vonChristian Ihle 27.03.2026

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Alter weißer Mann (2024, Simon Verhoeven)
Netflix

Meinen Erwartungen entsprechend landet „Alter Weißer Mann“ von Simon Verhoeven in der belanglosen Egalheit, ist aber immerhin noch nicht bescheuert genug, um so hart zu nerven wie viele Schweiger/Schweighöfer-Filme.

Wahrscheinlich fühlt sich „Alter weißer Mann“ trotz all seiner Hot Topics in Sachen Humor so zahnlos an, weil er eben doch immer versucht, den middleground zu suchen. Respekt vor dem Anderen hat der Film schon, das Leben in Wokeistan hält er aber ebenso für eine Katastrophe. Doch fehlt es dem Drehbuch (Verhoeven selbst) an der nötigen intellektuellen Schärfe, um diese Diskussion über das gute Leben aller so zuzuspitzen, dass einerseits Dialoge & Plot-Entwicklung nicht so vorhersehbar werden würden und andererseits diese Gespräche tatsächlich einmal etwas auszusagen, das über den Konsens einer Anne-Will-Sendung hinaus geht. (5/10)

Materialists (2025, Celine Song)
Netflix

In seiner ersten Hälfte eine schön zugespitzte RomCom-Satire auf Liebe als commodity, die aber im letzten Akt ihren Biss verliert und mehr selbst RomCom-Drama wird.

Zum Gutteil hatte ich allerdings großes Vergnügen mit „Materialists“, auch wenn ich es äußert verwunderlich finde, dass Celine Song dies als zweiten Film gedreht hat. Ihr „Past Lives“-Debüt war ja ein Wunder an zurückhaltender, genau beobachtender Analyse der Unmöglichkeiten von Liebe. „Past Lives“ war zwischen den Zeilen so viel lauter als in seinen Dialogen – und wie toll, wie echt war das?

„Materialists“ ist dagegen beinah schon stumpf in der direkten 1:1-Aussprache seiner Themen. Liebe als Deal, Heirat als erfolgreiches Signing, Marktwertdiskussionen, Marketing-Bingo bis zu ausdiskutierten Product-to-Market-Fits seiner Protagonisten.

Wenn „Past Lives“ Obama war, ist „Materialists“ Trump. (6/10)

Kill the Jockey (2024, Luis Ortega)
mubi

Surreale Thriller-Groteske, bei der ich nicht einmal in Ansätzen verstanden habe, um was es hier gehen soll.

Einige schöne Bilder, ein sich ins Gedächtnis fräsender Needle Drop zu „Still“ von Acid Arab, aber sonst viel Leerlauf und substanzlose Rätselhaftigkeit. (3/10)

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The New Yorker at 100 (2025, Marshall Curry)
Netflix

Eine berechtigte Hagiographie über das beste journalistische Magazin der Welt (ich mein, wenn der größte Kritikpunkt deines Films ist, dass das berühmteste „Doku-Fiction“-Buch und Year Zero fürs komplette „True Crime“-Genre, nämlich Truman Capotes „In Cold Blood“, zuerst im New Yorker als Reportage veröffentlicht wurde, kann man sich vorstellen, wie hoch die Ehrfurcht von „The New Yorker at 100“ vor seinem Sujet ist).

Am schönsten sind die Einblicke in den Arbeitsalltag des Magazins, wenn die fast schon irrwitzige Sorgfalt in der Produktion dieser Texte herausgearbeitet wird. Vom Aufwand, den die Reporter betreiben, über den elaborierten Auswahlprozess der einzelnen Texte, Titelbilder und Cartoons bis letztlich zum Fact Checking Department – das alles in der Welt des Clickbaits und der Fake News der Social Media Ära zu sehen, ist so gut, dass es schon an ein absurdes Märchen grenzt, zu was Journalismus eben auch fähig wäre.

Schönste Geschichte: wenn das Fact Checking Dept erzählt, dass in der Zwischenzeit sogar die Schatteneintrittswinkel auf den Titelbild-Zeichnungen geprüft werden und selbstredend auch die Cartoons gefactchecked* werden. (6/10)


* Ursache des Cartoon-Fact-Checkings war dieser Sketch über einen Pinguin, der über sich selbst sagt „Actually, I prefer the term arctic-american“. Doch Pinguine leben nur am Südpol, nicht aber in der Arktik…

Mr. Nobody Against Putin (2025, David Borenstein)
in der arte Mediathek

Selbstredend interessant, einen Einblick in die russische Propaganda-Maschine von innen zu bekommen, wenn hier ein Lehrer mit Beginn der Ukraine-Invasion all die absurden Verlautbarungen und Fake-Events einer unablässigen Bullshit-Maschine mitfilmt. Dass Putin ganze Kübel an Unsinn über seine Bevölkerung kippt, überrascht natürlich nicht – die Plattheit der Propaganda und Stumpfheit der Manipulation dann aber doch.

Ansonsten hat der Oscar-Gewinner für den besten Dokumentarfilm aber nicht viel zu bieten, weder formal noch in seiner Erzählung, weswegen diese Ehrung dann doch etwas zu arg für einen Film erscheint, der in erster Linie mit seiner Haltung überzeugt. (5/10)

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