vonChristian Ihle 07.06.2017

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Eines der wichtigsten Bücher meines Erwachsenwerdens war Amos Vogels legendäres Standardwerk des Untergrundkinos: „Film als subversive Kunst – Kino wider die Tabus“. Als ich kürzlich erneut in Vogels Buch blätterte, fiel mir auf, dass ein Filmfoto von drei an Pissoirs sich erleichternden Frauen* aus „Funeral Parade Of Roses“ (deutscher Verleih-Titel übrigens gewohnt subtil: „Pfahl in meinem Fleisch“) von der hervorragenden britischen Post-Punk-Band Girls At Our Best! für das Cover ihrer Debütsingle „Getting Nowhere Fast“ abgemalt wurde. Mit großer Freude habe ich dann entdeckt, dass die unverschämt gut kuratierte Berliner Videothek „Filmgalerie 451“ tatsächlich Toshio Matsumotos Bizarro-Avantgarde-Projekt aus der Japanese New Wave von 1969 im Regal hatte!


Drogen, Sex, ritueller Selbstmord und ausgestochene Augen in Großaufnahme – „Funeral Parade Of Roses“ ist auch heute noch eines der ungewöhnlichsten Werke des Queer Cinema. Die Themen sind hart und die Bilder unverblümt, werden aber von Matsumoto dank postmodernem Meta-Kommentar in ihrer Eins-zu-Eins-Verstörung gleich wieder ad absurdum geführt. Ein Plot ist schwer zu entziffern, auch wenn sich gegen Ende als Kern ein ödipales Gay-Drama herausschält.

Das „Was“ ist aber auch weniger entscheidend als das „Wie“, das „mit Wem“ und „über Wen“, ist „Funeral…“ doch ein beeindruckender Blick in den seedy underbelly Tokyos der End-60er über – und mit! – der Transvestiten-Szene Japans, gefilmt in brillantem Schwarzweiß.

Die Legende, dass sich Stanley Kubrick von „Funeral Parade Of Roses“ für „A Clockwork Orange“ inspirieren ließ, ist zumindest hinsichtlich der mit elektronisch verfremdeten Klassik-Klängen unterlegten Fast-Forward-Sequenzen kaum von der Hand zu weisen.
Ein bemerkenswertes Stück Kino und eine Erinnerung daran, dass an den Rändern immer die interessanteste Kunst entsteht.

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