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vonHeiko Werning 10.10.2010

Reptilienfonds

Heiko Werning und Jakob Hein über das tägliche Fressen und Gefressenwerden in den Wüsten, Sümpfen und Dschungeln dieser Welt.

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Heute Abend in der Reformbühne Heim & Welt: Texte und Lieder mit Ahne, Uli Hannemann, Jürgen Witte, den großartigen Gästen Tito Maffy und Jacinta Nandi – und mit mir. Kommt alle, aber stellt den Videorekorder scharf, denn der Münster-TATORT des heutigen Abends, den ich einmal mehr für den nicht genug zu empfehlenden Tatort-Fundus rezensieren durfte, ist gelungen. Finde ich zumindest, anders als Kollege Christian Buss in der Print-taz.

Alles beginnt wie gewohnt in Münster: Papa Thiel, der Bilderbuch-Altachtundsechziger, scheint dem Gedanken, das Eigentum schließlich auch nur Diebstahl ist, noch recht nahezustehen und verbindet die praktische Vorarbeit zur gesellschaftlichen Revolution mit seinen kulinarischen Vorlieben, was im Münsterland bedeutet: Er klaut Spargel von einem Feld. Und, Überraschung, stolpert dabei beinahe über eine Frauenleiche. Die Dame war die Gattin des Spargelmoguls der Region, die Polizei kommt, selbst Professor Boerne lässt Weißwein und, na klar, Spargel im Edel-Restaurant stehen, um zum Tatort zu eilen. Kommissar Thiel und Staatsanwältin Klemm sind wenig begeistert, den Daddy als Hauptverdächtigen anzutreffen, und so locht der Sohnemann den Alten erst mal ein.

Wie gesagt: Alles beginnt also wie gewohnt in Münster. Eine schwungvoll krude bis klamaukige Eröffnung, die sich lustvoll an dem bizarren Personal des Münster-TATORTs bedient, garniert mit schönem Zynismus und ein bisschen Krimi. Das westfälische Erfolgsrezept sozusagen, das dafür sorgt, dass der übellaunige Thiel und sein exaltierter Professor seit Jahren zu den Quotengaranten der Sonntagsreihe zählen. Das allerdings die TATORT-Gemeinde auch längst deutlich gespalten hat. Münster-Gegner bemängeln die mangelnde Ernsthaftigkeit der Filme, die oft hinter all den Gags und Wortgefechten zurücktretende Handlung, das ähnliche Schema der Produktionen.

Es scheint, als habe der WDR registriert, dass trotz des Erfolgs beim Publikum diese kritischen Stimmen lauter wurden und gewisse Ermüdungserscheinungen auch bei wohlmeinenden Fans des schrägen Duos nicht ganz zu verleugnen waren. Nach sechs Jahren des zunehmend gewohnteren Spaßes zog man mit dem 15. Beitrag die Notbremse: Die Ausnahmefolge „Wolfsstunde“ war ein radikaler Ausbruch aus den bewährten Bahnen, der allerdings viele Zuschauer auch verstörte. Die folgende „Höllenfahrt“ wechselte mitten im Film plötzlich die Tonlage, nach einem launigen Roadmovie brach plötzlich die grausame Realität in Form eines traumatisierten Entführungsopfers in die westfälische Idylle. Und die sich anschließenden „Tempelräuber“ schließlich überraschten mit einer ruhigeren, teils sogar leisen Erzählweise und einem auch mal einfühlsamen Professor Boerne. Wenn auch der „Fluch der Mumie“, der nächste Fall des Münsteraner Duos und ihr erster in diesem Jahr, wieder zur alten Lustig-Linie zurückging, scheint doch System hinter der Entwicklung zu stecken.

Denn auch „Spargelzeit“ verlässt sich längst nicht mehr nur auf den Witz seiner Darsteller und Slapstick-Einlagen, obwohl von beidem den ganzen Film über reichlich geboten wird. Es werden sogar einige Höhepunkte für Freunde des bösen Humors geboten, denn Boerne läuft in seinen Beleidigungsarien gegenüber Assistentin Alberich zu Hochform auf. Auch für groben Slapstick wird gesorgt, da kennen die Münsteraner Macher wieder kaum eine Schmerzgrenze und drehen die Schraube freudig immer noch ein Stückchen weiter – Alberichs Flucht in Boernes Wagen sei hier erwähnt.

Im Gegensatz aber zum Getümmel um Boerne und Alberich sowie Papa und Sohn Thiel steht diesmal der Fall selbst. Hier verläuft die Handlung gleich auf mehreren Ebenen: Ins Visier der Ermittler geraten zum einen die polnischen und rumänischen Spargelstecher, zum anderen wird natürlich das familiäre Umfeld des Opfers unter die Lupe genommen. Weiß etwa die Tochter mehr, als sie sagen will? Das Mädchen ist schwer traumatisiert, weil es zwei Jahre zuvor, ebenfalls während der Spargelzeit, als 13-jährige auf dem Nachhauseweg vergewaltigt worden war. Der Täter wurde nie gefasst, aber die Dorfgemeinschaft verdächtigt selbstverständlich die Wanderarbeiter aus dem Osten. Vergewaltigung eines Kindes, Vorurteile gegen Ausländer, ein bisschen EU-Wanderarbeiter- und deutsche Arbeitsagentur-Problematik – eine Mischung, die sich nur schwer mit dem Witzeln verträgt.

Erfreulicherweise gelingt der Spagat aber ganz ausgezeichnet. Während Nadeshda als Undercover-Spargelstecherin im wahrsten Sinne ganz unten, im Bodensatz des schönen Westfalens, recherchiert, erweist Boerne sich nicht nur standesgemäß als kompetenter Pferdeflüsterer, sondern, wie schon bei den „Tempelräubern“, als sensibler Zuhörer für ein Problemkind. Schön, dass hier sogar eine gewisse Kontinuität in der Figurenzeichnung gezeigt wird, von der man hoffen möchte, dass sie sich nicht rein zufällig ergeben hat. So oder so – der Film überzeugt in seinen leisen Passagen und zeichnet ein durchaus eindrucksvolles Bild einer Familie nach, die an einem furchtbaren Verbrechen zerbricht, garniert mit zeitgenössischer Gesellschaftskritik im Spannungsfeld um die osteuropäischen Wanderarbeiter und mit reichlich Lokalkolorit – das Münsterland gehört schließlich zu den Spargelzentren des Landes. Beste TATORT-Traditionen also.

Das Einzige, was man dem Film vorwerfen möchte: Für 90 Minuten Dauer ist er doch etwas überfrachtet. Entsprechend holzschnittartig müssen einige Passagen abgehandelt werden. Das gerät speziell bei der Zuspitzung des Konfliktes Wanderarbeiter versus Dorfbevölkerung zur Karikatur. Auch könnte man eine gewisse Vorhersehbarkeit bemängeln, denn angesichts des vergleichsweise kleinen Verdächtigen-Portfolios und der ehernen Krimi-Gesetze bleiben nicht sehr viele Varianten übrig. Vielleicht wäre der Film noch überzeugender geraten, wenn man auf die Whodunnit-Konstruktion verzichtet und gleich mit offenen Karten gespielt und so die Zeit für die obligatorischen falschen Fährten gespart hätte. Zeit, die bei der Vertiefung der Charaktere, vor allem in den Nebensträngen, durchaus sinnvoll eingesetzt gewesen wäre.

Zum Glück nimmt der Film sich aber ausreichend Zeit für seine zentrale Figur, das Mädchen vom Spargelhof. Wodurch die „Spargelzeit“ ein insgesamt rundherum gelungenes Highlight der Münster-Reihe geworden ist, das an die frühen Klassiker „Der dunkle Fleck“ und „Sag nichts“ anschließen kann. Dass der Vabanque-Akt der Zusammenführung des sensiblen Vergewaltigungsthemas mit dem Brachialhumor so gut gelingt, liegt natürlich einmal mehr auch daran, dass das gesamte Team hervorragend aufgelegt ist und die Zuschauer seine Spielfreude deutlich spüren lässt.

Eingefleischte Münster-Gegner wird „Spargelzeit“ wohl nicht versöhnen können, dafür bleibt er der westfälischen Linie letztlich doch zu treu. Wer aber Spaß an Thiel, Boerne & Co. hat, wird hier mit einem der TATORT-Highlights des Jahres belohnt, ohne dass der auf Witze und leichtere Unterhaltung abonnierte Teil der Stammzuschauer zu sehr verschreckt würde.

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