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vonHeiko Werning 21.03.2009

Reptilienfonds

Heiko Werning über das tägliche Fressen und Gefressenwerden in den Wüsten, Sümpfen und Dschungeln dieser Welt.

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Das muss man ja auch erst mal bringen. SPIEGEL-online macht groß auf mit dem offenen Brief der Opferfamilien von Winnenden und fasst diesen dann zusammen. Schlagzeile: „Opferfamilien aus Winnenden verlangen Killerspiel-Verbot“.

Außerdem, so erfahren wir auf SPIEGEL-online, fordern die Unterzeichner auch Einschränkungen im Waffenbesitzrecht sowie weniger Gewalt im Fernsehen. Denn, so SPIEGEL-online: „“In unserem Schmerz und in unserer Wut wollen wir nicht untätig bleiben“, schreiben sie, und „wir wollen wissen, an welchen Stellen unsere ethisch-moralischen und gesetzlichen Sicherungen versagt haben.““

Und interessanterweise haben die Opferfamilien in ihrem Schmerz und ihrer Wut doch eine ziemlich präzise Vorstellung davon, wo die „etisch-moralischen Sicherungen“ so versagt haben:

Berichte über Gewalttaten

Wir wollen, dass der Name des Amokläufers nicht mehr genannt und seine Bilder nicht mehr gezeigt werden. Am aktuellen Beispiel von Winnenden zeigt sich, dass die derzeitige Berichterstattung durch unsere Medien nicht dazu geeignet ist, zukünftige Gewalttaten zu verhindern. Auf nahezu jeder Titelseite finden wir Namen und Bild des Attentäters. Diese werden Einzug finden in unzählige Chatrooms und Internet-Foren. Eine Heroisierung des Täters ist die Folge.

Bei Gewaltexzessen wie in Winnenden müssen die Medien dazu verpflichtet werden, den Täter zu anonymisieren. Dies ist eine zentrale Komponente zur Verhinderung von Nachahmungstaten.

Dieser Punkt des offenen Briefes ist SPIEGEL-online keiner Erwähnung wert, nachdem das Heft diese Woche mit einem ganzseitigen Foto des Amokläufers aufmachte. Und am Schluss des Opferbriefartikels lesen wir:

Der 17-jährige Tim Kretschmer hatte bei seinem Amoklauf am 11. März 15 Menschen erschossen und sich anschließend selbst getötet.

Nachtrag 12.56 h:

FAZ, SZ, ARD und sogar BILD berichten ebenfalls über den Brief und erwähnen mehr oder weniger ausführlich die Forderung nach einer Reglementierung der Berichterstattung. Einzig heute.de unterschlägt sie, anonymisiert aber immerhin den Täter.

Nachtrag 22.03.

Oha, jetzt hat SPon reagiert und die Kritik an den Medien doch noch nachträglich in den Artikel eingebaut, sogar mit eigener Zwischenüberschrift. Der ganze Passus von der Zwischenüberschrift bis „Der 17-jährige Tim …“ ist neu und war weder am Samstagmorgen, als die Nachricht noch im Aufmacherblock der Seite stand, noch am Mittag, als sie in die Panorama-Rubrik wanderte, vorhanden. Ein Hinweis auf diese nachträgliche Korrektur fehlt.

[mit Dank an die Hinweisgeber in den Kommentaren]

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