vonChristian Ihle 16.01.2015

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Die gestern bekannt gegebenen Oscar-Nominierungen haben die Entwicklung der letzten Jahre bestätigt: die Academy Awards werden unberechenbarer und öffnen sich (zumindest etablierten) Arthouse-Regisseuren!


[youtube]https://www.youtube.com/watch?v=1Fg5iWmQjwk[/youtube]


Die meisten Nominierungen konnte der Uber-Nerd Wes Anderson mit seinem „Grand Budapest Hotel“ einsammeln. Anderson verfolgt in seinen Filmen eine Twee/Indie-Ästhetik wie kaum ein anderer Regisseur derzeit. Ebenfalls neun Nominierungen bekam Alejandro González Iñárritu, der mit „Amores Perros“ ebenfalls Wurzeln im Programmkino hat, nun aber mit „Birdman“ einen quirky Meta-Film über einen gescheiterten Ex-Blockbuster-Star vorlegt, der Meilen von seinen letzten großen, bedeutungsschwangeren Filmen wie „Babel“ entfernt ist.


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Und der heimliche Favorit der kommenden Oscar-Verleihung sind nicht einmal diese beiden mit Nominierungen überschütteten Filme mit Indie-DNA, sondern „Boyhood“ von Richard Linklater! Linklaters verrücktes Projekt, über einen Zeitraum von mehr als einer Dekade jedes Jahr ein paar Wochen an einem Spielfilm mit der gleichen Besetzung zu filmen und so ein „echtes“ Coming-Of-Age-Movie zu produzieren, hat sich seit seiner Premiere vor einem Jahr von einem Kritikerliebling (auch unser Film des Jahres!) stetig zum Außenseiter-Herzensfavoriten entwickelt – und ist nun nach seinem Triumph in den beiden Hauptkategorien „Bestes Drama“ & „Beste Regie“ bei den Golden Globes tatsächlich der eine Film, auf den sich alle einigen können.

Noch erstaunlicher wird die klare Favoritenstellung der drei erwähnten Arthouse-Filme, wenn man in Betracht zieht, dass in diesem Jahr eben auch vier Klischee-Kandidaten bereit stünden: „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ über Stephen Hawking (this year’s „Beautful Mind“, wenn man so will), „The Imitation Game“, ein Biopic mit LBGT-Background, „Selma“ über Martin Luther King und die Rassismus-Thematik sowie der fürchterliche und kalkulierte Oscarversuch von Angelina Jolie mit ihrem Kriegsdrama/Boiopic „Unbroken“, die aber allesamt nur wenige Nominierungen sammeln konnten. Am ehesten scheint noch „The Imitation Game“ eine Rolle zu spielen und „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ zumindest für den besten Hauptdarsteller gute Chancen zu besitzen.

Wie anders war die Oscar-Welt noch zu Beginn des letzten Jahrzehnts! Bei praktisch jeder Verleihung nahmen die klischeebehaftete Oscar-Favoriten – die brav ihre Häkchen bei Punkten wie „Biopic“, „episches Drama“ oder „Leben gegen äußere Widerstände wie Krankheiten“ setzten – auch tatsächlich die Trophäe mit nach Hause.

Man kann diese neue Offenheit wohl auf das Jahr 2008 zurückführen, als die Auszeichnung der Academy für den brutalen, nihilistischen (und natürlich herausragend guten) Thriller „No Country For Old Men“ der Coen Brothers einem kulturellen Erdbeben gleichkam und alle Klischees hinwegfegte, die die Oscar-Verleihung sonst Jahr um Jahr bestätigt hatte.


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vs.


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Zum Vergleich die Gewinner zu Beginn des neuen Jahrtausends gegenüber dem Year Zero mit „No Country For Old Men“, die in diesem Jahr mit den drei Favoriten „Boyhood“, „Birdman“ und „Grand Budapest Hotel“ ihren Höhepunkt findet:


Oscar für Bester Film
2000 Gladiator
2001 Beautiful Mind (und Ron fucking Howard für beste Regie!)
2002 Chicago (FFS!)
2003 Herr der Ringe 3
2004 Million Dollar Baby
2005 Crash

vs.

2008 die Coen Brothers mit No Country For Old Men
2009 der Trainspotting-Regisseur Danny Boyle mit seinem Slumdog Millionaire
2010 Kathryn Bigelow mit Hurt Locker
2011 dagegen mit King’s Speech eine konservative Wahl
2012 The Artist – ein französischer Stummfilm in Schwarz-Weiß
2013 Argo, ebenfalls wieder eher klassisches Oscar-Material (aber immerhin Sieger statt eines Klischee-Oscar für Steven Spielberg & „Lincoln“)
2014 der Shame-Regisseur Steve McQueen mit 12 Years A Slave bzw. beste Regie für Alfonso Cuaron.

Wie absurd es im Jahr 2000 geklungen hätte, dass die Regisseure von „Trainspotting“ (Boyle), „Blood Simple“ (Coens), „Rushmore“ (Anderson) oder „Dazed & Confused“ (Linklater) eineinhalb Jahrzehnte später einen Oscar für den besten Film, die beste Regie nach Hause nehmen dürfen!

Und wie bitter muss sich das in der Zwischenzeit eigentlich für Quentin Tarantino anfühlen, dass er trotz dieses Wandels in der Academy immer noch keinen Hauptpreis gewinnen konnte, obwohl er ja schon *die* bestimmende Figur der letzten 20 Jahre war?

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https://blogs.taz.de/popblog/2015/01/16/wie-die-oscars-langsam-indie-werden-boyhood-birdman-und-grand-budapest-hotel-als-oscarfavoriten/

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kommentare

  • Ja, kann ich schon nachvollziehen. Generell fand ich Grand Budapest Hotel auch eher einen der durchschnittlicheren Wes-Anderson-Filme, eher eine Ausstattungsorgie als dass die eigentlich vorhandene Dramatik im Plot ausgespielt wurde: http://blogs.taz.de/popblog/2014/02/08/berlinale-1-grand-budapest-hotel-von-wes-anderson/

    Aber grundsätzlich ist Anderson natürlich schon jemand, der klar aus der Indie-Ecke kommt und schon einer der wenigen aktuellen Regisseure, auf die der alte Begriff „Auteur“ passt, da ein Wes-Anderson-Film schon eine sehr eigene Bildsprache hat, die sofort zu erkennen ist.

  • Die Aesthetik von Grand Budapest Hotel erinnert mich eher an Hugo denn an Indie-Filme. Mit einem Theme-Park-Europa inklusive voelligem Over-the-top-Humor, den man, wenn man nett ist, vielleicht noch als Screwball bezeichnen koennte.

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