Ja, ich weiß, es ist erst Mitte Februar, aber, hey, wenn’s doch die Spatzen von den Dächern singen? Das Debüt-Album von Frau Lehmann ist die bisher beste Platte des Jahres!
Die Leipziger Band um Fiona Lehmann ist trotz Debüt hier im Popblog keine Unbekannte, hatten wir doch bereits 2022 ihre EP wärmstens empfohlen und auch schon als Support der Fast-Weltweit-Legenden JETZT! live für gut befunden.
Und doch ist das gerade erschienene, erste komplette Album „Trost & Trotz“ noch einmal eine allerschönste Überraschung, haben Fiona & Band doch ihre Idee von chasonesquem Kneipenpunk weiterentwickelt und gehören jetzt hinsichtlich Tresen-Lieder direkt neben Regener und Bamborschke ins Triumvirat der heimischen Musik. Neben den offensichtlichen Geschwistern im Geiste von Isolation Berlin schaut nun aber auch immer ein rösingerhafter Schalk in diesen Songs vorbei, erinnern Frau Lehmanns Lieder aufs Beste eben an die Lassie Singers und Britta, gerade wenn zwischen all den getrunkenen Bieren auch die Fragen des Herzens (oder einmal auch: trockener Vulva) & des Frauseins mit bester Nonchalance besungen werden.
Wenn das alles noch nicht für eine Empfehlung mit Sternchen reichen würde, hat Fiona Lehmann zudem die nach meinem Wissen beste deutschsprachige Lyrics-Stelle über den ungarischen Meister-Regisseur und Arthouse-Giganten Bela Tarr im Gepäck:
„Gestern schien die Sonne / Doch es hat mich nicht gejuckt /
Ich stand auf einer Brücke / und hab hinabgespuckt /
Ich ging gestern ins Kino / Programmkino na klar /
Die anderen Leuten wollten Fun / Ich wollte Bela Tarr“
* Die drei besten Punksongs/-singles?
SCHGRAMPF – Anarchisten weinen nicht (die Version von Gülleschiss ist auch nicht zu verachten)
Hans-A-Plast – Für ’ne Frau
Knochenfabrik – Glücklich
* Ein Song, der Dich immer zum Tanzen bringt?
NOFX – All Outta Angst und Elton John – Yellow Brick Road
* Die interessanteste / beste „neue“ Band/Künstler ist?
Joanna Sternberg:
„This is not who I want to be“ war mein Einstieg und hat bei mir durch die radikale Verletzlichkeit ohne jegliche Selbstinszenierung sofort Resonanz erzeugt. Gegen Trauma hilft mehr Trauma und das ist hier mit dem Umfang an Authentizität erfüllt, nach dem ich in Musik immer suche.
* Deine liebste deutschsprachige Textstelle?
Es gibt nur cool und uncool und wie man sich fühlt
…oder jede andere Zeile von Tocotronic
* Der beste Song über Revolte, Aufruhr und Revolution?
Nina Simone – Ain’t got no, I got Life
* Der beste Song, den Du je geschrieben / aufgenommen hast?
Melancholia, da hab ich selber ein bisschen gestaunt
* Der beste Film über Musik? Und warum?
Detroit Rock City (1999) weil der Lust auf Rockmusik macht, zumindest bei mir, als ich 12 war. Oder Inside Llewyn Davis (2013), der zeigt, wie schmerzhaft und gleichzeitig erfüllend ein Leben als Musiker:in ist. Oder aber Glenn Gould – Jenseits der Zeit (2006), der die transzendentale Kraft von Musik sehr intensiv erfahrbar macht.
* Isolation Berlin, Element of Crime oder Acht Eimer Hühnerherzen – und warum?
Alles gute Bands, aber Isolation Berlin sind mir am nächsten. Die Texte sind poetisch, aber dennoch sehr direkt und ungekünstelt. Auch hier ist es die Authentizität, die ich erfahre, die ausschlaggebend ist für mich.
* Dein liebster KünstlerIn/Band aus Leipzig ever?
Johann Sebastian Bach oder Gründe Gegen KindA, schwierig sich dazwischen zu entscheiden.
* Der beste Song im letzten Jahr war…?
24/7 Diva Heaven – L.O.V.E. FOREVER
* Die beste deutsche/deutschsprachige Platte?
Christiane Rösinger – Lieder ohne Leiden
* Die beste Platte aller Zeiten?
Lieber würde ich sterben, als diese Frage endgültig zu beantworten. Aber ich greife wahllos aus einer Million Optionen: Moondog – H’art Songs
Die neue Platte von Frau Lehmann ist gerade erschienen: