vonChristian Ihle 13.02.2022

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Tiefster Winter im Sommerferienressort Rimini – ein Umfeld wie geschaffen für einen Film des Misanthropierealisten Ulrich Seidl.

Seidl erzählt die Geschichte des alternden Schlagersängers Ritchie Bravo (stark: Michael Thomas), der mit wohlgenährtem Körper und blondiertem, lockigen Haar wie die österreichische Palatschinken-Version von Mickey Rourkes „The Wrestler“ wirkt.

Ähnlich wie in „The Wrestler“ ist auch dieser gebrochene Mann in der hinteren Mitte seines Lebens ein Hallodri, Rumtreiber und Hand-in-den-Mund-Lebender. Sein Erweckungserlebnis widerfährt ihm durch eine überraschende Begegnung mit einer seit langen Jahren vergessenen, nun volljährigen Tochter.

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Seidl wäre aber nicht Seidl, würde er dem guten Ritchie Bravo eine hollywoodesque, tearjerkende Saulus-zu-Paulus-Wandlung bescheren. Denn: Töchterlein ist eine unerträgliche Nervensäge und darüber hinaus schwanger, hängt mit stummen Typen in einem Wohnwagen ab und will von Daddy endlich die 30.000 Alimente, die er die letzten Jahre zu zahlen ‚vergessen‘ hatte. Nachdem Ritchie vergeblich versucht, seine billigen Ringe zu versetzen, besinnt er sich darauf, wie er eh schon die Hälfte seines Lebensunterhalts verdient hatte: Best Ager becircen und ihnen Geld aus der Tasche leiern, auf feine und zur Not eben auch ziemlich dreckige Art.

„Rimini“ hat viele der geschätzten Seidl-Versatzstücke – einen unbarmherziger Blick, streng durchkomponierte Tableaus, wilde Charaktere, hässlichen Sex, den harten Realismus des Lebens – doch fehlt im Vergleich zu seinen vorherigen Werken etwas der Witz und das Ziel. Die Geschichte des Ritchie Bravo endet weder in Erlösung noch Verdammnis, sondern mit einem Schulterzucken.


Aber immerhin: das Hemd ist wieder offen, der Tschick fest im Mundwinkel.

Irgendwie macht er schon weiter, der Ritchie.

Muss ja.

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