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vonHeiko Werning 30.09.2010

Reptilienfonds

Heiko Werning und Jakob Hein über das tägliche Fressen und Gefressenwerden in den Wüsten, Sümpfen und Dschungeln dieser Welt.

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In meinem Artikel über den Darwinfrosch und das weltweite Amphibiensterben in der Version des Reptilienfonds‘ wies ich darauf hin, dass die chemischen Substanzen in der Haut von Fröschen ein großes pharmakologisches Potenzial haben und nannte als Beispiel den Dreistreifen-Baumsteiger, Epipedobates tricolor, ein Pfeilgiftfrosch aus den Regenwäldern Ecuadors. In seinem Kommentar fragte Klaus Angerer mich nach einer Quelle für die Aussage, dass aus Epibatidin, einer Substanz im Hautsekret dieser Fröschlein, bereits ein Medikament auf den Markt gebracht wurde. Ich hatte den Fall seinerzeit, 1998, in Ecuador verfolgt, als ich zu Studienzwecken für einige Monate dort lebte; dort hatte er für ziemlichen Wirbel gesorgt. Ich hatte darüber einen Artikel für die REPTILIA geschrieben, und aus dem Gedächtnis zitiert. Da hätte ich besser nochmals nachgeschlagen – das Medikament war damals nämlich, anders als in meiner Erinnerung, noch längst nicht zur Marktreife gebracht. Wie der Stand heute ist, weiß ich nicht. Aber der Fall von damals ist interessant genug, meinen Artikel aus 1999 dazu hier nochmal zu veröffentlichen, zumal die REPTILIA-Ausgabe schon lange vergriffen ist.

Streit um Froschgene

Dass die Artenvielfalt oder Biodiversität auf der Erde nicht nur aus ethischen Gründen erhalten werden sollte, setzt sich im Verständnis der Nationen der Welt langsam durch und wurde erstmals auf dem Weltgipfel 1992 in Rio de Janeiro in der Biodiversitätskonvention festgehalten.

In diesem Zusammenhang ist es jetzt zu einem höchst interessanten Streit in der internationalen Politik gekommen: Ursache des Konfliktes ist der hübsche kleine Pfeilgfitfrosch Epipedobates tricolor (Dreistreifen-Baumsteiger), der sich auch in unseren Terrarien großer Beliebtheit erfreut. Die Frösche verfügen über ein wirksames Hautgift, das Epibatidin. Dem US-amerikanischen Pharmaunternehmen Abbott ist es nun gelungen, aus diesem Toxin ein Schmerzmittel herzustellen, das im Lauf der nächsten Jahre zur Marktreife gebracht werden soll. Dabei könnte es sich nach den bisherigen Erkenntnissen um das bislang wirksamste Medikament seiner Art handeln, 200-fach wirkungsvoller als Morphium. Hinzu kommt, dass die unerwünschten Nebenwirkungen, die andere Schmerzmittel mit sich bringen, hier bislang noch nicht gefunden wurden. Der Markt für ein solches Produkt wird weltweit auf etwa 40 Milliarden US-Dollar geschätzt; allein in den USA wird mit etwa 30-40 Millionen Abnehmern gerechnet.

Von diesem Potenzial möchte Ecuador, das Heimatland des Fröschchens, profitieren. Der nur 2,5 cm große und farblich sehr variable Epipedobates tricolor bewohnt das westliche Tiefland Ecuadors bis in eine Höhe von nahezu 1.700 m und dringt im Norden bis nach Peru vor. Ecuador weist nun darauf hin, dass sowohl der Baumsteiger als auch sein Epibatidin zu den genetischen Ressourcen des Landes gehören und fordert von Abbott eine Beteiligung an den Gewinnen, die voraussichtlich mit dem daraus entwicklten Medikament erzielt werden.

Pikanterweise kommt hinzu, dass die Forschungen von Abbott auf einen Grundstock von 750 Epipedobates tricolor zurückzuführen sind, der 1976 illegal aus Ecuador ausgeführt wurde. Zwei amerikanische Wissenschaftler haben die Frösche zudem während Feldstudien in den 1970er-Jahren erforscht und dabei insbesondere vom Wissen der indigenen Einwohner profitiert.

Nach neueren internationalen Konventionen sind die Forderungen Ecuadors durchaus berechtigt. In der Biodiversitätskonvention wird allen Ländern die komplette Souveränität über ihre genetischen Ressourcen zugesprochen, und in der UN-Resolution 391 vom Juni 1996 wird festgelegt, dass diese Rechte weder verjähren noch pfändbar sind.

Dumm nur für Ecuador, dass die USA die Biodiversitätskonvention nicht ratifiziert haben; die Resolution 391 andererseits bietet keinerlei Umsetzungsregularium. Auch juristische Ansätze über nationales ecuadorianisches Recht scheitern: Das einzige in Frage kommende Gesetz, das 1976 schon in Kaft war, war das „ley de protección de la fauna silvestre y de los recursos ictiológicos“ vom November 1970, nach dem der Export der Giftfrösche hätte genehmigt werden müssen. Die Zuständigkeit für dieses Gesetz lag beim Ministerio de la Producción – allerdings gibt es heute keinerlei Archive mehr. Ein juristischer Beweis über die illegale Ausfuhr wäre also von Ecuador aus nicht einmal zu erbringen.

Diese recht aussichtslose Lage hat auch die heutige ecuadorianische Naturschutzbehörde INEFAN eingesehen, die in einem Appell vom Juni 1998 an Abbott darum bittet, die Einnahmen aus dem originär ecuadorianischen Produkt fair zu teilen. Die INEFAN schlägt vor, dass ein Teil der zu erwartenden Gewinne zum Schutz der Biodiversität in Ecuador, zum Technologietransfer, für Feldforschungen und zum Aufbau von medizinischen Zentren für die Indígenas verwendet werden soll. Das Hauptargument lautet: „Ob dieTiere mit oder ohne Genehmigung exportiert wurden, ist nicht wichtig, der Punkt ist, dass es ecuadorianische Frösche sind.“

Abbott weicht diesen Forderungen mit der Bemerkung aus, dass es wohl noch Jahrzehnte dauern wird, bis das neue Medikament tatsächlich auf den Markt kommt. Die Aufmerksamkeit, die der Fall international, vor allem aber in Ecuador selbst erregt hat, lässt aber ein wenig Hoffnung aufkeimen, dass die Entwicklungsländer ein neues Gefühl für ihren natürlichen Reichtum entwickeln und in Zukunft einerseits ihre Artenvielfalt wirksam zu schützen versuchen und andererseits nicht ein weiteres Mal hinnehmen wollen, dass die heutigen Industrieländer sie rücksichtslos ausplündern.

Quellen:

Pharmaceutical News, Vol. 4, No. 4, 1997

El Comercio (Quito) vom 24.11.1998, C1

Dieser Text erschien in REPTILIA Nr. 15, Februar 1999, S. 11-13. Abdruck mit freundlicher Genehmigung der REPTILIA.

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https://blogs.taz.de/reptilienfonds/2010/09/30/wem_gehoeren_die_gene_der_froesche/

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kommentare

  • Lieber Herr Werning,

    falls Sie die Kommentare zu so alten Beitragen überhaupt sehen können:

    vielen Dank nochmal, dass Sie sich letztes Jahr die Mühe gemacht haben, Ihren schönen Artikel aus den 90-ern extra abzutippen!
    Ich habe seitdem einen kleinen Artikel über den Pfeilgiftfrosch, das Alkaloid Epibatidin und die Biodiversitätskonvention geschrieben (bzw. über das, was im Englischen immer als ABS abgekürzt wird – Access&benefit sharing), der gerade erschienen ist. Darin habe ich sogar auch kurz auf Ihren Artikel Bezug genommen, vielen Dank also nochmal hierfür!

    Sie finden den Artikel unter:
    Klaus Angerer (2011): Frog tales – on poison dart frogs, epibatidine,
    and the sharing of biodiversity, Innovation: The European Journal of
    Social Science Research, 24:3, 353-369
    To link to this article: http://dx.doi.org/10.1080/13511610.2011.592061

    (Leider ist die Zeitschrift nicht open access, ich kann Ihnen den Artikel aber gern als pdf senden, wenn Sie mir hierfür eine Adresse angeben)

    Mit besten Grüßen & herzlichen Dank nochmal,

    Klaus Angerer.

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