vonHeiko Werning 14.09.2011

Reptilienfonds

Heiko Werning und Jakob Hein über das tägliche Fressen und Gefressenwerden in den Wüsten, Sümpfen und Dschungeln dieser Welt.

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Ich würde sogar noch weiter als Freund und Kollege Jakob Hein gehen und von äußerst problematischen Wahlplakaten sprechen.

Der Fairness halber vorangestellt: Generell wäre es ja zu begrüßen, dass die FDP nicht mitmacht bei der ebenso inhaltsleeren wie langweiligen Köpfe-Plakatiererei. Was natürlich damit zusammenhängen mag, dass sie einfach über keine Köpfe verfügt, die irgendeinen Wählerstimmenzugewinn erhoffen ließen, weil eben niemand sie kennt. Also aus der Not eine Tugend machen und es mal mit Inhalten versuchen, haben sich die verbliebenen Strategen der FDP da wohl gedacht. Das Problem: Vermutlich sind einfach auch nicht mehr viele Strategen verblieben auf dem ja praktisch schon abgesoffenen Kahn, und wenn, dann jedenfalls nicht die besten. Um es unangebracht freundlich zu formulieren.

Fangen wir mal mit diesem hier an:

Das soll sicher witzig sein. Nur – wenn man von Witz und Humor nichts versteht, lässt man besser die Finger davon. Denn der hier ja direkt getätigte Vergleich des Schulsystems mit der Bundesliga, ironisch oder nicht, erlaubt auf jeder denkbaren Interpretationsebene nur den einzigen Schluss, dass die FDP nämlich das Gymnasium natürlich als Bundesliga betrachtet, dann aber halt, anders ergibt es nun mal keinen Sinn, Real- und Hauptschule als 2. und 3. Liga, ihre Schüler entsprechend als zweit- und drittklassig, so ja die im Sport übliche Bezeichnung. So will die FDP das garantiert nicht verstanden wissen. Das Dumme dabei: Man glaubt es ihr nicht. Sondern man glaubt, dass die das exakt so meinen, wie sie es auf ihr Plakat gedruckt haben. Um in der Sportsprache zu bleiben: ein klassisches Eigentor.

Denn das ist ja schon mal dumm, wenn man sich eigentlich über ein politisches Ziel, nämlich die „Einheitsschule“, lustig machen will, und es aufgrund mangelnder sprachlicher Möglichkeiten dann nicht hinbekommt.

Noch dümmer ist aber, wenn man daneben folgendes Plakat hängt:

Auf das Inhaltliche will ich hier gar nicht erst eingehen, obschon die gewollte Provokation hier ebenfalls aufgrund unbeholfener Formulierung bereits am Start verreckt (denn nach einer Luxussanierung kann ja der Großteil der Bevölkerung eben erst recht nicht mehr Wohnungen mieten, wo und wie er will). Aber wenden wir uns einfach nur dem bildungsbürgerlichen Minimum eines Schriftplakates zu: der Zeichensetzung.  Da ist nämlich ein satter Kommafehler im Antwort-Satz, es müsste heißen: „Für uns ist es kein Luxus, wenn Sie mieten, kaufen oder renovieren können, wo und wie Sie wollen.“ Also mit Komma nach „können“. (Wer’s nicht glauben mag: Duden, Band 4 (Grammatik), § 1667, freier Relativsatz, Beispiel: „Die Kirche wurde erbaut, wo vorher ein keltisches Heiligtum stand.“)

Natürlich, Schreibfehler kommen vor. Aber kann man über Plakate, mit denen man vermutlich tausendfach die ganze Stadt zukleistert, nicht mal irgendwen drübergucken lassen, der die Grundzüge der deutschen Sprache beherrscht?

Nö, kann man nicht. Nicht bei der FDP jedenfalls. Die kennen vermutlich einfach niemand, der korrektes Deutsch kann. Denn jetzt hat die Partei im Schlussspurt noch mal nachgelegt:

Ich habe erst einen Moment geglaubt, das könnte so ein Parodie-Plakat einer Satire-Gruppe sein, aber da es von der FDP selbst weiterverbreitet wird, gehe ich davon aus, dass es echt ist. Mit geschlagenen drei Kommafehlern (was bei vier Zeilen immerhin bedeutet, dass die FDP eine sogar fehlerfrei hinbekommen hat):

  1. Bei „wichtiger als“ darf kein Komma hin, denn „als Tempo 30 für ganz Berlin“ ist kein Nebensatz.
  2. Dasselbe gilt für „als zum Jobcenter“, also kein Komma nach „Job“.
  3. Dafür, praktisch zum Ausgleich, muss allerdings zwingend ein Komma gesetzt werden bei „langsam, aber sicher“ (vgl. auch Duden, Regel 113).

Um dem notorischen Gequengel gleich vorzugreifen: Das alles hat nichts mit neuer Rechtschreibung zu tun, das war früher auch so.

Bleibt die Frage, ob die FDP mit „Die neue Wahlfreiheit“ die Zeichensetzung meint. Für den FDP-Nachwuchs möchte man aber ganz dringend wünschen, dass er eine „Einheitsschule“ besuchen kann. Damit er dann hoffentlich etwas mehr Bildung mitbekommt als „die neue FDP“.

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https://blogs.taz.de/reptilienfonds/2011/09/14/problematische_wahlplakate_xi_das_bildungsdesaster_der_fdp/

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kommentare

  • @Anselm: “FDP – eine bildungsferne Schicht bedroht unser Gemeinwesen”.

    Tja, nun nicht mehr, dennoch sollte man der Nachwelt so ein Buch hinterlassen – die Gesinnung stirbt ja nicht mit der Partei.

  • contra Duswald: Der Text ist viel zu kurz. Um die semantische, orthographische und ästhetische Bankrotterklärung dieser Plakat-Reihe einer pseudo-elitären Partei zu würdigen, hätte es tatsächlich eines ganzen Buches (wenn auch keines Romans) bedurft. Arbeitstitel „Gewollt und nicht gekonnt – wie Arschlöcher auf dicke Hose machen“. Oder „FDP -eine bildungsferne Schicht bedroht unser Gemeinwesen“.

  • Hat sich hier echt jemand hingesetzt und einen Roman über die Kommasetzung auf Wahlplakaten geschrieben? Ahahaha geh mal an die frische Luft, denn das ist einfach nur erbärmliches genörgel.

  • Ich war auf der Haupschule, wollt ihr mir jetzt sagen das ich was schlechteres bin als ihr? PAAR AUF DIE FRESSE ??? 😛

    … davon abgesehen heißt das „WIE“ und nicht „ALS Tempo 30 für ganz Berlin“!

    Guten Tag.
    Dülla – Prophet des Lichts

  • Auch gut beim Einheitsliga-Plakat: Mit viel Geld und (selbstverständlich privater) Förderung schafft es so mancher Verein in die 1. Liga. Und Talentförderung macht die Ligen für einzelne Spieler (die nicht aus privilegierten F,D,P,-Familien kommen) deutlich durchlässiger als unser abgeschottetes Schulsystem.

  • @Johanna Thoelke: Ach komm, erklärte Witze sind doch immer blöd. In genau dem Satz diese umgangssprachlich verbreitete Falsch-Formulierung – na ja, vielleicht zu verspielt. Ich fand’s lustig. Aber ist vielleicht Lektoren-Humor.Wenn’s zu sehr irritiert, kann ich’s auch wegnehmen. Soll ich?

  • Falsch platzierte Kommata hin oder her. Was die Krabbelgruppe FDP da inhaltlich versucht hat aufs Plakat zu bringen, zeigt doch deutlich wessen Herren Diener sie ist. Es zeigt wie wichtig es ist, dafür zu sorgen, dass diese Partei ganz tief in die Bedeutungslosigkeit rutscht, in die sie sich grad selbst manövriert mit ihren aktuellen Aktionen^^

  • @Heiko: ein schöner Beitrag. Was den Niemandsatz allerdings betrifft – aus welchem Grund hast du das -en hinter Niemand weggelassen? So ganz erschließt sich mir das nicht aus dem Kontext.

  • Fast jede Zeile ein Rechtschreibfehler? Das gibt Punktabzug. Ich sehe die Versetzung in die nächste Legislaturperiode arg gefährdet. Für abgehalfterte FDP-Politker besonders tragisch ist aber, daß sie sich bald nicht mal mehr nach Europa absetzen können, denn das wird von ihrer Partei ja gerade abgeschafft.

  • @Carsten/Floda Nashir: Dass bei einem solchen Beitrag natürlich gleich jede Formulierung auf die sprachanalytische Goldwaage gelegt wird, war mir schon klar. Deswegen milderte ich eingangs ja auch gleich ab – ich bin nun niemand, der sich über Fehler in Texten übermäßig aufregt, es sei, sie sind mir entgangen, wenn ich sie selbst lektoriert habe, was ja ein Teil meines Berufs ist. Ich sehe aber doch einen gewissen Unterschied zwischen Kommafehlern in einem unredigierten Blog-Eintrag, einer gedruckten Zeitung und schließlich einem zu Werbezwecken herausgegebenen Plakat, in sozusagen aufsteigender Reihenfolge der Peinlichkeit. Über Letzteres würde ich z. B. durchaus nochmal, Achtung!, jemand drüberschauen lassen.
    Der Niemand-Satz allerdings, das sollte aus dem Kontext hervorgehen, ist schon absichtlich so gesetzt und gefällt mir fast am besten in diesem kleinen Eintrag.
    Ich dachte, das müsste man nun nicht eigens hervorheben. Aber für Euch mach ich ja praktisch alles.

  • @ jörg >> echt geil deine komma´s, alter, musste das 5 mal lesen, um überhaupt den sinn zu checken. ENORM, was so´n paar kommas aus ´nem text machen können. Danke!

  • Streng genommen ist „Lieber zügig zum Job …“ gar kein Satz, denn es fehlt das Verb (z.B. fahren).
    Der Großteil der Berliner fährt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit. Dei FDP sollte sich demnach mehr dafür einsetzen das die S-Bahn zuverlässiger wird.

    Der Vergleich zur Bundesliga passt auch nicht richtig. Denn wenn einer gute Leistungen erbringt dann kann man von der 2. in die 1. Bundesliga aufsteigen.
    Unser Schulsystem ist nicht durchlässig. Wenn man einmal auf der Realschule oder Hauptschule ist dann bleibt man dort bis zum Ende, auch wenn man gute Leistungen erzielt.

  • Siehe Carsten.

    Und Heiko: guck doch bei Gelegenheit auch ab und zu mal bei Deinem Kollegen Jakob drüber, der kann Kommasetzung auch nicht aus dem FF. (Ich werde langsam müde und komme mir doof vor, das immer anzudingsen. Prangern?)

    Und Heiko: Danke! Hat mir gefallen!

  • Das Plakat mit der Einheitsliga ist übrigens mindestens ein 0:2 als Eigentor. Wie der Fußball-Legastheniker Heiko nicht wissen kann, ist die Bundeliga gerade eine Einheitsliga, die aus den vielen kleinen, schwer vergleichbaren Landesligen gegründet wurde, um den Sport deutschlandweit attraktiver zu machen.
    Dass sie keine Ahnung vom Fußball haben, weisen die Kameraden en passant also auch, noch, nach. (Ich hab mal hinten ein paar Kommi gesetzt, so sicherheitshalber, im Sinne von „Arbeit. Bildung. Mehr Polizei.“)

  • Ich bin ja in Punkto Interpunktion ohnehin ein Legasteniker, aber jetzt, wo Du es sagst: Besser hätte ich es auch nicht Interpunktieren können, als die FDP.

  • Nein, Heiko, dieses F,D,P,-Bashing ist, einfach nur, ungerecht. Das hat die F,D,P, nicht verdient. Der kritische, Betrachter sollte einfach, nur dankbar sein. So schön und, elegant ist doch schon lange, nicht mehr aufgezeigt worden, dass die bildungsfernste, Schicht im Land unsere, selbsternannte Leistungselite ist. Das einzige Komma, das die richtig setzten können, ist das zwischen, Mark und Pfennig.

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