vonChristian Ihle 28.01.2026

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Ricky Gervais: Mortality (2025, Stand Up Special)
auf Netflix

Besser als das letzte Gervais-Special, das nicht etwa wegen seiner Provokationen problematisch gewesen wäre, sondern mehr weil die Hälfte von „Armageddon“ klang, als würde Ricky die Bühne des Auftritts nur nutzen, um widerspruchsfrei mit seinen Twitter-Trolls streiten.

Immer noch ist er hinsichtlich Free Speech etwas zu diktatisch, was natürlich in 2025 bei einem Ricky-Gervais-Special auch wirklich überflüssig ist, denn das ist nun wirklich standup to the converted.
Im letzten Drittel dann amüsant, wenn Gervais Backgroundstories zu seinen legendären Golden-Globe-Moderationen erzählt.
Versöhnlicher als vor 2 Jahren, aber auch keine Schenkelklopfer-Parade. (6/10)

Abigail (2024, Tyler Gillett & Matt Bettinelli-Olpin)
auf Prime

Ein Film, der komplett in zwei Teile zerfällt. Der erste Part ist ein schöner Entführungskrimi mit oceanseleviger Bandenbesetzung, der zweite Teil leider Vampirquatsch. Hat für mich überhaupt nicht zusammengepasst, könnte vielleicht noch etwas besser funktionieren, wenn man den Twist nicht erwarten würde, was aber dank Marketing & Filmbildern unmöglich war. (5/10)

Cerro Torre: Schrei aus Stein (1991, Werner Herzog)
auf JOYN

Ein oft vergessener, wenig geliebter Herzog-Spielfilm, der in seiner Filmographie schon allein deshalb eine Sonderstellung einnimmt, weil Werner hier ein fremdes Drehbuch verfilmt. Sein langjähriger Kompagnon Walter Saxer war hauptsächlich für das Script verantwortlich, nach einer Idee von Reinhold Messner. Herzog war aber wohl unglücklich über das Drehbuch, denn er hat sich auch später darüber beschwert, dass er inhaltlich nicht genug ändern durfte.

Gerade der Mittelteil dieser Geschichte um zwei Extrem-Bergsteiger im Wettkampf um Gipfel und Frau zieht sich doch sehr, wirkt ganz ziellos. Aber Herzog gelingen im letzten Drittel wirklich faszinierende Bilder, wenn die beiden Hauptfiguren auf den Kampf gegen die Natur zurückgeworfen werden. Was Herzog gerade gegen Ende filmt, gehört zum Besten des Bergfilms.

P.S.: Bemerkenswert ist auch die kuriose Besetzung des Films. Neben Hollywoodstars wie Donald Sutherland und Brad Dourif spielt der deutsche Freeclimber Stefan Glowacz quasi eine extreme Version seiner selbst und das italienische Kantgesicht Vittorio Mezzogiorno* seinen Gegenspieler um das Herz der „Lifeforce“-Sexbombe Mathilda May. Und Amelie Fried moderiert die Talkshow dazu.
* Mezzogiorno gewann den Hauptpreis in Venedig für seine Performance (6/10)

Die Kammer der toten Kinder (2007, Alfred Lot)
auf Prime

Heftige Giallo-Vibes in diesem Bizarro-Thriller aus Frankreich!
In seiner ersten Hälfte, wenn der Film zwei zunächst nicht zusammenhängende Geschichten über eine Kindesentführung und eine Autofahrt mit tödlichem Ausgang erzählt, ist „Die Kammer der Toten“ auch dank einer äußerst präsenten Mélanie Laurent wirklich überzeugend.

Als der Giallo-Lederhandschuh über die Geschichten zu streicheln beginnt, war ich noch feuerflammiger als zuvor. Doch dann verliert sich Alfred Lot mit seinem Film in wirklich zu vielen Subplots, die immer absurder werden, und manchmal (Babymord!) dann auch Grenzen überschreiten, die nicht nötig gewesen wären, um seinen Film zum Ende zu bringen. (5/10)

Martin (1977, George A. Romero)
auf Prime

Äußerst ungewöhnlicher Vampir-Film vom Zombie-Großmeister George A. Romero.

„Martin“ ist mehr eine atmosphärisch bedrückende Geschichte über einen älteren Teenager, der keinen Zugang zu Menschen, Liebe oder Sex findet. Ob Martin nun wirklich ein Vampir ist oder sich nur selbst dieser Illusion hingibt, um so als Anderes Ich einen Drang ausleben zu können, den er in seinem normalen Selbst nicht auf gesunde Weise erleben kann, bleibt lange im Ungefähren. Gespiegelt wird dies durch seinen Onkel, der selbst einem Vampirjagd-Wahn erlegen ist und mit Kirche, Kreuz und Knoblauch die Umtriebe des Enkels zu bannen sucht.

Vielleicht wird „Martin“ am Ende doch etwas zu eindeutig, um gänzlich im Ungefähren zu bleiben – was mir lieber gewesen wäre, denn das letztliche Ende der Geschichte hätte doch weit mehr Kraft, wenn der Wahn und nicht der Vampir real gewesen wäre? (7/10)

Edgar Wallace – Das Rätsel des silbernen Halbmonds (1972, Umberto Lenzi)
auf Prime

Zwar offiziell noch der als letztes gedrehte Edgar-Wallace-Film aus der Rialto-Ära, aber sowohl inhaltlich als auch stilistisch ein klassischer italienischer Giallo von Umberto Lenzi. Da blitzen die Messer im Gegenlicht, fuchteln die Lederhandschuhe im POV! Als Zugeständnis für die deutschen Edgar-Wallace-Ecke darf dafür aber Uschi Glas die Hauptrolle bekleiden. Zwar hat „Das Rätsel des silbernen Halbmonds“ deutlich mehr Style, Sleaze und Nacktheiten als die betulich-kuriosen deutschen Edgar-Wallace-Filme, aber so richtig spannend ist dieser Ausflug vom nebligen London ins sonnendurchflutete Rom auch nicht geraten, auch wenn das Urteil des Lexikon des internationalen Films dann doch zu hart ist: „Langweiliges Trivialkino ohne Witz und Tempo.“ (5/10)

Kinjite: Forbidden Subjects (1989, J. Lee Thompson)
auf Prime

Nicht so herrlich durchgeknallt wie die 1983er Bronson-Thompson-Kollaboration „10 to midnight“, aber immerhin unterhaltsamer als ihre sehr öde „Death Wish 4“-Zusammenarbeit. Die Actionszenen leiden natürlich wie schon im zwei Jahre zuvor gedrehten „Death Wish“-Sequel darunter, dass Bronson in der Zwischenzeit als 69jähriger selbst für einen 80ies-Faustkampf zu gerontig wirkt, so dass „Kinjite“ hinsichtlich Schauwerte wirklich nichts liefert.

Es gibt allerdings Untertöne, die den Film unangenehm machen können. Den Rassismus gegenüber Asiaten nehme ich mal dahingehend hin, dass er im Film selbst thematisiert wird und, zumindest für Bronson-Verhältnisse, gar am Ende als überwunden gelten darf. Doch der bizarre Dialog zwschen Bronson und einem Pfarrer, der doch recht deutlich zwischen den Zeilen tendenziell pädophile Inzest-Neigungen bespricht, ist schon, eh, eigen für den Helden eines Films. (5/10)

Damit ist die Sache für mich erledigt (1979, Jean-Jacques Annaud)

Es gibt verhältnismäßig wenig Spielfilme aus dem Fußball-Umfeld.
Jean-Jacques Annaud, später Weltruhm dank „Der Name der Rose“, drehte 1979 „Damit ist die Sache für mich erledigt“ über einen Spieler von Trincamp, dem durch Machenschaften seines eigenen Präsidiums eine Vergewaltigung untergeschoben wird.

Natürlich spielt das als Komödie (Frankreich!). Tonal wirklich oft befremdlich und nicht einmal mit ‚aus der Zeit gefallen‘ begründbar. Positiv bleiben eigentlich nur zwei Aspekte zu vermerken: die Fußballszenen sind mit ihrer angenehmen End70er-Fußball-Patina gelungen gefilmt und Hauptdarsteller Patrick Dewaere überzeugt als Hitzkopf with a cause. (4/10)

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