vonChristian Ihle 27.09.2010

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Gerade erst entdeckt, ein fantastisches Interview im SPIEGEL mit Peter Hein über Punk, die Glorifizierung und das Jetzt:

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mal gesagt, nichts habe den Punk so gekillt wie die „Humorlosigkeit seiner Protagonisten – außerhalb Düsseldorfs natürlich“. War Punk in der Karnevalshochburg Düsseldorf heiterer als anderswo?

Peter Hein (Sänger von Mittagspause, Fehlfarben und Family5): Auf jeden Fall. Natürlich gab es auch in Berlin oder Hamburg ein paar Leute, die eine uneingestandene Sehnsucht nach dem rheinischen Karneval hatten, die sie zu Hause nicht ausleben durften. Und auch in Düsseldorf haben sich irgendwann die Humorfreien breitgemacht; die Schäferhund-Fraktion, die alles schneller, lauter und stacheliger haben musste. Da wurde es dann so stumpf wie überall. (…)
Wir haben ja nicht mitgemacht. Wir haben gemacht. Für uns war Punk, nicht Punk zu sein. Die Lederjacken-Kluft war für uns nach einem halben Jahr vorbei, danach haben wir Anzüge, Jacketts und andere Sachen getragen. Wenn sich etwas durchsetzte, wollten wir gleich was anderes machen. (…) Natürlich haben wir die Klappe aufgerissen: „Ist alles scheiße, muss alles Punkrock werden!“ Aber wenn wirklich alles Punkrock geworden wäre, wäre das furchtbar gewesen. Das wollte niemand wirklich, man tut immer nur so.

SPIEGEL ONLINE: Seit dem Erfolg von Jürgen Teipels Punk-Geschichtsbuch „Verschwende deine Jugend“ hat auch Düsseldorf erkannt, dass DAF, Fehlfarben oder Kraftwerk zum kulturellen Erbe gehören.

Hein: Ich finde das durchaus gerechtfertigt, wenn man Sachen bewahrt, die mal gemacht worden sind. Uns war damals nicht bewusst, dass es was Historisches sein könnte. Die kopierten Flyer und Fanzines landeten im Papierkorb. Dass die dann doch jemand aufgehoben hat, tja – das sind eben die Briefmarkensammler dieser Welt.

SPIEGEL ONLINE: Auf dem neuen Album halten sich die Fehlfarben an alte Punk-Tugenden: Straighte zweieinhalb Minuten-Songs in klassischer Besetzung. Außerdem ist das neue Album bloß 34 Minuten lang – so wie früher die LPs.

Hein: Diese siebzig-Minuten-CDs gehen mir sowieso auf den Sack. Man muss nicht immer alles ausreizen, was ein Medium hergibt. Sonst musst du bald für eine Blu-Ray-Disc sieben Stunden lang spielen, wie ein afrikanisches Orchester.

SPIEGEL ONLINE: Die jüngeren Leute kaufen ohnehin keine Alben mehr, sondern eher einzelne MP3-Files. Alben kauft doch nur noch das ältere Publikum.

Hein: Die sollen das auch kaufen. Die sterben ja erst weg, wenn wir auch wegsterben. Da sollen die vorher noch mal schön Geld ausgeben. (…) Leben konnten wir davon nie. Auch von unserem ersten Album „Monarchie und Alltag“ nicht. Davon kannst du vielleicht mal in den Urlaub fahren, mehr nicht. Wir sind ja so deutsche Affen, die keine Sau auf der Welt sonst braucht. Leute wie Paul Weller – die verkaufen vielleicht in Deutschland auch nicht mehr als wir, aber die haben einen Weltmarkt. Wir haben nur das Scheiß-Deutschland mit Schweiz und Österreich noch dabei.

SPIEGEL ONLINE: Aber war das Versprechen von Popmusik nicht: Nie arbeiten müssen, auf dem Treppchen stehen?

Hein: Ach, man schreit immer: Alles, alles! Aber das ist ein bisschen wie Scheiße an die Wand zu werfen und zu gucken, was kleben bleibt. Wenn schon kein Geld kommt, na gut. Dafür bist du aber bekannt und hast Spaß und kurvst in die Käffer und säufst mit irgendwelchen Leuten, die das klasse finden. Das ist ja auch schon mal was.

(Peter Hein im SPIEGEL über die guten alten Tage des Ratinger Hofs)

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