vonChristian Ihle 05.03.2019

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

Mehr über diesen Blog

Pro:

Die neue Platte der Goldenen Zitronen erwischt mich so stark wie es die alten Fun-Punks seit ihrem 2006er Meisterwerk „Lenin“ nicht mehr geschafft haben (Ausnahme: das hervorragende „Echohäuser“ von 2013, das sich in bester Kampflied-Tradition in drei Minuten vom vermeintlich kleinen Gentrifizierungsaufreger zum alles angreifenden Einheitsfrontsong entwickelt. Unity!).

Doch zurück nach 2019! Der beste Song auf „More Than A Feeling“ ist ausgerechnet der, der eigentlich überhaupt nicht funktionieren dürfte: „Die Alte Kaufmannsstadt, Juli 2017“. Diese Analyse der G20-Ausschreitungen in Songform ist nicht nur eine der schlausten Abhandlungen, die ich zu dem Thema bisher überhaupt gehört/gelesen habe, sondern auch als Spoken-Word-Song ähnlich eindringlich, hypnotisch wie „Mila“ auf „Lenin“.

Ist also die „Kaufmansstadt“ das „Mila“ von heute, dann spielt „Katakombe“ die Rolle von „Wenn ich ein Turnschuh wär“ – der klarste „Hit“ des Albums.
Noch etwas unentschieden bin ich aber im Gegensatz zum brillant getexteten und heute nur noch aktuelleren „Turnschuh“ („Über euer scheiß Mittelmeer käm ich, wenn ich ein Turnschuh wär“) hinsichtlich der „Katakombe“-Lyrics.

Die Gegenüberstellung von Wutbürger-Fake-News-Parolen mit einer Meme-isierung der Kamerun-Lyrics als Antwort („whaaaat?“; „mega episch“) wandelt auf einer schmalen Linie zwischen fresh und ‚alte Männer stellen sich das Internet vor‘.
In der antwortenden „whaaat“-Figur erkenne ich auch keine ironische Brechung, denn im Songkontext spricht hier doch der gesungene gesunde Menschenverstand aka die richtige Seite. Oder kritisieren die Goldenen Zitronen hier auch diese ‚richtige Seite‘ gleich en passant mit, als ein Anti-Wutbürger-Protest der lediglich meme-haften Reaktion, die keine tatsächliche Auswirkung hat?

Allein dafür, dass mich „More Than A Feeling“ zur sich mehrmals um sich selbst drehenden Textanalyse fordert und trotzdem die Songstruktur in seinem hysterischen Post-Punk nicht vergisst, begeistert mich das neueste Zitronen-Album doch ziemlich. Viel Liebe zudem für die Kraftwerk-Sounds in „Das war unsere BRD“. (Christian Ihle)

Contra:

„More Than A Feeling“ ist eine gute Zustandsbeschreibung der deutschen Linken. Allerdings nicht im positiven Sinne. Irgendwo gibt es immer jemanden, die/der aus purer Überheblichkeit noch reflektierter die eigene Selbstlähmung angeht.
Zu viel Diskurs, zu wenig Klassenbewusstsein. Feuilletonpunker at their best/worst. Dazu noch die auf Dauer nervende Heliumstimme von Kamerun.
Fazit also: Nach „Lenin“ ging’s steil bergab. Und das nicht nur mit dem Kommunismus.
So langsam glaube ich, Ja, Panik meinten mit der Zeile „die Punkrocker im Theater spielen rich Kids in den Straßen“ genau diese Konsorten. (Michl Herbst)

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/popblog/2019/03/05/pro-contra-die-goldenen-zitronen-more-than-a-feeling/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.