vonHeiko Werning 26.10.2007

Reptilienfonds

Heiko Werning und Jakob Hein über das tägliche Fressen und Gefressenwerden in den Wüsten, Sümpfen und Dschungeln dieser Welt.

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Wir haben uns vorgenommen, die Welt mit Erinnerungen und Nachrufen zu pflastern. Man soll in zwanzig Jahren ruhig sagen: So einer wird nicht alt. Aber niemand soll sagen: So einen hat es nie gegeben. (Kabelsalbader v. 26.10.2007)

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Falko Hennig in der Berliner Zeitung

Dr. Seltsam in der jungen welt

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Weitere Blog- und Netz-Reaktionen:

Tristan Steinweg, Jochen Reinecke (Zeit), Ohrenflimmern, Wonderwoman Frida, Voland & Quist, Sax Royal, Don Dahlmann, Britti, Sprechblase, Konrad Endler, Hauptstadtblog, jugendfresse, Frank Sorge, Nullzeitgenerator, Sprechstation, Thilo Bock, Lt. Surf (BFC), Schröder & Kalender, Kapuziner (Stein-Fotoalbum) [Stand 30.10., 15.20 Uhr]

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Kabelsalbader v. 25.10.2007:

Liebe Leserin, lieber Leser,
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am Mittwoch ist Michael Stein in einem Krankenhaus in Zweibruecken gestorben.
Es ist schwer einzusehen, dass er auf einmal nicht mehr da sein soll.
Er war immer da, von Anfang an. Manchmal tauchte er ein paar Wochen nicht auf, aber irgendwann stand er doch wieder in der Tuer.
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Geschichten schreiben viele. Witze machen viele. Aber Michael war einzig in seiner Kompromisslosigkeit gegen die Zumutungen des alltaeglichen Lebens (andere wuerden sagen: die Selbstverstaendlichkeiten), gegen Auftrittsroutinen und bewaehrte Maschen, gegen Festlegungen jeder Art.
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Was bleibt von ihm? Ein paar Aufnahmen. Foto, Audio, Video. Die gedruckten Texte lassen sich an einer Hand abzaehlen.
Es bleiben aber auch die Erinnerungen all der Leute, die ihn kannten oder erlebt haben.
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Wir haben uns vorgenommen, die Welt mit Erinnerungen und Nachrufen zu pflastern. Man soll in zwanzig Jahren ruhig sagen: So einer wird nicht alt. Aber niemand soll sagen: So einen hat es nie gegeben.
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Viele unserer Veranstaltungen in diesen Tagen stehen im Zeichen von Michaels Tod. Wir erzaehlen und trinken und lachen und denken an ihn.
Wem danach ist, sich zu uns zu gesellen, der ist herzlich eingeladen, am Sonntag zur Reformbuehne (20 Uhr, Kaffee Burger) zu kommen.
Der Eintritt wird fuer die Ueberfuehrungskosten aus der Pfalz nach Berlin verwendet.
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Mit traurigen Gruessen
Bov Bjerg, Daniela Boehle, Heiko Werning

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[Update 29.10.]

Es war ein sehr schöner, sehr würdiger, sehr bewegender, sehr tränenreicher und auch sehr lustiger Abend gestern bei der Reformbühne. Sogar einen kleinen Eklat gab es gleich zu Beginn, dann viele wunderbare Erinnerungen an Stein, aufgelebt in alten und neuen Texten, z. B. Danielas Böhle Reisebericht über eine Reformbühnen-Fahrt nach Amsterdam, Nachrufe und schwarzhumorige Überlegungen von Falko Hennig, was mit der Leiche anzustellen sei, eine extrem verhunzte und eine nachgelieferte herzige Version von Steins Lieblingsschlusslied – Stein hätt’s gefallen, denke ich. Das Publikum spendete großzügig, um seine Reste von der Pfalz (! Das ist alles gar nicht im Saarland, wie wir gelernt haben) nach Berlin zu bekommen, und rührende Gästebucheinträge gab es auch, die hier dokumentiert seien:

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Jahrelang nicht dagewesen und am Mittwoch – zufällig – alte Surfpoeten-Texte rausgeholt. Gestern gehört, dass Stein nicht mehr lebt, tot ist. Mein Schluss: So ein Zufall, oder: das morphische Feld steht doch.

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Michael, ich habe dich lieb. Und habe noch die gelbe Ente, die du mir im Sommer geschenkt hast, und denke viel an unsere Gespräche + unser letztes Treffen im Treptower Park und daran, was du mir geraten hast, mal sehen … Danke für alles, vor allem die Schiatsu (?) Behandlung.

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Für ein Praktikum kam ich nach Berlin und kam zufällig zu einer Lesebühne – das hat mein Leben verändert. Von Michael Stein habe ich erstmals von der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens gehört. Von euch allen habe ich ein wunderbares Lebensgefühl gelernt. Mein altes Leben habe ich aufgegeben, war arbeitslos und habe nun eine Arbeit, die ich sinnvoll finde und die mir viel Spaß macht. Stein hat mir mit seinen Ideen und seinem lieben offenen Lächeln viel Mut gemacht. Mit diesem schönen Abend wäre Stein bestimmt einverstanden.

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Es tut mir verdammt leid für alle, die Michael nahe standen. Er war wirklich extrem großartig.

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Am 24.10. starb auch mein Opa, die Erinnerung bleibt – es ist zwar schon 13 Jahre her, aber es kommt mir vor, als sei es letzte Woche gewesen. So wird auch dieser Abend in Erinnerung bleiben. Danke für die Tränen und das Lachen.

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Stein kannte ich nicht. Jedenfalls nicht bewusst. Vielleicht habe ich mal an der Bar vom Burger mit ihm geredet? Vielleicht habe ich ihm beim Tanzen zugeschaut? Aber die Geschichten von Stein ließen in mir den Eindruck entstehen, ihn gekannt zu haben. Wie einen Freund. Und die Nachrufe, die Anekdoten, die Liebe, mit der seine Kollegen und Freunde von ihm reden, lassen mich vermuten, dass dieser Mensch eine unschließbare Lücke hinterlässt.

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Dankeschön schön schön

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Jaja, sprach der alte Oberförster. Stein war sein Name … Wir haben ihn sehr gern gemocht. Mach mal Pause, denke ich noch oft genug. Danke für den Abend. Wenn einer geht und nicht mehr wiederkommen wird, möchte man manchmal kuscheln und wissen, der Rest ist ja noch da.

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Ich werde mit dir weitertanzen, Stein.

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Schön ist, dass Stein sich, unter Beachtung der Zeiverschiebung und des Jetlags, denselben Tag für den letzten Vorhang gesucht hat wie Peel in Peru.

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https://blogs.taz.de/reptilienfonds/2007/10/26/weitere-reaktionen-zum-tod-von-michael-stein/

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kommentare

  • ich kannte michael stein fast gar nicht. aber die paar male, die ich ihn erleben durfte, haben tief geprägt. auch wenn sie schon viele jahre her sind. ich verneige mich vor seiner sprühenden kraft und wünsche ihm alles gute…

  • „Wer hat den Cop verkloppt,..es war nicht der Briefträger“ zu „I shot the sherif“ oder „Es starb Benno Ohnesorg…duch Polizistenhand“ zu „Do what you like“, das waren die Texte die Micha schon sang als wir noch Pink Floyd oder Ten Years After gehört haben. Erich Mühsam, Max Hölz, enfant terrible, frei denken wollte er immer, aber auch lieb war und man konte sich auf ihn verlassen, auch wenn er mal nicht kam oder nicht da war. Heute, wo mich die Nachricht von seinem Tod erreicht hat, fällt mir vieles wieder ein, vor allem, dass er, Michael Stein, ein unkorrumpierbarer kultureller Streiter für ein besseres Leben war. So bleibt er in meinem Gedächtnis erhalten.

  • liebe leute,
    mein freund der stein ist tot.
    am 24. oktober 2007 hat es michael stein
    im ungleichen kampf leben gegen tod
    mit überhöhter geschwindigkeit und
    größter unerbittlichkeit hinweggerafft.
    ganz greifbar und nicht zu fassen.

    in trauer bedanke ich mich für die großartigen überraschungen,
    die micha stets im denken und sprechen -aus dem overall wie aus dem hut heraus –
    gezaubert und mit seinem feinen grinsen und breitem lachen präsentiert hat;
    aufgestischt mit dem unbändigen willen zur guten unterhaltung.

    ich vermisse ihn sehr als freund, soliden spinner, grimmen querkopf
    und fröhlich verbissenen kämpfer gegen kontrollwahn
    und zerwaltung des lebens, im öffentlichen wie im privaten.
    und er fehlt als musiker – bei „pillepille & die ötterpötter“ unser bester – mit ohren zum zuhören, tonnen von ideen
    und dem ungebrochenen spaß am spielen. . . . .

    pillepalle ist tot

    wir machen weiter

    frank

    5-11-07

  • liebster, süßer STEIN…du wirst in ewigkweit der wichtigste und beste Stein im leben bleiben…dich gekannt und geliebt zu haben ist das größte…für immer deine tränenerstickte Squaw…bist du schon im himmel, sitzt an der bar und sind schöne mädchen bei dir???

  • Lieber Heiko Werning,

    wir haben heute zur Erinnerung an Michael Stein einen Text aus ›Schröder erzählt‹ in unseren tazblog gestellt.

    Herzliche Grüße
    Barbara Kalender und Jörg Schröder

  • […] Am 24. Oktober ist der Berliner Stand-up-Poet Michael Stein gestorben. Wir lernten den radikalen Künstler 1993 bei einem Auftritt im Benno-Ohnesorg-Theater kennen. Darauf folgte am nächsten Tag eine Sendung bei Radio Fritz, es war auch die letzte dieser Art. Heiko Werning forderte in seinem tazblog dazu auf, die Welt mit Erinnerungen und Nachrufen zu Michael zuzupflastern. Was wir uns nicht zweimal sagen lassen! […]

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