Die Angst des Southgate vor dem Elfmeter…
Genau 30 Jahre nach dem einzigen Titelgewinnen der englischen Nationalmannschaft verschießt 1996 der junge Gareth Southgate gegen Andreas Köpke im Halbfinale der Europameisterschaft in England den entscheidenden Elfmeter. Keine Erlösung nach 30 years of hurt, weiter geht das ewige Warten und inständige Wollen.
Weitere 20 Jahre später, wir zählen nun 50 years of hurt, übernimmt Southgate den Job als Nationaltrainer. Er führt England zwar in zwei Finals und ein Semi, doch als Southgate wieder seinen Hut nimmt, heißt es dennoch: 60 years of hurt.
Der Pokal, er ist immer noch nicht nach Hause gekommen.
Es ist eine durchaus kuriose / weirde Entscheidung, die Ära Southgate, die trotz all ihrer Erfolge ein unbefriedigendes Gefühl zurückließ, zum Gegenstand einer TV-Serie zu machen. Denn weder kann „Dear England“ von der großen Katastrophe noch vom endgültigen Triumph erzählen, sondern bewegt sich – böse Zungen mögen anmerken: ganz wie Southgates Spielstil – in einem ewigen Moment des Ungefähren, des Fast, des Beinahe.
Dennoch ist „Dear England“ sehenswert, arbeitet die BBC-Produktion doch sehr gut heraus, für welche Projektionen alle zwei Jahre das Nationalteam herhalten muss, welch Last auf diese jungen Schultern geladen wird, wie sehr selbst erfahrene Multimillionäre immer wieder an dieser Erwartungshaltung zerbrechen.
Auch Southgates eigenes Drama, der verschossene Elfmeter gegen Andi Köpke, drängt sich mal um mal ins Bild, wieder und wieder läuft Southgate an, hält Köpke, hält Köpke, verliert England.
Auf technischer Ebene ist „Dear England“ ziemlich faszinierend, in einer so von mir noch nie vorher gesehenen Vermengung echter Szenen mit nachgestellten, verfremdeten Fußballmomenten und mit einem erstaunlichen Casting. Joseph Fiennes ähnelt Gareth Southgate bis in die Bartspitze und der Harry Maguire – Darsteller kommt bei aller Kopfballstärke aus dem Uncanny Valley gar nicht mehr heraus.
Eine der besseren Fußball-Serien, die ihre Sympathie für Southgate nicht verhehlt, aber dennoch fragt: will it ever coming home?