vonJakob Hein 23.02.2010

Reptilienfonds

Heiko Werning und Jakob Hein über das tägliche Fressen und Gefressenwerden in den Wüsten, Sümpfen und Dschungeln dieser Welt.

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Wie sah der Arbeitsprozess an „Aloe vera mondstill“ denn aus? Morgens erst mal eine Runde joggen – hat sie ja ihrem Onkel Harald erzählt – dann an den Schreibtisch setzen und am Buch arbeiten. Was macht eine Minderjährige eigentlich morgens am Schreibtisch? Hat sie etwa vorzeitig das Streber-Abitur abgelegt und wartet auf einen Studienplatz an einer Elite-Uni? Oder hat sie die Schule abgebrochen und muss bis zur Volljährigkeit warten, bevor sie einen Job als Alkoholausschenkende antreten darf? Warum hat ihr niemand eine Lehre empfohlen oder irgendetwas Normales? Warum sitzt sie überhaupt am Schreibtisch?

Wie sie da jedenfalls so sitzt, da denkt sie sich: „Jetzt mal Schriftstellerin, das würde ziemlich gut kommen. So – was’n jetzt? Ach so, was über das eigene Leben. Klar, das kann ich machen: Mutter gestorben, Abitur abgebrochen. So – lass mal sehen. Zwei Seiten.

Kling, kling. Hallo. Ja! Verlag? Ich wollte mich melden, weil ich habe einen Roman geschrieben. Ja! Einen Roman. Wie? Zwei Seiten. Ach? Na ja, es könnten auch drei sein, ich habe ziemlich eng … Ah, drei wäre auch zu wenig. Ach je! Was soll ich denn da die ganze Zeit schreiben? Sex – aha. Drogen – aha. Gut, ich schreib’s mir dann mal auf und melde mich wieder.

Sex und Drogen – dann wollen wir mal überlegen. Besoffen war ich ja schon vier Mal. Einmal bei Biancas Geburtstag, eigentlich zwei Mal bei Bianca, dann noch ein Mal auf dieser Disko und einmal auf Klassenfahrt. Und Sex? Na ja, ich helfe mir mindestens zweimal in der Woche selbst und habe mit dem Stefan mal ziemlich herumgeknutscht. Übrigens auch auf Biancas Geburtstag. Sex und Drogen! Ich kenne mich eigentlich aus.

Kling, kling. Hallo, Verlag? Ich bin’s noch mal. Wegen dem Roman. Ja, Sex ist jetzt drin und Alkohol. Reichlich. Die Hauptheldin masturbiert jeden Tag und fummelt mit älteren Jungs auf Geburtstagspartys herum. Was? Noch nicht das Wahre? Drogen außer Alkohol? Und richtiger Sex, Stichwort: Darf’s ein bisschen mehr sein? Aha. Ich melde mich wieder.

Mehr Sex. Und Drogen. Wäre ja eigentlich eine gute Sache, aber wo bekommt man so was her? Am besten wäre vielleicht, mal wegzugehen, aber ich komme ja noch nirgendwo rein.

Kling, kling. Hallo? Ja, ich will sie nicht nerven, aber ich wollte Bescheid sagen, dass ich dann jetzt erst mal zwei Jahre warten würde, bis ich achtzehn bin und tatsächlich ein bisschen Erfahrung mit Drogen und so … Was? Ach, das wäre ganz schlecht? Je jünger, je besser? Aber wo soll ich denn … Ja, ne, ist gut. Ich kümmere mich.

So eine Scheiße! Na, ich kann das ja mal googeln. Drogen, Sex – suchen. Himmel! Da geht ja was ab! Von hinten, von unten und sogar von vorn! Drogen: rauchen, schlucken, spritzen. Interessant! Total interessant! Das wäre doch mal richtig spannend. Mann, wenn ich mal groß bin und nicht mehr ständig am Schreibtisch hocke, dann muss ich das auch mal machen. Aber ein bisschen umschreiben muss man das schon: Er lag nackend auf ihr, weil sie beide Haschisch geraucht hatten. Sein erigierter Penis penetrierte ihre – ich schreib einfach mal – Muschi und er bewegte sich hin und her. Himmel, jetzt bin ich erregt. Das ist der Knaller.

Kling – Verlag? Sie werden staunen! Sex, Drogen, hemmungslos. Ja! Ich sage Ihnen! Bitte? Muschi und erigierter Penis schon die richtige Richtung aber noch nicht die Endhaltestelle? Haschisch. Was? Ja, als Thema schon ein bisschen durch. Verstehe. Also ich melde mich wieder.

Schade. Ich hätte mir so gewünscht, dass er auf ihr liegt und sein erigierter Penis … Was soll ich denn sonst? Mal googeln. Faust in den Po – das ist ja widerlich! Irgendwo im Dunkelzimmer irgendwelche Penisse irgendwohin stecken – na Prost Mahlzeit! Da würde ich aber auch lieber vorher irgendwelche Drogen nehmen, sonst muss das ja schrecklich sein, wenn man das noch merkt. So – mal nachsehen. Crystal Meth, MDMA, Koks – kommt alles rein. Geht doch ganz gut voran, eigentlich. So, jetzt noch was über Clubs und so. Über das Going easy wollen die bestimmt nichts lesen, da muss ich nicht beim Verlag anrufen. Die wollen natürlich den härtesten, angesagtesten und gleichzeitig abgefahrensten Club der ganzen Hauptstadt. Angesagt, Club, Hauptstadt – Google. Ach ja, davon habe ich schon mal in der Zeitung gelesen. Da kommt man erst ab einundzwanzig rein. Und das beginnt auch richtig spät, da schlafe ich schon längst, sonst kann ich morgens nicht joggen. So dann schauen wir mal nach … Hier, das sind doch schöne Sätze: Ficken, Club, klingt hart. Das nehme ich auf jeden Fall. So, dann hier, hier und hier. Auch noch so was. Himmel! Also wenn ich später mal erwachsen bin, will ich mit so etwas aber absolut nichts zu tun haben!

Hallo? Verlag? Ja, ich bin jetzt fertig. Sinnentleerter Drogensex ohne Gefühle zu Elektromusik. Was? Authentisch? Ja, das finde ich auch.

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