vonChristian Ihle 03.02.2026

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

Mehr über diesen Blog

No Other Choice (2025, Park Chan-wook)
im Kino

Park Chan-Wook bleibt einer der einfallsreichsten Stilisten des Kinos weltweit: wieviele überraschende Übergänge, kreative Kamerafahrten und tolle Tableaus der Südkoreaner hier baut! Ein Feuerwerk kreativer Ideen. Da verblasst die Geschichte des Films dagegen, eine kapitalismuskritische Farce, die nach langsamen Beginn immer grotesker wird. „Parasite“ mag inhaltlich ein naheliegender Referenzpunkt sein (nicht nur aufgrund der südkoreanischen Herkunft, die beiden Filmen hinsichtlich ihres Blicks auf die Gesellschaft eingeprägt ist), doch Parks „No Other Choice“ franst mehr aus. (7/10)

The Strangers: Chapter 1 (2024, Renny Harlin)
auf Amazon Prime

„Chapter 1“, der dritte Teil von „The Strangers“ ist, wie der Titel schon andeutet, eher ein Re-Start und damit Beginn einer neuen Trilogie (wer immer das bestellt hat?).

Wobei Re-Start, Remake, Sequel, Whatever ja gerade beim „The Strangers“-Grundkonzept an sich schon absurd ist, liegt der Kern der Strangers-Geschichte doch gerade in seiner Nicht-Geschichte. Was den originalen Home-Invasion-Slasher von 2008 damals so unglaublich effektiv und nervenzerreissend spannend gemacht hatte, war ja gerade der völlig fehlende Rahmen, in dem seine Grausamkeiten stattfinden. Dadurch wurde „The Strangers“, zumindest im ersten Versuch, auf ein existentialistisches Moment zurückgeworfen, das jegliche Traumata zur Begründung von Täter- und Opfer-Handlungen ausgelacht hätte. „The Strangers“ war ein maskentragender Mittelfinger der elevated Horror – Idee gegenüber.

Die pure Bösartigkeit seines Ansatzes hat zwar den ersten Aufschlag so effektiv ins Feld gebracht, aber ergibt natürlich bei jedem Folgeversuch weniger Punktgewinne. So bleibt „The Strangers: Chapter 1“ auch bestenfalls ein vom alten Fährensmann Renny Harlin ganz ordentlich inszenierter 08/15-Slasher, dem jegliches Mehr fehlt. Dass Harlin zudem die meisten Jump Scares schlicht aus „jetzt ist er da! jetzt ist er weg! jetzt ist er dort“-Inszenierungen gewinnt, die man beim ersten Mal vielleicht noch erschreckend (Duschszene!), aber bei jeder weiteren Verwendung zunehmend ärgerlich findet, mindert auch das rein handwerkliche Lob, wenn man das mal so nennen will. (5/10)

Blutige Seide (1964, Mario Bava)
auf Amazon Prime

Ein farbenprächtiger Giallo und zugleich Gründungswerk des Genres. Mario Bavas Thriller von 1964 legt bereits all die Grundsteine, auf denen das Giallo-Genre die nächsten 15 Jahre fußen wird: Ein lederhandschuhter Serienkiller, eine Riege an mysteriös schauenden Verdächtigen, absurde Plotwists, Blut und Brüste.

Vor allem stilistisch ist „Blutige Seide“ vielen seiner Nachfolgern überlegen, hat dank Bavas Händchen für Farbkombinationen einen prächtigen Look, den vielleicht nur Argento in diesem Genre noch übertroffen hat. Im Gegensatz zu späteren Giallo-Filmen ist die Sleazyness noch nicht so weit im Vordergrund, aber dafür wirkt „Blutige Seide“ eben auch nicht wie ein billig heruntergedrehtes Serienkillerfilmchen, sondern fast schon opulent. Die Spannungsschraube hätte Bava zwar für mein Gefühl mehr andrehen können, aber dennoch bleibt „Blutige Seide“ eine Empfehlung. (6/10)

The Last Horror Film aka Maniac 2 (1982, David Winters)
auf Amazon Prime

„The Last Horror Film“, der in den USA unter dem treffenden Titel „Fanatic“ und in Deutschland unter dem unsinnigen Namen „Maniac 2“ vermarktet wurde, ist ein recht faszinierender Früh-80er-Slasher, der vor allem durch seine guerillastyle gedrehten Backdrop-Szenen während des Cannes-Filmfestivals eine weitere Ebene gewinnt, die ihn doch recht einzigartig machen.

Im Zentrum der Geschichte steht Vinny, ein New Yorker Taxifahrer, der so gern Horror-Regisseur wäre. Besessen von der Idee, die Schauspielerin* Jana Bates zu überzeugen, in seinem nichtexistenten Film mitzuspielen, fährt er nach Cannes und belästigt Agenten, Produzenten, Schauspieler bis er gänzlich durchdreht. Joe Spinell (aus „Maniac“, daher der deutsche Titel) brilliert hier, weil er den verschwitzten Wahnsinn seiner Figur so greifbar macht. Hier ist nichts außerweltlich oder mysteriös, sondern Spinell einfach ein lebendiges Bild ans Ende gedachter menschlicher Obsession, die sich dank der Demütigungen des Alltags in wilden Wahnsinn zuspitzt. (7/10)


* herrlich ist die kurze Szene der Cannes-Jury-Sitzung, die einen Horrorfilm anschaut, und folgend sich auf einer Stimmkarte zwischen „Jana Bates“ und Meryl Streep für beste Schauspielerin des Festivals entscheiden muss.

Im Schatten von Roubaix (2019, Arnaud Desplechin)
in der ARTE Mediathek

Sieht nicht nur aus wie eine überlange TV-Folge einer beliebigen Fernseh-Krimi-Serie, „Im Schatten von Roubaix“ ist auch ähnlich elanlos erzählt. Dass sich die anfangs noch halbwegs interessante Verschränkung verschiedener Storylines am Ende schlicht in einem sehr sehr langen, repetititven Austausch zwischen Polizei und einem verdächtigen Paar erschöpft, mag vielleicht mit gutem Willen als realistische Abbildung von Polizeiarbeit angesehen werden, zur Unterhaltung oder irgendeinem anderen filmischen Mehrwert trägt das nicht bei.

Zusätzlicher Malus-Punkt: die fürchterliche Erkan&Stefan-Synchronisation der deutschen Fernsehfassung, die alle Figuren mit migrantischem Hintergrund schlimm radebrechen lässt. (3/10)

The Wanderers (1979, Philip Kaufman)
auf Amazon Prime

Mehr Needle Drops als in „American Graffiti“!
„The Wanderers“ erzählt über das Vehikel von Gang-Streitigkeiten vom Erwachsenwerden in den frühen 60ern und durchsetzt die immer etwas comichaft überzeichnete Grundthematik mit großer Nostalgie für eine verloren gegangene Zeit, die sich vor allem dank der 60ies-Jukebox-Hits von Dion bis The Angels ins Herz bohrt.

Doch Generation um Generation bleibt es dabei, dass irgendwann die Harschheit des Erwachsenwerdens eintritt und die wilde Unbekümmertheit der Jugend an den Nagel gehangen werden muss wie die formschöne Jacke deiner Teenie-Gang. Zuweilen übertreibt es Philip Kaufman mit der Karikatur des Ganglebens, aber in den einzelnen Figuren steckt schon genug individuelles Sehnen nach einem guten Leben, dass sein Film am Ende trotzallem genügend schwermütige Noten anschlägt, um ernst genommen werden zu können.

P.S.: in meinem Kopf waren „The Wanderers“ und „The Warriors“ immer der gleiche Film. Jetzt erst gemerkt, dass beide im gleichen Jahr mit ähnlichem Titel und auf ersten Blick gleichem Sujet erschienen sind, aber doch zwei grundverschiedene Werke sind. (6/10)

Kompromat (2022, Jérôme Salle)
auf Amazon Prime

Klischeebeladener, aber auf einem wahren Fall beruhender „Unschuldiger kommt ins Gefängnis“-Film, der hier den besonderen Twist hat, dass das Gefängnis in Russland liegt und der Unschuldige Franzmann ist.

Bei all seiner Vorhersehbarkeit effektiv genug gemacht, um ordentliche Genre-Kost zu sein. (6/10)

Anzeige

Dir hat der Beitrag gefallen? Teile ihn über Social Media. Du möchtest etwas dazu sagen? Weiter unten gelangst du zu den Kommentaren.

https://blogs.taz.de/popblog/2026/02/03/filmtagebuch-von-suedkoreanischer-kapitalismuskritik-zu-the-wanderers/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert