gescheitert war und zwar nicht nur in küstlerischer, sondern sehr wohl auch in kommerzieller Hinsicht. Es schien fast, dass eine allzu glatte, gar radiotaugliche Produktion wie sie vom professionellen Studioarbeiter Street bevorzugt wird, den Goldstaub von Dohertys Songskizzen wischt und sie in das grelle Tageslicht zerrt, das so wenig vorteilhaft für diese Lieder zu sein scheint, auf die doch die Sonne Arkadiens oder wenigstens das Kerzenlicht der Crackhöhle scheinen sollte.

Auch wenn „Grace/Wastelands“ zumindest die größten Befürchtungen entkräftet, zeigt sich doch wieder, dass Streets Herangehensweise eben gerade nicht den Zauber der Skizze liebt, sondern mehr den Glanz der Größe sucht. An mancher Stelle mag das auch gut funktionieren, wie bei dem an Scott Walker / Last Shadow Puppets (die Referenzgröße darf altersabhängig gewählt werden) mahnenden „A Little Death Around The Eyes“ oder dem Barpiano-nach-dem-Letze-Runde-Läuten-Stück „Sweet By & By“, in dem Doherty wie nie zuvor nach seinem alten Kumpel und partner-in-crack Shane McGowan klingt und er sich mit einer Träne im Auge dem guten, wilden Leben aus den frühen Libertines-Tagen erinnert. Hier kommt das „zuviel“ der Street-Produktion endlich zum Tragen. Das Piano klimpert vor sich hin, Graham Coxon spielt seine Gitarre, unvermittelt kommen trunkene Bläser um die Ecke getorkelt und doch hält Stephen Street den Karneval der in Nostalgie verlorenen Seelen fest und fügt aus vielen Einzelteilen ein größeres Ganzes. Natürlich ist „Sweet By & By“ mehr ein Pastiche, denn ein ernsthafter Song, aber dennoch strahlt er eine süßliche Leichtigkeit aus, die dem Album an anderer Stelle auch gut getan hätte. Erst bei dem letzten Song der Platte, bei „Lady Don’t You Fall Backwards“ ist all der Hall verflogen, die Streicher mussten gehen und Doherty ist ganz bei sich. Wenig Wunder, dass „Lady Don’t You Fall Backwards“ auch textlich einen der Höhepunkte des Album darstellt und fast wie ein prototypischer Doherty-Song wirken mag. Wir haben die Heroin-Referenz („Don’t let the horse chase the new deal away“), diese seltsame, nur von ihm so formulierte Poesie des Rinnsteins, der Crackhöhlen, die unverblümte Homoerotik, die Romantik des Abgefucktseins und – wunderbar – eine Liebesbezeugung von größter Lakonie, die dann doch wieder alle Herzen schmilzt und uns erneut mit dem Versprechen auf jenes eine große Album, das er immer noch in sich haben mag, auf leisen Tönen aus dem Album jagt:

Now tell me, if darkness comes
Then I will sing you a song
And I will love you forever
Or at least ‚til morning comes

Lady don’t you fall backwards
Come on and fall into my arms

(Christian Ihle)

Anhören!
* The Sweet By & By
* Lady Don’t You Fall Backwards
* A Little Death Around The Eyes (hier)

Weiterlesen über Doherty:

Teil 1: Time For Heroes, Anfang 2005
Teil 2: Up The Bracket, Oktober 2002
Teil 3: The Gang Of Gin. And Milk., April 2006
Teil 4: Why Did You Break My Heart?, Mai 2006
Teil 5: Anywhere In Albion, September 2006
Teil 6: König wider Willen, Februar 2007
Teil 7: Das Ende des Konjunktivs, Oktober 2007

Plattenkritiken:
* The Libertines – Best Of
* Babyshambles – Shotters Nation

Im Netz:
* Indiepedia
* Homepage
* MySpace

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https://blogs.taz.de/popblog/2009/04/06/album_des_monats_februar_platz_3_peter_doherty_-_gracewastelands/

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kommentare

  • Bei aller Liebe, aber auf diese Weise an diesem Album Kritik zu üben, das ist doch ein bisschen zu hart auf den bröseligen Putz gehauen: Wenn du die Sessions hören will, dann steht dem ja nichts im Weg. Aber dass ein produziertes Album nicht nach umfallenden Mikrophonständern klingt, dass ist doch nun wirklich selbstredend. Einmal davon abgesehen, dass die souveräne Produktion nun sehr wenigen Lieden auch nur dann sehr wenig schadet und G/W zu einem der besten Alben des Jahres macht. Will sagen: Wer die Sessions nicht kennt und zudem keinen Amateurfimmel hat (mir erscheint deine Neigung zum Dilettantismus immer ein bisschen so, als würde man die Stuttgarter Kickers besser finden als Wolfsburg, eben gerade weil sie schlechter spielen – also absurd), dem hilft die Kritik nicht viel – dem gefällt das Album dafür umso besser.

  • Ich lehne NME-Bands ab? Den Vorwurf habe ich tatsächlich noch nie gehört. Ich bin doch eigentlich ein großer Verteidiger des NMEs und seiner Bandförderung. Die White Lies wurden ja nicht explizit angepriesen, sondern mehr für „große Dinge in 2009“ getippt, was sich ja auch bewahrheitet hat. Und nein, das Album ist auch nichts für mich: kompetent gemacht, aber dafür bin ich dann doch nicht 16 genug.

    Natürlich ist Grace/wastelands intimer als seine Vorgänger (wobei man bei Down In Albion streiten könnte, das ist wahrscheinlich – auf seine Art – das intimste Album, das ein „Star“ seiner Bekanntheit in den letzten 10 Jahren veröffentlicht hat) – mir ist es ja eher nicht intim genug. Ich will es ja auch gar nicht explizit mit Akustiksessions wie „Shakin & Withdrawn“ oder der formidablen inoffiziellen „The Freewheelin Pete Doherty“ Compilation vergleichen, aber dennoch sind mir die Songs zu aufpoliert, was gerade deshalb nicht funktioniert, weil sie ja „intim“er Art sind.

    In ihm steckt ein großartiges Akustik-Album, aber Grace/Wastelands ist es (noch) nicht. Ein Album, das z.B. aus „There She Goes (ALH)“, „The Whole World Is Our Playground“, „Lost Art Of Murder“, „Smashing“, „Breckroad Lover“, „At The Flophouse“, „Cuckoo 1440“ bestehen würde – und zwar alle in einer einfachen Variante aufgenommen (man denke vielleicht an Rick Rubins Arbeiten mit Johnny Cash) – wow.

    Oder wenn man sich das herausragende Bootleg des Torriano Pub Charity Gigs anhört – er braucht ja gar nichts anderes als eine Akustikgitarre: http://blogs.taz.de/popblog/2008/03/22/music-when-the-lights-go-out/

  • Sprachlich aausdrucksvoll geschrieben (Alliterationen am Anfang sind stets schön); aber doch verwundert mich das Urteil des bekennenden Dohertyans Ihle. Während hier sonst alles über den grünen Klee gelobt wird, was auch immer ein Ex-Libertine oder einer der Strokes auf CD gepresst hat, u. man auf diese Weise beinahe die Hälfte des Jahres 2008 auf simpelste Weise mit Alben des Monats füllen konnte, u. sich Schizophrenie hier sonst nur äußerst, wenn man Thom Yorkes „The Eraser“ zum Album des Jahres erhebt, aber „In Rainbows“ verreißt oder NME-Bands ablehnt, jedoch Franz Ferdinands „Tonight“ noch zu milde beurteilt u. Glasvegas (immerhin noch konsequent, wenn man Oasis liebt…) sowie ausgerechnet White Lies (die werden hoffentlich nicht Album des Monats – nach der Schmähkritik?!) anpreist, überrascht mich die Kritik doch sehr:
    Tatsächlich kann ich Radiotauglichkeit nur in „Sheepskin Tearaway“ (wird das etwa `ne Singleauskopplung?) entdecken, u. verstehe nicht, warum Doherty als Singer/Songwriter für 2009 angekündigt wurde, aber sein Album hier derart geschmäht wird. Wie der Verfasser an anderer Stelle selbst schreibt, ist „Grace/Wastelands“ überwiegend akustischer Natur, u. Intimtät möchte ich ihm ebenfalls nicht abstreiten.
    Es fehlen gänzlich Charterfolg versprechende Songs wie „Fuck Forever“ oder „Delivery“, u. Doherty entfernt sich meilenweit vom wilderen, punkigen Sound.
    Zwar konnte er schon zu Libertines-Zeiten große Balladen schreiben (wenn auch nicht singen, weshalb er wohl Carl „What Katie Did“ überließ), doch sind auch hier kaum mehr Ähnlichkeiten zu erkennen, was nicht zuletzt am ruhigeren Klang u. der reicheren Instrumentierung liegen mag.
    Aber ist nicht gerade dieses Album intimer u. in gewisser Weise ehrlicher als seine Vorgänger? -Den chaotischen, asozialen, blutenden Junkie Pete Doherty haben wir alle gehört, ist es nicht sein Recht den Fokus einmal auf die andere Facette seiner beeindruckenden Persönlichkeit zu legen, auf den romantisierenden, beinahe kitschigen Idealisten, der statt wild mit der Crackpfeife zu feiern, lieber ruhig „opium and tea“ genießt, ohne seine typischen Themen dabei zu verraten. Immerhin erscheint er derzeit überaschend ausgeglichen u. in derart guter Verfassung zu sein, wie man ihn seit 2003 nur selten gesehen hat. Das mag am Landleben liegen, aber andererseits auch damit begründet sein, dass Doherty tatsächlich gereift ist.
    Es wäre zwar naiv zu glauben, er könne jemals clean werden, doch gemäß der Tatsache, dass er immer dann am produktivsten war, wenn alle Welt ihn für ein Wrack hielt, ist es vielleicht ein gutes Zeichen, dass er 2008 erstmals nichts veröffentlichte. Nach dem letzten Gefängnisaufenthalt scheint er sich im Griff zu haben, u. so ist auch sein Solodebut als Einschnitt, beinahe als Neuanfang zu sehen.
    Mit Zeilen wie „I stand before her amazed/As she dances and demands/The head of Isidora Duncan on a plate/Oh, It’s Salome“ erweist er sich nach wie vor als alle überstrahlender, genialer Lyriker, doch musikalisch überrascht er mit La’s-Anklängen. Auch wird es wohl weder an Street noch an Coxon liegen, wenn er an die frühen Blur erinnert u. die auf „1939 returning“ folgende Kirmesmusik an Damon Albarn gemahnt, der sie bereits hinter „Yuko & Hiro“ erklingen ließ u. auch bei „The Good, The Bad & The Queen“ unterbrachte.
    Seiner jugendlichen Vorliebe für Suede setzt Doherty hingegen ein Denkmal anderer Art, indem er im Video zu „Last of the English Roses“ deren Kampf gegen Homophobie fortsetzt, u. 16 Jahre, nachdem diese mit küssenden Kerlen Britannia erschütterten, Fußballer ihre körperliche Zuneigung zueinander zeigen lässt.

    „If you’re still alive when you’re 25/ Should I kill you like you asked me to“ singt der nun 30jährige; als er 25 war, starben die Libertines, doch von dieser Vergangenheit scheint sich Peter gelöst zu haben, um mit beachtlich vergrößertem musikalischen Repertoire zu zeigen, dass er sich zu ändern vermag -zumindest musikalisch…

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