vonChristian Ihle 10.07.2021

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Das Zeughaus-Kino im Deutschen Historischen Museum in Berlin taucht tief in die seltsame und selten aufgeführte Filmographie von Ulli Lommel ein, der als Fassbinder-Mann startete, Filme über Richard Hell („Blank Generation“, 1980) und Daniel Küblböck („Daniel der Zauberer“, 2004) drehte und irgendwann im Straight-To-Video-Horrorsumpf landete.

Trotz etlicher Gurken (ich hatte hier auch mal „Diamant des Grauens“ mit Klaus Kinski besprochen) finden sich auch erstaunliche Werke in Lommels Filmographie, der bekannteste sicher sein „Zärtlichkeit der Wölfe“, der in Stil und Ausführung nah am großen Mentor Rainer Werner Fassbinder angelegt ist.

Zwei weitere empefehlenswerte Filme aus Lommmels Werk:

The Boogey Man, 1980

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Der eine große kommerzielle Erfolg Ulli Lommels und ein doch erstaunlicher Beitrag zum Slasher-Genre. Nachdem Lommel in den 70ern als Schauspieler im Fassbinder-Kreis bekannt wurde und mit „Zärtlichkeit der Wölfe“ seinen eigenen Fassbinder-Film drehte, ging er nach Amerika, machte mit Richard Hell den Punk-Vérité-FIlm „Blank Generation“ und dann letztenendes 1980 „The Boogey Man“ ganz im Zeichen des damaligen Horror-Craze um „Halloween“ und „Freitag der 13.“.
Zwar kann man Lommel etliche Anleihen vorwerfen (mindestens „Halloween“ ist von Soundtrack bis zu subjektiver Kamera mehr als einmal offensichtliche Vorlage), aber entwickelt er seinen als Slasher beginnenden Horrorfilm mit fortschreitender Dauer in einen weirden, eigenständigen Beitrag, der sich vom Genre emanzipiert und mehr zu einem ‚Haunted House‘ oder Geisterstreifen wird. Das ist sicherlich nicht spannend, aber atmosphärisch dicht und so näher an den italienischen Ausflügen von Fulci, Argento und Bava als an den durchgetakteten amerikanischen Exponaten.
Zudem erreicht „The Boogey Man“ eine Weirdness-Qualität, die Lommels Arthouse-Vergangenheit durchscheinen lässt: Mumblegore before Mumblegore!

P.S.: der oben erwähnte kommerzielle Erfolg war übrigens tatsächlich enorm – „The Boogey Man“ hat laut Wikipedia 25 Millionen Dollar eingespielt, was für damalige Verhältnisse irre ist. Das ist beispielsweise fünfmal so viel wie „My Bloody Valentine“ oder „Maniac“, doppelt so viel wie „Prom Night“. Könnte mir gut vorstellen, dass Lommels „The Boogey Man“ damit der dritterfolgreichste Slasher der großen Ära war, hinter „Halloween“ (70 Mio) und „Freitag der 13.“ (59 Mio).

In der ewigen Tragik, die gut zu Lommels Karriere passt, hat er allerdings davon – obwohl Regisseur, Autor und Produzent – fast nichts gesehen, erzählt Wikipedia:
„The film grossed approximately $25 million, though little of its significant income went to the filmmakers and performers, as the Jerry Gross Company, the film’s distributor, was in the midst of bankruptcy at the time of its release“

Wachtmeister Rahn, 1974

Bevor Ulli Lommel zum Punkfilmer und in der Folge zum Schlockmeister wurde, hat er in den 70ern erstaunliche Charakterdramen gedreht. „Die Zärtlichkeit der Wölfe“ ist für mich zwar immer mindestens so sehr ein Fassbinder-Film wie ein Lommel-Streifen, andererseits ist das aber auch Kompliment genug, dass Lommel dort wie Fassbinder dreht.

In „Wachtmeister Rahn“ aber entwickelt Lommel seinen Film allein und dreht eine traurige Einsamkeitsstudie, die sich als Krimi verkleidet.

Auch wenn die ein oder andere schauspielerische Performance in den Nebenrollen nicht begeistert, ist Hans Zander als Wachtmeister Rahn von einer tränensackigen Traurigkeit, die mitnimmt und überzeugt. Neben Zanders starkem Spiel in der Hauptrolle ist vor allem Lommels Skript zu loben: das ist raffiniert geschrieben, erzählt viel über ein verborgen queeres Leben in den 70ern und steigert die den ganzen Film bestimmende Traurigkeit am Ende zu großer Tragik.

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