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vonChristian Ihle 16.01.2012

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Joachim Hentschel vom Rolling Stone nominiert:


Lauren Talbot


Die Quoten der aktuellen „Deutschland sucht den Superstar“-Staffel stehen mittel, der Gewinner der ersten Serie verdingt sich mittlerweile als Tarzan-Darsteller, der legendäre Daniel Küblböck posiert mit Oberarmtattoos auf seinem 2012er-Kalender „Daniel im Wunderland“. Anders gesagt: maue Bilanz! Integre Indierocker, die die RTL-Show wenigstens ab und zu „so vorm Ausgehen“ gesehen haben, erinnern sich dennoch an die besonderen Momente – als es 2007 plötzlich eine Kandidatin gab, die süß wie Schneewittchen und deep wie eine Märchenversion von Siouxsie Sioux war, die singen und flüstern konnte wie eine nicht-nervende Björk und eine pechschwarzhaarige Nina Persson. Und die im Wettbewerb sogar weit kam, obwohl Dieter Bohlen sie am liebsten schnell in eine dunkle Pianobar gesperrt hätte.

Lauren Talbot, damals 16, tauchte nach der Show niemals in Mallorca oder bei Heimwerker-Dokusoaps auf, ist jetzt 21 – und könnte, wenn nicht irgendwas schlimm schiefgeht, ohne Witz, die großartigste deutsche Popsängerin werden, die Frau, die Lana Del Rey Kaugummis in die Haare klebt, zum Anhimmeln und Nachts-im-Dunkeln-Hören, sogar ein Star im echten Leben. Belegen lässt sich das leider schlecht, weil ihre neue, eigene Musik noch nicht mal im Internet zu hören ist.

Lauren Talbot wohnt heute in Berlin, arbeitet mit zwei Leuten der Band Nova International (deren Musik hier auch kein Maßstab ist), hat einem Werbesong die Stimme geliehen, aber was da gerade im Studio entsteht, klingt völlig anders: nach Radiohead und dorniger Melancholie, Synthesizer-Pop der frühen Depeche-Mode- oder Yazoo-Art. Und die Stimme ist so unfassbar gut, dass man sie im Rückenmark und in der Hirnschale spürt. Angeblich wird derzeit mit Labels verhandelt, hoffentlich nicht mehr zu lange. (Joachim Hentschel vom Rolling Stone)




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Jochen Overbeck vom MusikExpress nominiert:


Ecke Schönhauser


Erster Gedanke: klar, der DEFA-Klassiker. Halbwüchsige im Ostberlin der 50er-Jahre, die erstaunlich unsozialistisch gezeichnet werden und allerhand eher staatszersetzenden Gedanken nachhängen. Zweiter Gedanke: Diese Gitarren, die hören sich aber gut an! Die schnoddern so schön verzerrt! In der Tat bedienen sich die Berliner, die tatsächlich im namensgebenden Gebiet rund um die S-Bahn-Station Schönhauser Allee leben und wohl im weitesten Sinne als Nachfolgeband der seinerzeit bei Tapete etwas untergegangenen Post-Punker von Herpes gelten dürfen, bei vielen, die wir mögen. Man muss an die denken, die im Hamburg der frühen 90er-Jahre musizierten, etwa an Blumfeld oder Tobias Levins Cpt. Kirk &., was nicht nur an den Gitarren, sondern auch am Gesang liegt, der eigentlich kein Gesang ist, sondern ein aufgekratztes, aber monotones Grummeln über die Umstände im Allgemeinen und deren private Variationen. „Liebesprotestpunk“ nennen sie’s selber, und auch wenn das thematisch etwas limitiert sein mag, versprechen die drei bei Soundcloud hochgeladenen Stücke eine Menge. Das beste davon trägt zudem mit „Endlich mal jemand, der nicht scheiße ist“ einen sehr guten Titel. Ich freue mich bzw. hoffe auf ein Album.


Soundcloud


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Johnny Häusler von Spreeblick nominiert:


Kraftklub.


Kraftklub

Kurz vor Weihnachten spielte die Band im ausverkauften Berliner Astra, und die Eier muss man erst mal haben, nach 40 Minuten von der Bühne zu gehen! Und da war schon einmal „Blitzkrieg Bop“ dabei! Trotzdem – oder deshalb – blieb ich auch drei kurze Zugabensongs später davon überzeugt, dass von den jungen Männern, die „nicht tätowiert“ sind und „Popmusik spielen“, in 2012 noch viel zu hören sein wird. Vom Elektropop geborgte Rhythmen, ein bisschen Keyboard und toll twangige Gitarren drauf, die Stimmen dann irgendwo zwischen Sprechgesang und Clash-Hymnen ansiedeln und vor allem Dinge sagen lassen, die Herz und Hirn treffen: Das funktioniert schon sehr gut und wird noch besser funktionieren, wenn das Album da ist. Wenn Kraftklub dann immer noch nach 40 Minuten von der Bühne gehen, könnten sie die coolsten Karl-Marx-Städter ever werden.


[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=bV37CClYr-U[/youtube]




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Felix Nicklas vom Vice Magazin nominiert:


Messer


„Scheißname, Scheißmusik und Scheißband“, so lautet eine der ersten Kritiken zu Messer. Was für eine grandiose Aussage. Und wenn man es recht bedenkt, eigentlich das größte Lob, das man Messer machen kann, denn wenn man sowieso alles falsch macht, dann kann man ja nur noch rotzig und zornig nach vorne gehen und nebenbei eben doch alles richtig machen. So mäandern und schrammen Messer aus Münster also voller nervöser Unzufriedenheit irgendwo an den Grenzen zwischen Hardcore und Post-Punk entlang, mischen Ton Steine Scherben mit Hamburger Schule und verzichten dabei aber auf den zu erwartenden Pathos und Sozialkitsch. Sollte die Weltwirtschaft in diesem Jahr nun endgültig den Geist aufgeben, alles auseinanderbrechen und auch auf den Straßen Deutschlands vermehrt Mollies und Steine gegen das System fliegen, braucht dieser anstehende Riot-Sommer der Unruhe und des Zusammenbruchs eine musikalische Untermalung. Rechtzeitig dafür wird dann Messers Album „Im Schwindel“ in den Plattenländen zum Plündern bereitstehen.

Messers Album Im Schwindel erscheint im Mai/ Juni auf This Charming Man Records. Die Single Augen erscheint im März/ April auf Rockstar Records.


Soundcloud-Link




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Daniel Erk, Buchautor von So viel Hitler war selten nominiert:


CRO


cro

Hi Kids, das ist Carlo: CRO, 19 Jahre alt und Träger einer mittelflauschigen Panda-Maske, ist Cartoonist der Stuttgarter Zeitung und Deutschlands nächster Star in Sachen Hiphop.
Obgleich es bis dato gerade mal zwei Mixtapes gibt (hier zum Beispiel das Easy Mixtape zum Download) und ein Debütalbum erst für das Frühjahr angekündigt ist, stehen alle Zeichen auf Hit. Jan Delay hat CRO als „die Zukunft von Deutschrap“ bezeichnet, viel wichtiger aber: Über 80.000 Menschen wollen auf Facebook lesen, was Cro schreibt, der Mixtapehit „Easy“ wurde schon in amerikanischen Hiphop-Blogs empfohlen und das zugehörige, sehr charmante Video über 2 Millionen mal gesehen. „Easy“ selbst ist ein schlimmer, schlimmer Ohrwurm, Marke Sommerhit, leicht und freundlich und sonnig und witzig und durchaus smart im Umgang mit seinem Sample des Bobby-Hebb-Klassikers „Sunny“.

Und damit wäre das Erfolgsrezept Marke CRO auch schon umrissen: Ein verblüffend lässiger Flow (noch nicht ganz Jay-Z, aber durchaus mit derartigem Potential), keine größeren inhaltlichen Ambitionen und ein fast schon schmerzlos zu nennendes Händchen für poppige Hooks wie sonst nur Kanye West: Für „Kein Benz“ sampelt Cro „Jerk it out“ von den Caesars, in „Wir waren hier“ beinahe dreist „The Passenger“ von Iggy Pop, in „Rockstar“ den nervtötenden Indieballermannkracher „Banquet“ von Bloc Party und für das wahnsinnig gut gelaunte „Geht gut“ „Ottoman“ von Vampire Weekend. Darüber rappt CRO Textzeilen wie diese: “Is’ okay, Mann, ich rap’ einfach so, steh’ besoffen auf der Bühne oder texte auf’m Klo. Check mir’n Stift, drück auf Rec, nimm den Track und verteil ihn über’s Netz wie’n Badminton Pro”
Jede Wette: CRO wird bis zum Sommer alle begeistern. Und spätestens dann mit dieser hippen, chartstauglichen Niedlichkeit und dem Panda-Gerede irre auf die Nerven fallen.


[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=4wOoLLDXbDY[/youtube]


Die anderen Folgen der Jahresvorausschau:
Folge 1: UK Indie Rock
Folge 2: Pop
Folge 3: US Indie-Rock
Folge 4: Folk & Singer/Songwriter

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kommentare

  • Cro hat meiner Meinung nach das Sample optimal genutzt – egal von wem nun was kommt. So ist nunmal der Hip Hop. Ich freue mich einfach auf das Album und hoffe keine müde Enttäuschung im Plattenspieler zu haben – bin aber zuversichtlich.

  • Zu dem Artikel zu CRO, ich glaube er samplet dort eher Cudderisback von Kid Cudi mit seinem Lied Geht gut. Natürlich ist dies auch ein Sample von Ottoman aber den Flow den CRO rüberbringt ist der selbe wie ihn Kid Cudi rüberbringt.

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