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vonHeiko Werning 09.12.2009

Reptilienfonds

Heiko Werning und Jakob Hein über das tägliche Fressen und Gefressenwerden in den Wüsten, Sümpfen und Dschungeln dieser Welt.

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Nehmen wir als Beispiel die Evolutionstheorie, schließlich befinden wir uns noch im Darwin-Jahr. Es gibt wohl keinen ernsthaften Biologen, der sie in ihren Grundzügen bezweifeln würde. Die Evolution an sich gilt als wissenschaftlich gesicherte Tatsache, obschon es eine durchaus stattliche Anzahl an Menschen gibt, die sie bis heute abstreiten. Aber niemand in den etablierten Medien käme auf die Idee, deshalb z. B. Kreationisten regelmäßig Raum zur Darstellung ihrer Sicht der Dinge zu geben.

Bei der Diskussion um die globale Erderwärmung ist das anders. Auch hier gibt es keinen ernstzunehmenden Klimaforscher, der sie in Abrede stellt, und auch kaum jemand, der sie nicht als mit großer Wahrscheinlichkeit anthropogen, also vom Menschen verursacht, ansieht. Und auch hier gibt es bis heute eine starke Gruppe von Gegnern, die sogenannten Klimaskeptiker, die merkwürdigerweise aber ihre verquere Sicht der Dinge, die mit immer erstaunlicheren Verschwörungstheorien einhergehen, regelmäßig und in zahlreichen Medien darstellen. Auffällig daran ist, dass unter diesen „Skeptikern“ kaum Naturwissenschaftler und keine höherrangigen, also von der Fachwelt anerkannten Klimaforscher sind, vielmehr handelt es sich um eine bunte Mischung aus Journalisten, Soziologen, Zukunfts- oder „Katastrophismusforschern“ und allenfalls mal einen einsamen Zoologen. Das sollte jedem, der sich mit den Naturwissenschaften etwas auskennt, eigentlich schon reichen, um diese Meinungen einzuordnen, es sei denn, man glaubt eben an groß angelegte Weltverschwörungen.

Trotzdem haben die Klimaerwärmungsleugner ganz aktuell wieder Konjunktur und überbieten sich in Triumphgeheul. Der Anlass: Ein Computer-Hack oder -Leck beim Climatic Research Unit (CRU) der University of East Anglia in Großbritannien, bei dem über 1.000 private E-Mails der Klimaforscher sowie tausende weiterer Dokumente dieser Einrichtung aus dem Zeitraum 1996 bis Mitte November 2009 erbeutet und frei einsehbar ins Netz gestellt wurden. Nun ist die Aufregung groß: Durch das Internet schwappt eine Empörungswelle, gar vom „größten Wissenschaftsskandal aller Zeiten“ ist die Rede, die „Skeptiker“ sehen sich durch die Mails darin bestärkt, dass Daten, die zur Klimaerwärmungstheorie führten, manipuliert seien, dass unerwünschte Wahrheiten unterdrückt und unliebsame Wissenschaftler kaltgestellt würden. Hinzu kommt das allgemeine Schüren von Ablehnung gegen die arroganten und selbstherrlichen Forscher aufgrund des Tonfalls in den Mails, die eben private Mails waren und keine offiziellen Verlautbarungen – und entsprechend klingen. Derart unter Druck geraten, hat die Universität zur Klärung eine unabhängige Untersuchung eingeleitet, die aufgrund der schieren Masse des Materials zeitaufwändig ist. Institutsleiter Phil Jones, einer der führenden Klimaforscher weltweit und im IPCC-Klimarat, lässt sein Amt während dieser Untersuchung ruhen. (In diversen Medienbeiträgen, u. a. bei der Tagesschau und bei der Welt, wurde daraus die unrichtige Behauptung, er sei zurückgetreten oder beurlaubt worden. Beides stimmt nicht. Er hat selbst darum gebeten, während der Untersuchung das Amt ruhen zu lassen, und die Universität hat dem entsprochen, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass sie davon überzeugt sei, dass er nach der Untersuchung das Amt wieder aufnehmen werde. Auch so beeinflusst man beim flüchtigen Leser aber den Eindruck, es gebe tatsächlich einen Skandal.)

Die schwerwiegenden Vorwürfe stützen sich auf einige wenige Mails aus der unüberschaubaren Masse, und bei näherer Betrachtung bleibt davon nicht viel bis gar nichts übrig.

Jones selbst schreibt in einer Mail, er habe den „trick“ des Kollegen Michael Mann angewandt, um fehlende Daten in der Klimarekonstruktion zu ergänzen. Die Skeptiker deuten dies als Manipulation. Für jeden, der schon mal naturwissenschaftlich gearbeitet hat, klingt es eher wie Alltag: Ein kniffliges Problem wird mit einer intelligenten, neuen oder außergewöhnlichen Herangehensweise gelöst, mit einem Trick eben. Die beteiligten Forscher versichern, es sei genau so zu verstehen, denn das Wort „trick“ ist im Englischen genau wie im Deutschen doppeldeutig, und nichts deutet darauf hin, dass es hier in Richtung „Manipulation“ zu verstehen sei.

– Die Forscher, darunter Leitautoren des Weltklimarates IPCC, diskutierten in Mails, zwei Arbeiten, die sie für besonders schlecht hielten, nicht im Abschlussbericht des IPCC zu berücksichtigen, obschon sie in „peer review“- (also extern begutachteten) Zeitschriften erschienen waren und es der Anspruch des Berichts war, alle relevanten, also in „peer review“-Zeitschriften veröffentlichten Artikel einzubeziehen. Das klingt natürlich auf den ersten Blick anrüchig. De facto allerdings tauchen die Arbeiten sehr wohl im IPCC-Schlussbericht auf. Und die Einschätzung der Forscher, dass die Arbeiten wissenschaftlich untragbar seien, hat sich inzwischen längst bestätigt, wie die Zeitschrift „Nature“, das zu den renommiertesten naturwissenschaftlichen Magazin weltweit gehört, im Editorial der aktuellen Ausgabe eigens unterstreicht.

– Und schließlich bleibt der schwerste Vorwurf: die CRU-Forscher hätten die Löschung von Daten diskutiert, die im Zusammenhang mit dem britischen „freedom of information“-Gesetz (FOI) stehen, nachdem jedermann das Recht hat, die Rohdaten von staatlich geförderten Instituten zu erhalten. Hintergrund ist, dass die „Skeptiker“ die Forscher seit geraumer Zeit mit solchen Anfragen bombardieren, das CRU allerdings gar nicht alle Daten herausgeben darf, weil sie von Institutionen aus anderen Ländern mit der Maßgabe stammen, sie nicht an Dritte weiterzugeben. Damit fallen sie schlicht nicht unter das FOI. Dass einer der Forscher in einer entnervten Mail den Vorschlag machte, sie einfach ganz zu löschen, ist sicher nicht klug – und möglicherweise nicht mal ernst gemeint, denn auch hier ist zu berücksichtigen, dass es sich um private Mails handelt. Im Ergebnis jedenfalls ist, nach bisherigem Kenntnisstand, nichts gelöscht worden.

Der Rest ist Geplänkel: Man schimpft halt über missliebige Kollegen und schlechte Zeitschriften, wertet Arbeiten herab, bezeichnet die „Skeptiker“, wenig überraschend, als „Idioten“ und freut sich, als eine besonders lästige Nervensäge das Zeitliche gesegnet hat. Was man sich eben privat und unter dem Glauben an das Briefgeheimnis so schreibt. Insgesamt wäre es also ein Sturm im Wasserglas. Wären da nicht die „Klimaskeptiker“, die in den Mails ihre Verschwörungstheorien bestätigt sehen, dass es sich bei der vom Menschen verursachten Erderwärmung um einen „hoax“, eine bewusste wissenschaftliche Fälschung handele, und die flugs den Begriff „climategate“ für das Affärchen fanden. Eine Meinung übrigens, die das „Nature“-Editorial ungewohnt deutlich als „paranoide Interpretation“ bezeichnet.

Dennoch breiten diese Paranoiker ihre sehr spezielle Sicht der Dinge verblüffend erfolgreich aus. Zunächst vor allem im Internet. Erschreckende 29.100.000 Treffer vermeldet Google derzeit für das Wort „climategate“, das es vor einem Monat noch gar nicht gab.

Eine besonders unrühmliche Rolle dabei spielen im deutschsprachigen Raum die Autoren Dirk Maxeiner und Michael Miersch. Mit Henryk M. Broder zusammen bilden sie die Redaktion des klickerfolgreichen Blogs „Die Achse des Guten“. Maxeiner und Miersch sind große Verschwörungstheoretiker, Maxeiner schreibt u. a., durch die gekaperten Mails lägen „folgende Tatbestände vor: Geheime Absprachen um Daten zu manipulieren, sodass der gewünschte Erwärmungstrend vorherrscht; Unterdrückung von gegenläufigen Erkenntnissen; Verschleiern der mittelalterlichen Warmzeit“ – alles leicht widerlegbare Falschaussagen. In seinem Welt-Blog und auf der „Achse des Guten“ kommt der Journalist Gideon Böss sogar zu der vollkommen irren Aussage: „Ein Großteil der Daten, auf die sich die Weltuntergängler stützen, ist manipuliert. Abweichende Erkenntnisse wurden gar nicht erst in Fachzeitschriften veröffentlicht.“ Für solche Aussagen fehlt jeder Beleg, aber so bastelt man sich halt eine Weltverschwörung.

Diese Propaganda schwappt nun auch hinüber in die Printmedien. So konnten Maxeiner und Miersch in der „Welt“ vom 4.12. behaupten, die Rohdaten des CRU, die zur Berechnung der globalen Klimakurven verwendet wurden, seien vernichtet worden. Dabei stehen sie, abzüglich der Daten, die unter die Rechte anderer, ausländischer Institute fallen und eben nicht herausgegeben werden dürfen, frei im Netz. Maxeiner und Miersch folgern aus dem angeblichen Datenverlust: „Die Berichte des Weltklimarates basieren somit auf einer Art Geheimwissenschaft. Genau wie Legionen weiterer Klimastudien, die ebenfalls auf den Angaben der CRU aufbauen. Nicht zu vergessen die vielen politischen Forderungen, die darauf gesattelt werden.“ Als basierte die Theorie der globalen Erwärmung auf den Datensätzen eines einzigen Instituts. In Wirklichkeit sind es Hunderte originärer Datensätze und Ergebnisse aus unterschiedlichsten Forschungsrichtungen, von denen die Wichtigsten im von Klimaforschern betriebenen Blog realclimate.org zusammengetragen und frei zugänglich gemacht wurden. Ebenfalls am 4.12. widmet die FAZ der Angelegenheit einen großen Artikel, in der der oben erwähnte „Trick“ des Forschers Michael Mann als Manipulation dargestellt wird. Als Kronzeuge für diesen Vorwurf dient der deutsche Wissenschaftler Hans von Storch, der innerhalb der Klimaforscher durchaus als eine Art Opposition zu den tonangebenden Kollegen um Phil Jones, Michael Mann und den Potsdamer Forschern Hans-Joachim Schellnhuber und Stefan Rahmstorf angesehen werden kann. Die FAZ schreibt: „´Mann ist ein Aktivist und Lautsprecher, der die Meinung anderer Forscher aus der Diskussion heraushalten will´, sagt Hans von Storch, der Leiter des Instituts für Küstenforschung am GKSS-Forschungszentrum in Geesthacht. Von Storch hat selbst Gutachten für das IPCC angefertigt. Am Weltklimarat aber lässt er kein gutes Haar: ´Das IPCC soll Politikern eigentlich den Stand der Wissenschaft referieren. Stattdessen machen dort Wissenschaftler selbst Politik.´ So werden im IPCC ´Konkurrenten´ mit abweichenden Meinungen ´herausgehalten´.“ Hans von Storch reagiert schnell auf den FAZ-Artikel: Bereits um 8:15 Uhr am 4.12. stellt er im Kommentarbereich der FAZ eine Gegendarstellung ein, die er auch auf seine Homepage setzt: „Leider sind diese Zitate und Darstellungen nicht korrekt. Ich habe dies so nicht gesagt; wiewohl ich Vorbehalte habe, ist meine Meinung wesentlich differenzierter als hier angedeutet. Insbesondere lasse ich viele gute Haare am Weltklimarat – obwohl es sicher auch ein paar ´schlechte Haare´ gibt.“ Die FAZ hat bis heute nicht darauf reagiert und ihren Artikel nicht korrigiert. In von ihm selbst geschriebenen Artikeln kritisiert von Storch zwar den „Alarmismus“ und die „Kartellbildung“ einiger führender Klimaforscherkollegen, lässt aber keinen Zweifel daran, dass die anthropogene Klimaerwärmung eine Tatsache ist. Das hilft ihm jetzt nicht mehr: Fortwährend wird von Storch nun als Kronzeuge von den „Skeptikern“, die die menschgemachte Erwärmung generell bestreiten, missbraucht, auf dass der Eindruck entstehe, auch „richtige“ Klimaforscher zweifelten daran.

Ein Eindruck, der unter Laien weit verbreitet ist, wohl vor allem aufgrund der eingespielten talkshowkompatiblen „Pro & Contra“-Medienarithmetik, die im Versuch, möglichst ausgewogen daherzukommen, immer Vertreter verschiedener Meinungen zu Wort kommen lassen will. Ein Irrtum, denn der menschgemachte Klimawandel ist längst keine Meinung mehr, er ist wissenschaftlich nach derzeitigem Kenntnisstand gesicherte Tatsache, und mit den „Skeptikern“ in der Klimaforschung ist es so, um zum Ausgangspunkt zurückzukommen, wie mit den Kreationisten und der Evolutionstheorie. Es wäre daher gut, die Medien würden sie auch ebenso behandeln. So lange dies nicht so ist, können Scharlatane wie Miersch und Maxeiner gut davon leben und ihre kruden Theorien in Artikel-, Interview- und vor allem Buchform prima absetzen.

Und was lehrt uns nun „Climategate“? Vor allem eines: Man sollte immer schön aufpassen, dass einem die E-Mails nicht geklaut werden.

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