vonJakob Hein 22.01.2011

Reptilienfonds

Heiko Werning und Jakob Hein über das tägliche Fressen und Gefressenwerden in den Wüsten, Sümpfen und Dschungeln dieser Welt.

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Wochenlang hielt das Rätselraten an. Wer war der Schuft, der eine ganze Branche in Misskredit gebracht hat, der der deutschen Nation ihr Frühstücksgrillhähnchen, das Omelett zur Zwischenmahlzeit und das Schnitzel zu Mittag und Abendbrot verdorben hat. Herbert Grimberg, Landesvorsitzender Niedersachsen der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten forderte: „Brunnenvergifter hart zu bestrafen“. Der ewige Bauernpräsident Gert Sonnleitner fordert ebenfalls „harte Strafen“ und gibt zu Protokoll, dass „Panscher in der Branche nichts mehr verloren haben“. Kein Wunder, dass auch die Landwirtschaftsministerin Bundes-Ilse „harte Strafen“ und „personelle Konsequenzen“ fordert.

Doch endlich kommt Klarheit in die Affäre. Die Stasi hat das Dioxin in die sonst einwandfreien Futterfette gepanscht. Die Stasi! Wer hätte das gedacht? Wie die „Süddeutsche Zeitung“ aufdeckt, hat der Geschäftsführer eine 200-seitige Stasi-Akte, in der er für seine emsige Mitarbeit gelobt wird. Die „Bild“ atmet fast auf „Dioxin-Panscher war mieser Stasi-Spitzel“. Auch alle anderen Medien picken begierig die giftigen Nachrichten aus der Giftküche auf. Die Stasi, das erklärt manches. Das dieses miese Schwein von Geschäftsführer vor zweiundzwanzig Jahren Berichte für den DDR-Geheimdienst geschrieben hat, macht die Suche nach weiteren Ursachen für den Dioxin-„Skandal“ jetzt natürlich vollkommen überflüssig. Die verirrten Gutmenschen, die hier eine ganze Branche in Haftung nehmen wollten, müssen jetzt endlich wieder schweigen. Ohne das Ministerium für Staatssicherheit wären die 2500 Tonnen (!) Futtermischfette, die Harles und Jentzsch zwischen dem 11. November und 13. Dezember ausgeliefert hat, sicher vollkommen einwandfrei gewesen und 25.000 glückliche Kühe, Schweine und Hühner hätten in dem Monat je 100 Kilogramm leckeres Futtermischfett schnabulieren können.

Wären hier nicht Millionen Verbraucher beinahe Geisel von Erich Mielkes ganz persönlichen „Weg zum Kommunismus“ geworden? Was kommt als nächstes heraus? Nähe zu islamischen Kreisen? Ist der Verantwortliche mal an einer Moschee vorbeigegangen oder hat bei einem radikal islamischen Imbiss koschere Falafel gegessen? Fuhr die beste Freundin des Cousins seiner Großtante nicht auch einen Opel Commodore, angeblich das Lieblingsauto von Stalin?

Fragen lassen müssen sich die Verantwortlichen, wie es passieren konnte, dass ein „mieser Stasi-Spitzel“ in so einer verantwortungsvollen Position gelandet ist? Dürfen jetzt in der Schlüsselbranche der Futtermittelfettherstellung alle und jeder arbeiten? Wie soll das weitergehen? Nachher dürfen in so wichtigen Positionen wie der Bolzenschussanlage oder dem Zerlegeband auch noch ehemalige IMs ihr Unwesen treiben. Die industrielle Produktion von toten Tieren muss hundertprozentig Stasi-frei werden, schon aus ethischen Gründen!

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https://blogs.taz.de/reptilienfonds/2011/01/22/alles_klar_stasi_mischte_futterfett/

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kommentare

  • Nein, nein.. der Mann kommt bekanntermaßen aus Brandenburg und unterhält womöglich zahlreiche Verbindungen zur Neonazi-Szene.
    Damit deutet das Ganze vielmehr auf einen Angriff von Rechts hin – von rechts-unten, von der Basis, der Ernährung.

    Aber Scherz beiseite…schönes Beispiel für die Beliebigkeit eines Geredes, dass ‚erklären‘ soll, ohne ‚klären‘ zu können.

  • Der Dioxin-Skandal zeigt – wir brauchen neben besseren Kontrollen einen grundlegenden Politikwechsel: Weg von Agrarfabriken, hin zur bäuerlichen Landwirtschaft.

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