vonChristian Ihle 09.03.2026

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Man kann es bloß vermuten, aber ursprünglich war diese Musik sicher nicht für die Verwendung im Berliner Metropol gedacht. Die Glasgower Band Belle & Sebastian hatte die zehn Lieder ihres Albums „If You're Feeling Sinister“ 1996 nicht nur in Sozialteestuben, Kirchengemeindehäusern und WG-Küchen gefertigt, sondern auch für sie. Für Orte, an denen man zur Not auch ohne allzu große Soundanlage spielen
und als schüchterner Zuhörer weit hinten sitzen kann, in Nähe der Ausgangstür. Für Räume, in denen eine junge Band sich auch ohne Krach wieder auflösen kann, wenn die Musikerinnen und Musiker merken, dass es doch nicht ganz das Richtige für sie ist. Oder sie glauben, in wenigen Songs schon alles gesagt zu haben.

30 Jahre später sieht die Lage, wenig überraschend, komplett anders aus. Es gibt Belle and Sebastian noch, geradezu mehr denn je, mit weiterhin fünf Mitgliedern von damals. Das Metropol-Theater am Nollendorfplatz ist voll, rund 1200 Leute, am zweiten Abend in Folge. So voll, dass die Thekenschlangen teilweise schon auf der Balkontreppe starten. Am Vortag, als die Band hier ihr Debütalbum „Tigermilk“ in Gänze spielte, als nostalgischen Recap, war es offenbar noch ein kleines bisschen schöner. Hört man jedenfalls als Raunen aus der Menge der vielen, die sich Karten für beide Abende gekauft hatten.
Heute ist „If You're Feeling Sinister“ dran, die Platte, die 1996 exakt am Tag des Telekom-Börsengangs erschien und für die allermeisten die erste Begegnung mit der Band war (weil es „Tigermilk“ damals nur als superrare Privatpressung gab). Und ja, es ist schon lustig, wenn man den Belle-and-Sebstian-Sänger Stuart Murdoch heute als quergestreiften, extrovertierten Entertainer erlebt, der aus dem schönen, alten Selbstzerknirschungs-Madrigal „Get Me Away From Here I’m Dying” so etwas wie die
große Ode zum Frühlingsfest der Indievolksmusik macht: „Think of it this way, you could either be successful or be us.“ Die Ironie, solche Zeilen auf einer Jubiläumstour zu singen, die bald noch quer durch Amerika führen und im September in Japan enden wird, entgeht ihm nicht.

Dass sich hier heute Abend natürlich eine spezifische Popkohorte selbst feiert, in Polka-Dots und bretonischen Fischerhemden, mit Harrington-Jacken und Bubikopf-Haarschnitten, das ist absolut recht und gar nicht mal so billig. Belle and Sebastian und ihre Zeitgenossen stehen ja für den historischen Moment, in dem der frühere Twee-Underground plötzlich zum validen Modefaktor wurde. Als die in den
Achtzigern beschworene „Revenge of the Nerds“ tatsächlich stattfand, zu teilweise allergrößter Überraschung.

Das Selbstbewusstsein, das allen Beteiligten in der Zwischenzeit gewachsen ist, steht den alten Songs dabei überaus gut. „Me and the Major“ klingt im Metropol wie eine rasende Dustbowl-Zugfahrt, aus dem Dramolett „Judy and the Dream of Horses” machen Murdoch und seine sechsköpfige Kollegenschaft eine herrliche, gigantische Oper. Im Zugabenblock inszeniert Murdoch dann zum „Boy With The Arab Strap“ (wie schon am Vorabend) eine Bühneninvasion für die erste Reihe, weniger schüchtern geht es kaum. Nur Alexandra Klobouk will nicht nach oben, die legendäre „Catastrophe Waitress“, die der Sänger im Publikum entdeckt und immerhin kurz interviewt. Klobouk hat inzwischen einen brillanten, völlig unkatastrophalen Ruf als Illustratorin und Autorin. Noch eine, deren Dödeljahre längst vorbei sind. Einen einzigen Song gibt es an diesem Abend zu hören, der jünger als 23 Jahre ist: „Little Lou, Ugly Jack, Prophet John“ von 2010.

Es bleibt die nachhallende, kaum zu lösende Denksportaufgabe: Wenn Belle and Sebastian heute einerseits ihre großen Alben viel besser spielen können als damals, warum schaffen sie es dann gleichzeitig nicht mehr, auch nur annähernd ähnlich gute Songs zu schreiben? Vielleicht ist die Erkenntnis am Ende schlecht für die Kunst. Vielleicht vergeuden sich die meisten auch einfach zu schnell. Oder, dritte Option: Vielleicht sind gar nicht die Platten von Belle and Sebastian über die Jahrzehnte schlechter geworden – sondern unsere Ohren besser. Es ist nichts Ehrloses daran, vor allem zu guten Erinnerungen zu tanzen, solange einem halbwegs klar ist, was man da tut. Die Realität hatte einen ja auch nach dem grandiosen Monopol-Konzert wieder, schnell genug.

(Text: Joachim Hentschel,
Bilder: Christian Ihle vom Vorabend)

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