vonChristian Ihle 18.02.2026

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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The Moment (Aidan Zamiri)

Charli xcx popkulturerschütterndes Album „Brat“ erhält seine Mock-Documentary-Behandlung.
„The Moment“ erzählt fiktionalisiert, wie Charli xcx vom Ruhm überrannt wird und an den Begehrlichkeiten des Business verzweifelt. Um ein „This Is Spinal Tap“ des zeitgenössischen Electro-Pop zu werden, fehlt „The Moment“ zwar die Entschlossenheit, seine Hauptperson auch der Lächerlichkeit preiszugeben, dennoch wirft ihr Film ein schönes Schlaglicht auf den Wahnsinn des Pop-Musik-Business.

Auch wenn Charli xcx mit „Brat“ ungeahnten Erfolg hatte, so ist sie keine Übernacht-Entdeckung (wir hatten sie hier in einem Artikel von 2012 bereits als Tipp für next big thing, just sayin!). Im Gegensatz zu vielen anderen KünstlerInnen ihrer Sphäre hat sich Charli immer eine coole Edgyness bewahrt, die sie vor zu großer Gefälligkeit schützt. Und genau hier setzt der Film an: durch den einen Sommer beherrschenden Erfolg ihrer Platte wachsen die Begehrlichkeiten des Business, wo verzweifelt überlegt wird, wie aus der giftgrünen Zitrone noch mehr herauszupressen* wäre. Eine Brat-Kreditkarte, klar. Ein Brat-Konzertfilm, sowieso.

„The Moment“ erzählt nun von der versuchten Domestizierung der Charli xcx. Wie versucht wird, aus ihr eine mainstreamtaugliche Taylor zu machen, ihre Konzerte coldplayisiert werden könnten, wie man sie aus dem dunklen Club zerren kann, um sie lieber auf Amazon Prime zu verwursten. Das alles kulminiert vor allem in der Figur von Alexander Skarsgård, der aufs herrlichste seinen Charakter quasi als Jim Carrey, der einen blasierten Konzertfilmregisseur spielt, anlegt.

„The Moment“ ist fast berührend, wird hier doch für eine junge Generation die alte Sell-Out-Diskussion der Punk-Ära noch einmal aufgeführt. Nur dass es hier keine politischen Ideale zu verraten, sondern schlicht die Coolness zu verlieren gibt. Aber wenigstens führt Charli xcx überhaupt noch einen inneren Kampf darum, was sie bedeuten mag und ab wann sie von der Masse aufgefressen wird. Gut, 1 Million Pfund verbrennen wäre sicher ein deutlicheres Statement, aber hey, für Pop in 2026 ist man auch darum schon froh. (7/10)

* es gilt eben auch für Charli xcx der ewige Satz der Plattenfirma an Dr Randfichten von Holzmichel-Fame:

„Was ihr macht, das ist sehr schön, aber da ist viel mehr Saft in der Zitrone, und die würden wir gern mit euch auspressen“.

Die Blutgräfin (Ulrike Ottinger)

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Die in der Zwischenzeit 83jährige deutsche Regisseurin Ulrike Ottinger holt noch einmal zu einem großen Alterswerk aus. „Die Blutgräfin“, ihre Erzählung der schön häufiger verfilmten Geschichte der Elisabeth Báthory (unter anderem in einer völlig misslungenen Version von Julie Delpy mit Daniel Brühl, 2009 auf der Berlinale), ist dem Vernehmen nach mit einem Budget von 8 Millionen Euro und einigem Starpotenzial dank Isabell Huppert, Birgit Minichmayr und Lars Eidinger ein erstaunlich großer Wurf. Ottinger gibt sich ganz der Campness ihrer Vampirgeschichte hin, vermeidet dabei aber jedes Abgleiten in Trash-Gefilde. Wie erfrischend es ist, mal einen Film sehen zu dürfen, der handwerklich guter Camp ist! So gut, dass ich selbst eine Conchita Wurst – Performance in einem Wiener Grab anrührend fand (ein Satz, von dem ich niemals dachte, dass ich ihn schreiben würde). Darüber hinaus ist Ottingers „Blutgräfin“ auch eine Hymne auf das alte Wien, seinen Untergrund und nicht zuletzt auf die Buchteln im Café Hawelka. (7/10)

Heysel 85 (Teodora Ana Mihai)

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Es ist eine der größten Katastrophen des europäischen Fußballs: das Europapokal-Finale 1985 zwischen Juventus Turin und dem FC Liverpool im baufälligen Heysel-Stadion zu Brüssel. 39 Menschen starben vor Ort, das Spiel wurde dennoch angepfiffen, Juventus zum Sieger gekürt.

„Heysel 85“ spielt in leicht geraffter Echtzeit und verdichtet so die vielen Fehlentscheidungen zur irgendwann unausweichlichen Tragödie. Im Gegensatz zur zeitgenössischen Reaktion, die einen einfachen Sündenbock in den damals (durchaus zu recht) berüchtigten englischen Hooligans fand, zeichnet Regisseurin Teodora Ana Mihai ein breiteres Bild, zeigt die Ignoranz und Eitelkeit der Verantwortlichen vor dem Spiel und ihre völlige Überforderung im Moment des Eskalation. Auch die bis heute große Frage, ob dieses Spiel angesichts der Leichenberge hätte angepfiffen werden sollen, wird in ausgiebigen, uns Zuschauer beinah wahnsinnig machenden, Schuldzuweisungsdiskussionen zwischen den Bürokraten verhandelt.

Ein starker, wuchtiger Film. (7/10)

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