vonChristian Ihle 10.04.2026

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

Mehr über diesen Blog

Marty Supreme (2025, Josh Safdie)
im Kino

Ein wilder Ritt, ein Film der ständigen Bewegung.
Timothée Chalamet ist ganz hervorragend als unausstehlicher Emporkömmling, dessen schmierigem Charme und unbedingten Aufstiegswillen man sich dennoch nicht entsagen kann. Chalamet feuert seine Dialoge über die Leinwand wie sein Charakter Marty Mauser die Ping-Pong-Bälle über die Platte.

Josh Safdies mit Ronald Bronstein geschriebener Film wickelt Mauser in eine abstruse Geschichte, die auch von den Coens in ihrer imperialen Phase stammen könnte, spielt aber die Eskalationen nicht immer für den nächsten LOL, sondern verursacht doch den Stress der Existenz, wieder und wieder. So ist „Uncut Gems“ der Safdie-Brüder der logische nächste Verwandte, nur dass „Marty Supreme“ seine Erzählung in jeder Hinsicht weiter ausbreitet, geographisch nach Japan, zeitlich bis 149 Minuten, emotional in die Eskalation. (7/10)

Father Mother Sister Brother (2025, Jim Jarmusch)
im Kino

Drei kleine Episoden über Familienleben und im Besonderen die Beziehung zu den eigenen Eltern. Hat – wie immer bei Jarmusch – seine Momente, aber wirkt auch recht alterszahm. Ein eher überraschender Gewinner des Goldenen Löwen in Venedig.
Immerhin nicht so öde wie „Paterson“. (6/10)

Bird (2024, Andrea Arnold)
auf mubi

Mit „Fish Tank“ und „American Honey“ ist Andrea Arnold auf einem Ken-Loach-haften Pfad des soziorealistischen Kinos der abgehängten Schichten gewandelt. „Bird“ passt in diese Filmographie, doch ist so viel spielerische Wildheit in dieser sehr harten Geschichte um Teenager-Schwangerschaften, zerbrochene Familien, Drogenkonsum und Hausbesetzungen, dass Arnold einen Punkrockgestus des Fuck It All hier zufügt, der ihren neuesten Film sogar noch besser macht.

Barry Keoghan als gut 30 Jahre alter Vater zweier Kinder, der Fontaines-D.C.-grölend auf dem E-Scooter durch die Stadt fährt, ist erneut beeindruckend: wie er die Unangepasstheit seiner Figur ausdrückt, aber zugleich die Zärtlichkeit zulässt, die einen liebenden Papa in all seiner natürlichen Überforderung zeigt, ist so berührend wie die von ihm schrecklich schief gesungene Coverversion von Blurs „The Universal“ in der letzten Szene des Films:

Hier wurde ein eingebetteter Medieninhalt blockiert. Beim Laden oder Abspielen wird eine Verbindung zu den Servern des Anbieters hergestellt. Dabei können dem Anbieter personenbezogene Daten mitgeteilt werden.

The Life of Chuck (2024, Mike Flanagan)
auf amazon prime

In drei – chronologisch umgekehrten – Kapiteln erzählte Stephen-King-Verfilmung, die a) weniger Kitsch ist, als ich nach Trailer & Poster dachte, und b) für eine King-Verfilmung alles in allem sogar erträglich.

Das kingtypische Mystery-Geraune nimmt lediglich im letzten Part größeren Raum ein, am stärksten ist dagegen die völlig im Hier spielende Mittelepisode, die in einer längeren, beeindruckenden Tanzperformance von Tom Hiddleston kulminiert.

Was aber wirklich zu viel des Guten ist: der ständig bedeutungsschwanger durchplappernde Off-Kommentar. (6/10)

Man-Eater / Anthropophagous (1980, Joe D’Amato)
auf amazon prime

Berüchtigter Video Nasty von Joe D’Amato, der aber außer ein paar Gore-Szenen wirklich unfassbar öde ist.

Ein ganz ordentlicher Beginn sowie die dahinterliegende Tragik der Geschichte bieten eigentlich einen Startpunkt für einen gelungenen Horror-Depri-Streifen, aber „Antropophagus“ besteht in der Folge hauptsächlich darin, dass ununterscheidbare Figuren durch ein menschenleeres Dörfchen wandern und dort immer wieder dem Menschenfresser begegnen.

Hart durchzustehen, aber nicht etwas wegen der argen Szenen, sondern der großen Ödnis. (3/10)

Anzeige

Dir hat der Beitrag gefallen? Teile ihn über Social Media. Du möchtest etwas dazu sagen? Weiter unten gelangst du zu den Kommentaren.

https://blogs.taz.de/popblog/2026/04/10/filmtagebuch-von-marty-supreme-zum-man-eater/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert