vonLeisz Shernhart 14.10.2022

Poetik des Postfaktischen

Zu viel Form für zu wenig Inhalt: Zur Rolle des Kulturschaffenden in der postfaktischen Gesellschaft. Betrachtungen ohne abschließende Bewertung.

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Die Stirn des Sardinenmannes ist ein Gedankensarg aus Blech, ein bleiernes Ideengrab. In solch einer eisigen Sphäre dürstet der Sardinenmann gänzlich leidenschaftsbefreit nach Enge seiner niederen und zerquälten Vorstellungswelt. Think small! Allein schon aus der Art, wie sein schütteres Haar pomadisiert und streng über die derartig verunstaltete, vernunftgegerbte Engstirn fällt, ist Ausdruck lebhaften Schmerzes und einer Unendlichkeit von Leere, welche sich einzugestehen der Sardinenmann sich pflichtgerecht und qualvoll versagt. Regungslos und starr verharrt der Sardinero in seinem ihm heilig gewordenen bescheidenen vaterländischen Korsett, geschnürt aus geistigem Absentismus. Bigotterie bestimmt sein beschämendes Dasein, symmetrisch und steif. Die vollkommene Regelmäßigkeit seiner Gesichtszüge versucht durch vermeintliche Sanftheit über offensichtlichen Starrsinn hinwegzutäuschen. Ein unerschütterliches Lächeln verschleiert die Ödnis, die sich dahinter verbirgt. Asketische Gewohnheit umspielt die schmalen Lippen des Sardinenmauls mit fahler Tönung. Entkommt ein Satz diesen Lippen, so enthüllt dieser gewohnheitsmäßig eine für bigotte Seelen eigentümliche charakterliche Dürrheit, orthodoxe Formel vorgetäuschten Glücks, welche auf höchstrichterliche Anordnung von einem abscheulichen Monstrum in Zwangsgewahrsam genommen wird. Das tyrannische Tribunal des Kanonikus fällt sein unerbittliches Urteil über jede seiner Äußerungen. Mit strammen Fußfesseln an einen knappen zerebralen Referenzrahmen gekettet, steht der Sardinenfreund mürrisch am Gartenzaun und begrüßt mit gezierter Güte den zurecht als Freigeist verdächtigten Anrainer, den im Verborgenen agierenden Künstler, hinter dem die Sardine leise auszuspucken pflegt. Anmut ohne Leidenschaft ist Betrug und der Sardinenmann ist ein Betrüger, ein impulsverödender Mörder der Freude. Ein Ehrenmann, der sich als Zuchtrute der Welt versteht, welche dem Künstler durch eine entsprechende Anzahl an Hieben gehörig den Hintern versohlt. In der feinen Gesellschaft stolziert der Sardinero gleich einem Kürassieroffizier, einem Husaren der kaiserlichen Garde, wobei er seine sozialversicherungspflichtig asserierten Epauletten nicht ohne Stolz spazieren trägt. Ein Maß an Muffig livrierter Mittelmäßigkeit garniert diesen gern gesehenen Gast der Gesellschaft von Sardinen. Zu derartigen Kreisen hat der Künstler keinen Zugang. Der Sardinenschwarm scheut die offene See, aus Furcht, die Kunst könne sie dort wie ein Haifisch mit einem vernichtenden Schlag kassieren. Glücklicherweise ahnt der Schwarm nicht, dass der Künstler, wenn überhaupt, allenfalls mühsam zur Verteidigung fähig ist. An Angriff ist nicht zu denken, während der Fransenhai in seinem verschlissenen Kellerloch beim Schein einer unwürdigen Funzel über seinen Skizzen sitzt. Dennoch gilt: Die Kunst ernährt sich von der Welt, der Riffhai frisst Sardinen!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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