vonChristian Ihle 16.01.2026

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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28 Years Later: The Bone Temple (2026, Nia DaCosta)
im Kino

Nachdem 18 Jahre zwischen dem zweiten und dem dritten Teil der „28 … Later“-Reihe lagen, sind es diesmal gerade sechs Monate. „The Bone Temple“ knüpft auch inhaltlich direkt an „28 Years Later“ an, als unser junger Held von einer Gruppe weirder Jimmy-Saville-Lookalikes gerettet und belästigt wurde. Parallel dazu erzählt „The Bone Temple“ auch die Geschichte des Architekten des Menschenknochen-Memorials weiter. Später im Film werden sich diese beiden Storylines bei einem wahrlich wahnsinnigen Showpiece zu Iron Maidens „The Number Of The Beast“ kreuzen, das selbst für „28 Years Later“-Verhältnisse so weit drüber ist, dass es schon die Grenze zur Selbstparodie überschreitet.

Dennoch ist dieser neue „28“-Film deutlich unangenehmer als seine Vorgänger, weil bis auf den kleinen Jungen hier nun wirklich niemand mehr zu sehen ist, der nicht vom Wahnsinn befallen ist. Insbesondere die Saville-Gang sitzt in ihrem lauten Sadismus so unangenehm, weil sie natürlich anfangs durchaus noch als Identifikationsangebot dient bis der Zuschauer dann einigen Häutungen (im wörtlichen Sinn) später in seiner Sympathie doch zum durchgeknallten Doktor-Knochentempel-Architekten wandert.

Im Grunde greift „The Bone Temple“ damit auf das Ur-Thema von „28 Days Later“ zurück: homo homini lupus est. Schlimmer als die Zombies ist nur der nächste Mensch, den du triffst. Tödlich sind beide, doch der Mensch hat noch seinen sadistischen Spaß im Moment deines Endes. (6/10)

Sentimental Value (2025, Joachim Trier)
im Kino

Kernelement von Joachim Triers Filmograpie ist die Lostness seiner Figuren im Älterwerden. Diese Verlorenheit in den Jahren 20ff fängt Trier in vielen seiner Filmen so punktgenau ein wie kein anderer Regisseur der letzten Jahre. Von „Auf Anfang“ über „Oslo, 31. August“ bis zu seinem großen Durchbruch „Der schlimmste Mensch der Welt“ drehen sich seine Filme immer wieder um diese Orientierungslosigkeit, die fehlenden Anker und das Nichts in einem selbst.

Zwar ist auch in „Sentimental Value“ eine junge Frau mit Anfang 30 im Zentrum der Geschichte, aber erstmals fokussiert Trier sich nicht ausschließlich auf diese Perspektive, sondern wirft gleichberechtigt einen Blick auf ihren Vater und formuliert hier einen Hintergrund zu den ständigen Fragen nach dem Warum aus seinen Filmen.

„Sentimental Value“ spielt dabei mehr wie eine Sammlung von kleinen Episoden aus zwei Leben und wie diese eine emotionale Wechselwirkung erzeugen, die beide Figuren in gegenseitiger, ungewollter Abhängigkeit zeigen. Dabei wirkt Trier diesmal versöhnlicher, was für mich die emotionale Wirkung etwas verringert, und sind vielleicht zu viele Motive im Film aufgenommen, die sich nicht alle stringent durch diese Momente ziehen. (7/10)

Sirāt (2025, Oliver Laxe)
zur Leihe

Ein älterer Vater sucht mit seinem vielleicht 12jährigen Sohn die auf ihren Wegen ins Hippie-Techno verschwundene erwachsene Tochter. Die beiden ziehen verzweifelt von Event zu Event, um sie wiederzufinden. Als sie den Tipp bekommen, dass sie vielleicht auf einem Wüsten-Rave tanzen könnte, schließen sie sich einer Karawanen-Kommune an und fahren ins heiße Nichts.

Lange geschieht wenig in diesem Film, der sich der hypnotischen Eintönigkeit des Techno auch in seinen Bildern und Geschichte hingibt. Doch wenn der Bass droppt bzw. das erste Leben fällt, erschüttert das bis ins Herz. Von hier an, gut eine Stunde im Film, hört Oliver Laxe mit „Sirat“ nicht mehr auf, die Szene eskalieren zu lassen bis zu einem Ende im Nichts, in dem selbst die Bewegung, der Tanz und die Euphorie nur noch Explosion und Tod bedeuten können.

In seiner existentialistischen Leere und Gnadenlosigkeit fühlt sich „Sirat“ an, als hätte Antonioni ein „Lohn der Angst“-Remake mit Techno-Hippies gedreht. Ein phänomenaler Film, einer der besten des Jahres. (8/10)

Presence (2024, Steven Soderbergh)

Neben „Black Bag“ drehte Steven Soderbergh im letzten Jahr noch einen zweiten Genre-Riff. Während ersterer geschickt die Doppeltäuschungen des Agentengenres zu Beziehungsaufstellungen nutzte, arbeitet „Presence“ sich nun am Haunted-House-Film ab, um Trauma und Familienzusammenhalt zu bespielen (was natürlich im Grunde praktisch jede Horrorfilm dieser Tage versucht). „Presence“ hat zudem den Gimmick, diese Familiengeschichte ausschließlich aus der POV des Geistes zu erzählen (Kamera übrigens auch Soderbergh unter seinem alter ego Peter Andrews).

Wirklich stark wird sein Geisterfilm aber eigentlich durch die realen Ereignisse des Films, die von Bullying und Machtwahn unter Jugendlichen erzählen und auf überraschende Art eskalieren. (7/10)

Soldaten des Lichts (2025, Julian Vogel & Johannes Büttner)
in der ZDF-Mediathek

Eine im Cinema-Verité-Stil gedrehte Dokumentation über Wellness-Influencer aka Schlangenöl-Scharlatane.

Die Regisseure Büttner/Vogel lassen alle Szenen unkommentiert laufen, haben aber natürlich dank der Insta-erfahrenen Protagonisten sowieso Menschen vor der Linse, die mit großer Selbstverständlichkeit ihren absurden Schmonz absondern. Tragisch dagegen die armen Seelen zu sehen, die diesen Menschenfängern in die Arme laufen.

Eine Stärke des Films ist auch zugleich seine Schwäche: für mich war oft unklar, wie diese verschiedenen Szenen nun ein größeres Netz ergeben, wie die Reichsbürger mit den Ultra-Veganern zusammenhängen und wo noch mal der Crypto-Bro herkommt. Andererseits wird so auch subtil gezeigt, wie ein Einstiegstor in diese Welt genügt, um sich auch in all dem anderen Wahnsinn zu verlieren. (6/10)

Der Fremde (2025, François Ozon)
im Kino

Obwohl Albert Camus einer der bedeutendsten Autoren des 20. Jahrhunderts ist, sind Verfilmungen seiner Werke dünn gesät. Aber nicht ohne Grund: beim Großmeister der existentialistischen Literatur geht es meist um innere Prozesse, um das Sich-selbst-Befragen der Akteure, was sich nur schwer visualisieren lässt. Das gilt auch für seinen berühmtesten Roman „Der Fremde“, auch wenn dieser auf den ersten Blick eigentlich ja ausreichend Plotpunkte bieten würde: eine heiße Affäre, ein kalter Mord, eine Gerichtsverhandlung, ein Urteil. Aber das ist nur die Oberfläche der Geschichte, die der Hauptfigur Meursault den Rahmen bietet, um über Fragen der Sinnhaftigkeit von diesem oder einem anderen Leben nachzudenken.

Auch Ozon scheitert letztlich daran, diese Ebene genug zu ergründen. Während die erste Hälfte des Films, die uns in ein paar Tage im Leben des jungen Meursalt entführt, ziemlich gelungen die heiße Stadt und den erfrischenden Strand sowie Meursaults dortiges, antriebsloses Dahinleben zeigt, das aber mehr aus einer philosophischen Konsequenz denn aus simplem Slackertum entsteht, scheitert die zweite Hälfte von Gerichtsverhandlung bis letztlichem Ende daran, Meursaults Zweifeln an Gott, der Welt und dem Sinn die nötige Tiefe zu geben.
Eben die zärtliche Gleichgültigkeit der Welt auch in Bilder zu übersetzen.

I can turn and walk away, or I can fire the gun
Staring at the sky, staring at the sun
Whichever I choose, it amounts to the same
Absolutely nothing

Bugonia (2025, Yorgos Lanthimos)
zur Leihe

Mit seiner zunächst recht geradlinigen Geschichte um die Entführung einer Pharmazie-Firmenchefin scheint „Bugonia“ der zugänglichste aller Filme von Yorgos Lanthimos, des Großmeister der Greek Weird Wave, zu sein.

Doch natürlich gibt sich Lanthimos nicht mit einer Coen-esquen Geschichte um zwei Trottel zufrieden, die sich an ihrem Masterplan heillos verheben. Denn „Bugonia“ ist auch politischer Kommentar zur Jetztzeit, dem Verschwörungswahn und den Rabbit Holes des Internet. Aber noch viel stärker wirkt er als Analyse des Neokapitalismus und wie entmenschlicht dieser hinter seiner aalglatten Atmosphäre wirkt, wirft man durch Lanthimos Augen einen Blick darauf.

Die Performances sind mit die besten des Jahres: der eh immer gute Jesse Plemons spielt sich hier in Philip Seymour Hoffman – Höhen und Emma Stone ist in der Genauigkeit ihrer Ausdrucksfähigkeit kaum minder faszinierend.

Dennoch hat mich „Bugonia“ weder so richtig gepackt noch genug verstört, verdient aber sicher auch noch einen zweiten Blick. (6/10)

Hollywood 90028 (1973, Christina Hornisher)
auf mubi

Ungewöhnliche Mixtur aus Exploitation und Liebesmelancholie. Der Porno-Kameramann mit Kindheitstrauma flaniert durch die dunkelsten Ecken von Los Angeles und ermordet bei den Liebeleien seine Partner. In zwei längeren Sequenzen sehen wir Mark und die beiden respektiven Flirts einen schönen Tag miteinander verbringen und bei emotionaler Annäherung zu, doch dass am Ende Mark eben nur Morden statt Lieben vermag.

Diese Gleichzeitigkeit aus Sex, Porno, Tod und schönen, in ausgiebiger Länge beobachteten Flirts ist wirklich anders, weil die Sleaze-Komponente so gar nicht zur liebevollen Annäherung in den Tagesmomenten passen mag. Das verstört durchaus, hat aber auch seine Längen.

Das Ende von „Hollywood 90028“ ist allerdings dann in der letztlichen Akzeptanz der eigenen Unmöglichkeit wirklich maximal trostlos (positiv gemeint). (5/10)

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